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Yvonne Volken Foto: Joseph Schmidiger

Über Corona-Grenzen und ihre Risiken 

Von Yvonne Volken

Krisenzeiten wie diese sind die hohe Zeit der Grenzziehungen. Seit den Pestzügen in Europa gehören Ausgrenzung und Abschottung zum Standard, um das Böse, um Sterben und Tod möglichst abzuwenden, draussen zu halten. Daran hat auch unsere entgrenzte Zeit, haben Globalisierung und Hightech-Medizin wenig geändert, wie sich derzeit zeigt. Was aber ist, wenn wir plötzlich nicht mehr wissen, auf welcher Seite wir uns befinden? Werden wir "Alten" zum Schutz eingegrenzt und gleichzeitig gleich auch ausgegrenzt?

Irgendwann in einem Frühsommer vor langer Zeit: Wir, meine Freundin Regula und ich, lagen bäuchlings auf einer grossen Luftmatratze im Zweierzelt und diskutierten darüber, welche Arie an unserem Begräbnis gespielt werden sollte. Die Musik musste von Bach sein und in Frage kamen zwei Arien mit wundervollen Abschiedstexten: "Schlummert ein, ihr matten Augen, fallet sanft und selig zu..." oder auch "Ich freue mich auf meinen Tod...". Sterben und Tod erschienen uns damals - echt wahr! - als romantisches Abenteuer. Wir litten nämlich an heftigem Liebesschmerz und liebten beide Peter, einen jungen Violinisten aus dem Barockorchester, der uns beide einfach ignorierte!

Diese naive, unschuldige Todesvorstellung ging mir leider schon längst verloren und ist einer Furcht vor der eigenen Endlichkeit gewichen, einer Furcht, die ich resilient gemeistert habe bis anhin. Aber in diesen Tagen ist alles anders... Während ich regelmässig meine tägliche Dosis "Corona"-Statistik einnehme und abends auf Luzerns verlassenen Strassen und vereinsamten Plätzen unterwegs bin, denke ich über die Sterbensangst nach und darüber, wie diese Angst, die wir alle teilen, unser Leben innerhalb von Wochen total auf den Kopf gestellt hat.

Ich frage mich, ob es früher anders war. Waren Sterben und Tod selbstverständlicher, zum Beispiel zu Zeiten Bachs, damals als es noch keine Antibiotika und keine Impfungen gab? Starb es sich früher angstfreier, weil da ein jenseitiges Paradies wartete, zumindest für die Gottgefälligen? Ich zweifle daran. Der Reformator Thomas Platter (1499-1582) schildert in seiner "Lebensbeschreibung" eindrücklich die Panik, die ein Pestzug (um 1530) in der Nordwestschweiz auslöste und vor der auch der Bischof von Delsberg nicht gefeit war. Der Kirchenmann, christliche Werte hin oder her, liess nämlich den gesunden Platter und seinen pestkranken Leibarzt Epiphanius aus dem Städtchen werfen. Platters Appelle, ihm und dem sterbenden Arzt, "etzwa ein huss, wen es schon lär weri" oder auch ein "süwstellin" (Schweinestall) zu überlassen, fruchteten nichts, alle Türen blieben verschlossen, bis sich schliesslich eine Hochschwangere des Sterbenden erbarmte.

Platters Autobiografie, die ich in diesen Tagen lese, beschreibt exemplarisch, wie wir Menschen, unsere Gesellschaften und sozialen Systeme wohl seit Jahrhunderten auf Epidemien reagieren, ziemlich stereotyp, nämlich vorab mit Angst, Ausgrenzung und Abschottung. Das ist so natürlich wie bedenklich. Ausgrenzung und Abschottung bedingen klare Grenzen, Grenzen zwischen gesund und krank natürlich, zwischen gottgefällig und sündig, leistungsfähig und hinfällig, reich und arm, alt und jung.

So ging es auch in der Corona-Pandemie unglaublich schnell, bis eine Vielzahl von Grenzen abgesteckt, definiert, formuliert waren. Sozusagen über Nacht wurden Grenzzäune hochgezogen, Schlagbäume reaktiviert, Grenzposten bemannt, Grenzpatrouillen losgeschickt. Ganz zu schweigen von allerlei digitalen Hilfsinstrumenten, die sofort einsatzbereit waren, um Kontrolle und Überwachung zu sichern. Und die Dümmsten der Mächtigen sprachen über "Krieg".

Ausgrenzung und Abschottung: Wie widersprüchlich, ja zuweilen absurd der Prozess einer Grenzziehung zwischen Draussen und Drinnen zumeist ist, erleben die meisten von uns Babyboomern nun zum ersten Mal ganz konkret, sozusagen am eigenen Leib, weil wir in dieser Pandemie zur Risikogruppe erklärt wurden. Das Paradoxe an unserer Situation ist, dass wir als Gefährdete und Gefährder/innen gleichzeitig gelten. Wir sind besonders Virus gefährdet und brauchen darum den kollektiven Schutz, das grosse intergenerationelle Opfer. Weil wir dieses Opfer brauchen, gefährden wir nun aber die, die uns schützen, nämlich die Jungen, in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenz. Ist das wirklich so?

Alles noch viel schlimmer, polemisieren (einige wenige) Medienleute und Politiker und Politikerinnen. Die Alten führen eh schon ein parasitäres Dasein und werden nun auch die Corona bedingte ökonomische Misere unbeschadet überstehen. Ihre Renten sind ja sicher. Während die Jungen darben müssen und die eigentlich Gefährdeten sind. "Doch sie wird kommen, die Zeit des Ausgleichs und der Entschädigung", drohte denn auch Stefan Schmid, Chefredaktor des St. Galler Tagblatts, unverhohlen in einer vorösterlichen Analyse (in der Luzerner Zeitung vom 7.4.2020).

Die Zeit der Abrechnung!... Ja, es ist Zeit, absurden Argumenten und Ausgrenzungs-Gelüsten entgegenzutreten. Wir wissen und auch unsere Söhne, Töchter, Enkelkinder, unsere Nachbarn, Freundinnen und Freunde können bezeugen, dass wir uns engagieren und einsetzen. Wir betreuen und pflegen, unsere Eltern, unsere kranken PartnerInnen. Wir sind sorgende Grosseltern, sind solidarisch mit der Klimajugend. Wir helfen und unterstützen. Und - ja - das natürlich auch: Wir konsumieren. Wir loben, tratschen mit unseren Coiffeusen, plaudern mit unseren Fusspflegerinnen, lassen unsere kaputten Schultern massieren, gehen zum Zahnarzt, sind begeisterte Konzert- und Theaterbesucherinnen, kaufen Bücher, abonnieren Papierzeitungen, verschenken Blumensträusse und Kinotickets. - Wir zahlen Steuern!

Also wirklich: Es ist Zeit für unsere Leserbriefe, Facebook-Posts, Tweeds! Sonst weiss bald niemand mehr wirklich, wer nun wen vor was oder wem schützen soll. Zeit haben wir ja jetzt, n'est-ce pas? - 10. April 2020

yvonne.volken@luzern60plus.ch


Zur Person:
Yvonne Volken, geboren 1956, hat alle zehn Jahre ihr Berufsfeld radikal verändert, arbeitete als Buchhändlerin, als Journalistin, als Projektleiterin bei der Stadt Luzern, als Literaturveranstalterin und gegenwärtig als Klassenassistentin an einer Primarschule. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, Missionarin in Indien, ging nicht in Erfüllung. Heute stellt sie fest: Missionieren kann frau eigentlich überall.