Buschi Luginbühl. Bild: Joseph Schmidiger

Über das Erinnern und das Vergessenwerden

Von Buschi Luginbühl

Nun bin ich also auch noch unter den Kolumnisten gelandet, nicht ganz freiwillig, weil es mir schwerfällt Nein zu sagen, da ich nach wie vor neugierig bin und mich immer wieder auf Neues einlassen möchte. (Soll ein probates Mittel gegen «Einrosten» sein.)

Aber so ein «richtiger» bin ich dann doch nicht, ich habe nämlich mal im Internet nachgesehen, was da so steht: «Die Kolumne ist ein meinungsbildender Text, der meist in einem Printmedium erscheint und von einem einzelnen (bekannten) Autoren oder von renommierten Gastautoren verfasst wird. Diese Autoren sind meist Journalisten und werden als Kolumnisten bezeichnet». Ich bin weder Journalist noch bekannt und auch nicht renommiert. Und vor allem mute ich mir nicht zu, einen meinungsbildenden Text zu verfassen. Also werde ich mich darauf beschränken, ein bisschen zu sinnieren, mich zu erinnern, hoffentlich ohne gleich als «Ewiggestriger» abgestempelt zu werden.

Ich durfte in meinen letzten Arbeiten wieder einmal erfahren, wie spannend «Erinnern» sein kann – es geht eng verbunden mit «Vergessen» und vor allem «Vergessenwerden» einher. Und dies ist eines der zentralen Themen, das mich immer mehr beschäftigt. Wallenstein sagt im Drama von Friedrich Schiller wohl zu Recht, «dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze», ihm selbst ist es zwar nicht so ergangen. Aber wie viele interessante, kreative Menschen sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Dies ist meine Absicht, da und dort ein bisschen zu graben und «vergessene Taten» ans Licht zu bringen. Apropos Schiller und Meinungsbildung – um doch noch ein bisschen aktuell zu bleiben –, so richtig unwohl war es mir an einer, wie es damals noch hiess, Talkshow im Fernsehen, in der es um den Tell ging, und ich mich eben meinungsbildend dazu äussern sollte. Im Moment ist ja die Diskussion um unseren «Helden» wieder in vollem Gange, einmal mehr wird er instrumentalisiert.

Es gibt einen wunderbaren Bildband für wen und was der gute Tell schon alles herhalten musste. Tell ist eine Figur aus der «Volkskunde», auf die Goethe bei einer seiner Schweizerreise gestossen ist. Er schrieb damals aus Stäfa an Schiller: «Was werden Sie nun aber sagen, wenn ich Ihnen vertraue, dass zwischen allen diesen prosaischen Stoffen, sich auch ein poetischer hervorgetan hat, der mir viel Zutrauen einflösst. Ich bin fast überzeugt, dass die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde dabei, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten, dass das Märchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelangte, anstatt dass man sonst um etwas zu leisten die Geschichte zur Fabel machen muss.» Das ist ja eingetreten, Goethe hat den «Stoff» Schiller überlassen, der, meiner bescheidenen Meinung nach, dann seinen Traum einer freien Gesellschaft verfasste.

Eine für mich wirklichkeitsnahe Umsetzung der «Fabel» stammt von einem spanischen Dramatiker, der dort viel bewegt hat, bei uns aber unbekannt – oder eben vergessen – ist, sein Name Alfonso Sastre. Er hatte den Auftrag für das «Teatro Español» in Madrid eine spanische Übersetzung des Schiller’schen Dramas zu erarbeiten, beim Apfelschuss brach er seine Arbeit ab, da er für sich diese Szene nicht nachvollziehen konnte. Er macht sich an eine eigene Fassung, in der Tell nicht den Apfel, sondern seinen Sohn tödlich trifft. Tell fällt in Depressionen und zieht sich mit seiner Frau zurück. Aber die braven Eidgenossen brauchen einen Helden und so wird er gegen seinen Willen dazu instrumentalisiert. Kommt ihnen dies nicht auch bekannt vor? Wir sind ja im Moment wieder gezwungen, uns konkret mit Krieg und Diktatur auseinanderzusetzen. Das hatten wir alles schon, immer wieder. Dies meine ich mit, dass «sich Erinnern» wichtig und immer aktuell ist, und dass es notwendig erscheint, dieses und jenes aus der Vergessenheit hervorzuholen.

Was in meinen Kolumnen – sofern Sie sie denn goutieren - sicher auch öfters zur Sprache kommen wird, ist das Phänomen des Zufalls oder – wie mich eine liebe Kollegin belehrte – laut Jung die Synchronizität. «Als Synchronizität bezeichnete der Psychiater und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung zeitlich korrelierende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind (die also akausal sind), jedoch als miteinander verbunden, aufeinander bezogen wahrgenommen und gedeutet werden.» Uns allen passiert dies immer wieder, mich jedenfalls fasziniert es jedes Mal.

Ein kleiner versöhnlicher Schluss: Ich kam vor ein paar Tagen an einem Tisch vorbei, auf dem Bücher lagen, die entsorgt werden sollten. Eines davon sprang mir sofort in die Augen. Ich muss dazu sagen, dass ich seit ein paar Jahren beratend beim Landschaftstheater Ballenberg tätig bin und dadurch ein bisschen einen Bezug zum Berner Oberland bekommen habe. Nun gibt es da einen Lyriker, der in Brienz lebte und eine Autorin von Frutigen, die es beide verdienen, über ihre Grenzen hinaus wieder in Erinnerung gerufen zu werden, auch oder gerade weil ihre Muttersprache sehr speziell ist. Albert Streich und Maria Lauber. Das Buch ist dem Lebenswerk Maria Laubers gewidmet. Und da fand ich einen kleinen Briefverkehr der beiden. Ich kann ihn hier nur ausschnittweise zitieren, aber dieses gegenseitige «sich kennenlernen», und der Respekt für die Arbeit des andern macht so hoffnungsfroh. Maria Lauber schrieb: «Haben Sie's wohl gespürt, dass sie einen Menschen irgendwo hinter den Bergen glücklich gemacht haben? Ich erhielt Ihr Büchlein «Fehnn». (…) Ich lebe in einer für mich ausserordentlichen schweren Zeit. Aber Ihre schönen Schilderungen haben mich meinen Kummer vergessen lassen. Das Licht ihrer schönen Gedanken wirft seinen Schein über viele meiner Tage. Ich danke Ihnen.» Und Albert Streich schrieb ihr zurück: «Ihr Brief freut und bekümmert mich so, dass ich mit mir noch nicht so weit ins Reine gekommen bin, ihn gut beantworten zu können, und nur so obenhin hat keinen Zweck. Unbedingt muss ich einmal mit ihnen reden.»

Etwas, dass mir, und damit wären wir wieder am Anfang, bei meiner Beschäftigung mit Meinrad Inglin und seinen Zeitgenossen aufgefallen ist, und ich zusammen mit andern ans Licht bringen will: diese Freundschaften, dieser Respekt für die Arbeit des andern, die Freude über einen Erfolg des andern. Dies ist etwas, das niemals in Vergessenheit geraten darf.

10. Mai 2022 – buschi.luginbuehl@luzern60plus.ch


Zur Person
Buschi Luginbühl, Jahrgang 1942, ist in Kriens geboren und aufgewachsen. Nach der Weiterbildung als Architekt tätig. 1978 beruflicher Neubeginn. Zweijährige Stage bei Schweizer Radio DRS, dann freischaffender Regisseur für Hörspiel & Satire. Schauspielausbildung, Engagements im In- und Ausland. 30 Jahre zusammen mit Franziska Kohlund Leiter der freien Theatertruppe IL SOGGETTO (u.a. mit Margrit Winter, Erwin Kohlund und Peter Brogle). Arbeitet bis heute als Regisseur und Bühnenbildner im In- und Ausland. Diverse Publikationen zum Theater. Er lebt in Luzern.