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Was auf der Zeichnung des Bundesamtes für Strassenbau so niedlich daherkommt…

...steht in Wirklichkeit gemäss Baustangenprofil fünf Meter hoch an der Forststrasse im Gütschwald.

 

Der Gütschwald wird zum Bauplatz

Die Lüftungszentrale im Gütschwald, die durch den Bau des Bypass-Autobahntunnels unter Luzern notwendig wird, kann im Katastrophenfall die Anwohner im Untergütsch gefährden. Sie haben Einsprache gegen den Bau der Anlage im Gütschwald erhoben.

Von René Regenass (Text und Bild)

Massive Autobahnausbauten in der Agglomeration Luzern, eine grosse Lüftungszentrale, geplant ohne Filteranlage im Gütschwald, und bauliche Eingriffe beim Dammgärtli bei der St. Karlibrücke – das sind die für Luzern massivsten Eingriffe und Zerstörungen, welche der Bau des Bypasses, des geplanten zweiten Autobahntunnels unter Luzern, mit sich bringt. Vom Bauwerk im Gütschwald sind Anwohner im Untergütsch und vor allem auch die zahlreichen älteren Spaziergänger und Wanderer betroffen, welche diesen Erholungsraum häufig nutzen.

Stadt und Korporation Luzern wie auch Kriens, Emmen und die Umweltverbände VCS und WWF haben, neben privaten Anwohnern und anderen Institutionen, beim Bund Einsprache erhoben gegen das Projekt Bypass. Am 7. Juli ist diese Frist abgelaufen. Im Fokus der Einsprachen steht in erster Linie die Absicht des Bundesamtes für Strassenbau (ASTRA) mit „Rezepten von gestern Verkehrsprobleme von heute lösen zu wollen“, wie es SRF4 im März 2019 in „Schweiz Aktuell“ formulierte. Die Rezepte: ein 3,5 Kilometer langer Autobahntunnel vom Grosshof in Kriens bis zum Ibach in Emmen, acht neue Autobahnfahrspuren und Tunnelröhren im Bereich Ibach – Verzweigung Rotsee, für den Stadtrat von Luzern „ein unverhältnismässiger Eingriff in den Naherholungsraum an der Reuss.

Die Lüftungszentrale kommt in die Nähe des Forsthauses zu stehen
Genau so massiv und zudem für die Anwohner gefährlich, ist der Eingriff für den Bau der Lüftungszentrale im Gütschwald. Geplant und ausgesteckt ist ein Gebäude von rund 50 auf 30 Meter, zwischen einem und fünf Meter hoch. Rund 80 Bäume müssen dafür gerodet werden. Von einer entsprechenden Aufforstung, die sonst überall gefordert wird, spricht niemand. Die Rodungsfläche hätte auf Intervention der Korporation reduziert werden können, sagt Korporationspräsident Max Lang auf eine entsprechende Frage. Immerhin: die Korporation hat zum ökologischen Ausgleich eine Erweiterung der bestehenden Weiheranlage im Hinteren Gütschwald gefordert und vom ASTRA zugesichert erhalten. Inhalt der Einsprache der Korporation Luzern ist auch die Forderung, dass das öffentliche Wegnetz im Umfeld der Lüftungszentrale nach dem Bau wieder so hergestellt werde wie vorher. Eine Forderung, die eigentlich so selbstverständlich wie wichtig ist. Denn das Bauwerk im Wald steht nur etwa 150 Meter vom Forsthaus entfernt, also genau dort, wo am meisten Leute unterwegs sind.

Während der Bauzeit von mindestens zwei Jahren wird der Gütschwald auch von einem intensiven Verkehr von Lastwagen, Baumaschinen und grossen Waldbaggern belastet werden. Die Zu- und Wegfahrten zum Bauplatz in der Nähe des Forsthauses erfolgen über Bernstrasse, Kanonenstrasse und dann vom Waldrand auf den bestehenden Forststrassen. 

Mögliche Schadstoffentwicklung kann Anwohner gefährden
Einsprache erhoben gegen den Standort der Lüftungszentrale, geplant ohne Filteranlage, haben auch Anwohner und Anwohnerinnen im Gebiet Untergütsch, Adrian Schmid und Theres Wyss, Walter und Irma Überschlag. Im Fokus dieser Einsprache steht das mögliche Gefährdungspotential für die direkten Anwohner in den Quartieren Säli, Bruch und Obergütsch im Katastrophenfall. Falls das Projekt trotz der Einsprache realisiert werden sollte, müssten Schutzmassnahmen für die betroffene Bevölkerung entwickelt und breit kommuniziert werden. Die Einsprecher erinnern dabei an den „fatalen Unfall eines Lastwagens mit elf Toten im Gotthardtunnel im Oktober 2001“. Zahlreiche Menschen starben auf Grund der Schadstoffentwicklung im Tunnel. Das Gefährdungspotential von Bränden in Strassentunnels bestehe nicht nur für die Betroffenen von Unfällen, sondern auch für die im Umfeld der Entlüftungsanlagen wohnenden Menschen, schreiben die Einsprecher. Das Risiko erhöhe sich zusätzlich bei Gefahrentransporten, wie sie die Urner Kantonspolizei auf der Gotthardroute immer wieder feststellte. Der grösste Teil dieser Lastwagen hätte zuvor den Sonnenbergtunnel durchquert, respektive in Zukunft den geplanten Bypass. Die Konsequenz: „Im Not- oder Katastrophenfall würden die an die Lüftungszentrale angrenzenden Wohnquartire direkt mit der schadstoffbelasteten Abluft belastet.“

Konsterniert ist Einsprecher Adrian Schmid von der Haltung des Quartiervereins Säli-Bruch-Obergütsch, dessen Präsident Werner Meier zur Einsprache, respektive zu einer Unterstützung der Anliegen der Einsprecher keine Stellung bezieht. Der Quartierverein sei politisch und konfessionell neutral, schrieb Meier, und der Vorstand habe keinen entsprechenden Auftrag der Basis. Was soweit nachvollziehbar ist: Um einen Auftrag zu erhalten, müsste sich der Vorstand zuerst bewegen.

Chance für andern Standort der Lüftungszentrale?
Für Korporationspräsident Max Lang ist der Eingriff im Gütschwald nur ein kleiner Mosaikstein im ganzen Bypass-Vorhaben. Und er sieht auch eine kleine Chance, dass die Lüftungszentrale andernorts gebaut werden könnte. „Wenn die Forderung von Kriens nach einer Überdachung der neuen Autobahn im Grosshof berücksichtigt werden kann, ist es denkbar, dass die Lüftungszentrale dort am Anfang des Tunnels gebaut werden könnte. Das ist kein Wohngebiet mehr.“

Im Luzerner Grossen Stadtrat ist am 4. Juni ein Dringliches Postulat der Grünen und Jungen Grünen teilweise entgegengenommen worden, das den Verzicht auf den Bau der Lüftungszentrale im Gütschwald gefordert hatte. Umweltdirektor Adrian Borgula sagte, wenn man den Bypass bauen wolle, was der Stadtrat unterstütze, müsse die Lüftungszentrale gebaut werden. Die bürgerlichen Parteien inklusive die Grünliberalen lehnten das Postulat ab, auch mit dem Hinweis, dass der Bau des Bypasses unbestritten sei.

Stadtrat verlangt überdachte Autobahn
Auch in der Einsprache der Stadt Luzern gegen das „Projekt Gesamtsystem Bypass Luzern“ heisst es, der Stadtrat stehe hinter diesem Projekt. Diese Zustimmung stammt aus früheren Jahren, als die parteipolitische Zusammensetzung des Grossen Stadtrates den Bürgerlichen noch ein kleines Übergewicht gegeben hatte. Heute wolle der Stadtrat, heisst es im Dokument, dass das Projekt Bypass „stadt- und landschaftsverträglich umgesetzt“ werde. Es brauche deshalb Anpassungen am Projekt:

  • Ein minimaler Eingriff im Naherholungsraum an der Reuss (Autobahnausbau im Ibach) und Beachtung von Natur-, Gewässer- und Heimatschutz.
  • Eine geschlossene, das heisst überdachte Autobahn im dicht besiedelten Gebiet Luzern-Süd.
  • Verbesserungen im öffentlichen Verkehr während der Bauzeit, das heisst durchgehende Busspuren vom Kupferhammer in Kriens bis zum Luzernerhof.

Auf drei Jahre hat das Bundesamt für Strassenbau (ASTRA) die Bauzeit für den Bypass berechnet. Auf Nachfrage sagt Stadtrat Adrian Borgula, er rechne mit „deutlich länger“. Und es werde Umleitungen geben, präzisiert Borgula. Nicht zuletzt deshalb fordere die Stadt flankierende Massnahmen schon während der Bauzeit, zum Beispiel die durchgehende Busspur vom Luzernerhof zum Kupferhammer als integralen Bestandteil des Projekts. Auch die Beschränkung des Eingriffs im Gütschwald auf eine „minimalinvasive Variante“ müsse im Projekt aufgezeigt werden, was bis heute nicht der Fall sei.

„Bypass steht quer zu den Klimazielen“

Eher auf einer übergeordneten Ebene argumentiert der VCS in seiner Einsprache gegen das Bypass-Projekt. Der Bypass mit dem Kapazitätsausbau der Strasse stehe quer zu den Klimazielen des Bundes, schreibt Dominik Hertach, Geschäftsführer der VCS-Sektion Luzern. Sollte der Bypass trotzdem verwirklicht werden, verlangen die Umweltverbände den Rückbau der bestehenden Stadtautobahn durch Luzern oder deren Nutzung durch den öffentlichen Verkehr. WWF und VCS kritisieren weiter das fehlerhafte Verkehrsmodell des Kantons Luzern, das dem Bypass zugrunde liege. Es basiere auf veralteten Daten.

 

Adrian Schmid: Einsprecher mit politischer Erfahrung

Adrian Schmid, im Untergütsch direkt am Waldrand wohnend und Einsprecher gegen die Lüftungszentrale im Gütschwald, war über Jahre politisch und in Non-Profit-Organisationen aktiv. Von 1983 bis 2000 wirkte er im Grossen Bürgerrat, respektive im Grossen Stadtrat von Luzern, 1998 war er dessen Präsident. Neun Jahre war er als Vizepräsident der Grünen Schweiz tätig. 2009 bis 2019 engagierte er sich als Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, vorher für sieben Jahre als Geschäftsleitungsmitglied des VCS (Leiter Politik und Kommunikation). In Luzern war er neun Jahre Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbandes, ab 2000 bis 2007 Präsident. Seit 2016 ist Adrian Schmid Präsident der Schweizer Demokratie Stiftung und seit zwei Jahren Geschäftsführer des Global Forum on Modern Direct Democracy.

24. Juli 2020 / rene.regenass@luzern60plus.ch