Silvia Käslin und Wolfgang Sieber. 

Ein Abschied mit vielen Klangfarben

Ende September wurden Wolfgang Sieber als Organist und Sylvia Käslin als Koordinatorin der Kirchenmusik in der Hofkirche pensioniert. Mit viel Herzblut und Leidenschaft für die Orgel und für musikalische Erlebnisse hat das Ehepaar jahrelang zahlreiche Freunde verschiedenster Musikstile in die Kirche gebracht. Das Engagement für die Orgelmusik wird auch nach der Pensionierung weitergehen.Monika Fischer (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Noch einmal begeisterte der Orgelsommer in der Hofkirche die zahlreichen Besucherinnen und Besucher: am Mittag mit den Gewitterkonzerten von Wolfgang Sieber, am Abend mit den Konzerten von Organistinnen und Organisten aus dem In- und Ausland. Abgeschlossen wurde der Zyklus mit zwei Abschiedskonzerten «Wolfgang Sieber & Friends». Der Organist spielte mit Freunden, mit denen er in den letzten 29 Jahren im Hof musiziert hatte. Neben anderen waren Solisten des Luzerner Sinfonieorchesters ebenso dabei wie Willi Valottis Wyberkapelle, die BML Talents und Sohn Gabriel mit seinem Horn. Zu den Klängen des Hälmi von Heinz Della Torre balancierten die Kinder des Zirkus Tortellini auf dem Einrad und wirbelten ihre Keulen und Bälle durch die Kirchengänge: Eine bunte Show für alle Sinne.

Unermüdliche Schaffenskraft

Eine Überraschung hatten die Sieber-Kinder für ihre Eltern vorbereitet. Die Enkelkinder holten sie in der Kirche ab und führten sie durch das lange Spalier der applaudierenden Konzertbesucher. Mit einem Glas Rotwein in der Hand sprach Wolfgang da und dort mit Freunden, während Sylvia eines der Enkelkinder auf den Arm nahm. Gelegenheit für Begegnungen und Austausch bot danach der Apéro für alle auf dem Kirchenplatz.

Der Anlass war charakteristisch für das Wirken des Ehepaars. «Es war immer mein Ziel, mit der Orgel im Mittelpunkt die Menschen in die Kirche zu holen und ihnen ein Erlebnis zu verschaffen», freute sich Wolfgang Sieber. Was er zusammen mit Frau Sylvia mit viel Einsatz, Kreativität und Lebenslust vor fast drei Jahrzehnten angepackt hatte, nahm eine Eigendynamik an und füllte zunehmend mehr Raum. Die Vielfalt der Musik, das Schaffen als Musiker, als Pädagoge, als Komponist, die unzähligen CD-Aufnahmen, das Leben in der zehnköpfigen Familie und der Freundeskreis: Alles war gross, war vielfarbig, lustvoll und weit.

Wolfgang Sieber.

Das Sieber’sche Familienunternehmen

Begonnen hatte es vor 67 Jahren im musikalischen Elternhaus im toggenburgischen Lichtensteig, wo Wolfgang Sieber als Einzelkind aufgewachsen war. Vom Vater erhielt er den ersten Unterricht in Klavier und Grundkenntnisse der Musik und von der Mutter den Willen, den Unternehmergeist und den Tatendrang. Nach der Ausbildung zum Primar- und Reallehrer studierte er Klavier und Orgel und schloss mit dem Lehr- und Konzertdiplom ab. Es folgten Meisterkurse für Orgel und Improvisation bei namhaften Organisten in Paris, München und Prag.  

Sylvia Käslin.

Sylvia Käslin, 63, war in Basel aufgewachsen, wo ihre Eltern ein Kinderheim leiteten. Als Kind und Jugendliche war sie oft in Lichtensteig, der Heimat ihrer Mutter, in den Ferien. Die ausgebildete Krankenschwester war Mutter von vier kleinen Kindern, als sie Wolfgang 1986 in den Proben des Kirchenchores kennenlernte. Für beide ging mit der Beziehung, der Leidenschaft und Liebe eine andere Welt auf. Damit verbunden war eine enorme Kraft, die die Realisierung von Visionen möglich machte. Vier weitere gemeinsame Kinder wurden geboren. Viele Jahre waren die Siebers als Grossfamilie unterwegs. Die Kinder waren selbstverständlich bei Proben und auf Konzertreisen dabei. «Wir hatten deshalb lange ein «Häfi» auf der Orgel», lacht Wolfgang Sieber.

Die Orgel im Zentrum

«Ohne Sylvia ist Wolfgang verloren», war immer wieder zu hören. Diese leistet bei allen Aktivitäten als Assistentin tatkräftige Unterstützung. Sie steht neben oder hinter ihm beim Orgeltisch, legt die Noten bereit und zieht bei Bedarf zum richtigen Zeitpunkt die Register. Neben dem Terminkalender besorgt sie die ganze Administration und die Hauswirtschaft für die Grossfamilie.

An rund 40 Wochenenden im Jahr war Wolfgang Sieber als Organist im Einsatz. Neben den Pflichten als Kirchenmusiker bezeichnet er die Konzerte als seine Kür. «Sie fordern mich heraus, dranzubleiben und stets zu üben.» Um der Orgel mehr Raum zu geben, gründete er 2004 den Verein der Orgelfreunde der Luzerner Hofkirche, der heute rund 400 Mitglieder umfasst. Bei seinen unkonventionellen Konzerten begeisterte er mit klassischer Orgelmusik ebenso wie mit Volksmusik, mit Rock und Pop. Verschiedene Auszeichnungen bestätigten ihn auf seinem Weg: 2009 der Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern, 2014 der «Goldene Violinschlüssel» für besondere Verdienste um die Volkmusik, 2017 der Päpstliche Orden Bene Merenti für die 50-jährige Tätigkeit als Kirchenmusiker und 2018 der Horwer Kulturbatzen.

Pensionierung als harter Schnitt

Wolfgang Sieber und Sylvia Käslin freuten sich, dass sie ihren persönlichen Abschied nach ihren Vorstellungen gestalten konnten. Es beschäftigte sie, als sich vor Monaten der Übergang als harter Schnitt abzeichnete, wohl um dem Nachfolger, dem jungen Belgier Stéphane Mottoul, Raum zu lassen. «Wir hätten uns eine Übergabe gewünscht, die auf dem Bestehenden aufbaut, damit etwas von dem weitergeht, was in einer Generation gewachsen und in Bewegung geraten ist. Wir tragen auch eine Verantwortung gegenüber allen, die begeistert waren von der Vielfalt unserer Konzerte und der dadurch entstandenen Kraft», erklären sie. Die Enttäuschung im Umgang mit Entscheidungsträgern konnte das Paar in vielen Gesprächen verarbeiten. «Jetzt ist es gut. Nach den anstrengenden Monaten freuen wir uns auf gelassenere Zeiten», meint Sylvia Käslin.

Ihr Mann verweist auf den schweren Unfall 2019, der seine Teilpensionierung eingeleitet hatte. «Es war für mich wie ein Weckruf: Es geht auch ohne mich.» Nicht zuletzt dank der Unterstützung und Pflege von Sylvia hat er sich zum Glück wieder gut erholt. Doch hält er fest: «Jetzt bin ich wieder voll im Saft und höre nicht auf wie ein ausgelaugter Arbeiter. Was aufhört, sind Amt und Titel als Hoforganist. Als Musiker und Freelancer kann ich unternehmerisch weitermachen, wie ich will und dabei auf meine Work-live-balance achten.» Als erstes steht für die Weinliebhaber im Oktober die für die Mitglieder des Vereins der Orgelfreunde organisierte einwöchige Orgel-Wein-Reise in die Bündner Herrschaft, ins Veltin und Tessin auf dem Programm. Neben Besuchen von Weingütern stehen zehn Rezitals auf lokalen Orgeln auf dem Programm.

Das grosse Haus als Begegnungsort

Sie möchten nicht zurückzuschauen, sondern den Blick in die Zukunft richten. Sie freuen sich auf geplante Wanderungen und auf genügend Zeit zum Lesen, zum Komponieren (Wolfgang), für Sprachen (Sylvia), zum Zusammensein mit Freunden. Bei der Lektüre und bei Gesprächen möchten sie «vertiefen, was uns wichtig ist und immer wieder Neues erfahren.» Einmal im Monat wird Wolfgang Sieber in der Pfarrei Escholzmatt, wo viele seiner Freunde wohnen, die Chorbegleitung an der Orgel übernehmen. Für das Jahr 2022 sind bereits 50 Konzerte im In- und Ausland geplant. Am Aufgleisen ist zudem das Projekt «Orgelportal.ch» als neue online Schnittstelle für Schweizer Orgelkultur.

Im Zentrum steht weiterhin die Grossfamilie, die Teilhabe am Leben der erwachsenen Kinder und der Enkelkinder. Während Sylvia Enkelkinder hütet und sich um die betagten Eltern kümmert, unterstützt Wolfgang bei Bedarf jene Kinder, die ebenfalls künstlerisch tätig sind. Er ist seiner Frau dankbar für ihre Toleranz, die ihm Freiheit bei Familienpflichten zulässt.

Das 10-Zimmer-Haus mit Garten am Bach in Kastanienbaum möchten sie als Begegnungsort behalten. Es offenhalten, wenn eines der Kinder vorübergehend eine Bleibe in Luzern braucht oder mit Freunden zu Besuch ist. Sie lieben es, wenn Haus und Garten erfüllt sind mit Kinderlachen, mit Gesprächen und Musik. Doch geniesst es Sylvia auch, wenn es einmal ganz ruhig ist. Zum Beispiel, wenn Wolfgang täglich im See schwimmt und sich dabei körperlich und mental neu aufbaut. «Das Wasser steht mir bis zum Hals, aber ich ertrinke nicht. Ein wunderbares Gefühl, das mir neue Energie gibt», meint er lachend.  Übereinstimmend halten sie fest: «Es ist eine wunderbare Fügung, dass wir so viele Jahre der Sache und den Menschen dienen und Freude bereiten konnten. Es ist das, was bleibt und Kraft gibt zum Weitergehen.» - 27.9.2021

monika.fischer@luzern60plus.ch