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Weltoffen mit Lust zum Wagnis

Von René Regenass

Er will nicht gerade die Welt auf den Kopf stellen, aber doch einiges verändern, der 77 jährige Meinrad Flüeler, der in Meggen wohnt. Er will  eine vermögensabhängige Einkommenssteuer und statt der Millionen-Erbschaftssteuer für die AHV einen Vorerbe-Fonds für alle 30Jährigen einführen. Meinrad Flüeler hat in der Druckerei C.J. Bucher, später Ringier-Print, in Adligenswil zentrale Leitungsfunktionen ausgeübt. Er ist neu Stiftungsratspräsident der Alice-Bucher-Stiftung Luzern.

Es ist kein Phantast, der da vor mir sitzt. Wer seine Ideen zu Ende denkt, kann die Gedankengänge nicht so einfach widerlegen. Doch zuerst: Wer ist Meinrad Flüeler. „In den ersten zwanzig Lebensjahren habe ich mit meinen Eltern Fritz Flüeler und Martha Flüeler-Häfeli (sie ist die Schwester der ehemaligen C.J. Bucher-Verlegerin Alice Bucher) im Raum Luzern-Zürich siebenmal gezügelt.“  Nach dem Kollegi Schwyz folgte eine Buchdruckerlehre in einem Kleinstbetrieb in Küsnacht und vor den Prüfungen im Hauptsitz in Stäfa bei der Zürichsee-Zeitung. Da habe ich gelernt, was Flexibilität und Arbeit heisst. Anfangs hatten wir noch die 48-Stundenwoche, also auch am Samstag.“  Ab dem 3. Lehrjahr besuchte er die Abendhandelsschule Juventus. „Die  kaufmännische Ausbildung hat meine berufliche Laufbahn erleichtert.

Ein wichtiger Schritt in die Berufswelt folgte mit dem Besuch der Grafischen Fachschule in Stuttgart. „Ich absolvierte dort die Tiefdruck- und einen Teil der Hauptlehrgänge. Freunde fand ich im Leiter-Team beim örtlichen Jugendhaus „Mitte“.

C.J Bucher-Druckerei: Zwei Schichten für 24 Stunden
Der Weg in die C.J. Bucher-Druckerei (CJB), damals noch an der Zürichstrasse in Luzern, begann für Meinrad Flüeler mit Aushilfen und Volontariaten. Dazwischen kamen Auslandaufenthalte in Deutschland und England. 1968 mit 30 Jahren trat Flüeler als rechte Hand von Druckereidirektor Ernst Sonderegger bei CJB ein. Sonderegger betreute das Fachpersonal, Flüeler wurden die Druckereiarbeiter und Lehrlinge anvertraut. „Das war in der  Hochkonjunktur eine anspruchsvolle Aufgabe. Der 24-Stunden-Betrieb, oft über sieben Tage pro Woche, wurde über Jahre mit Personal für zwei Schichten bewältigt. Man scherzte:  „Was man an der Fastnacht leistet, muss auch übers Jahr möglich sein“.

Er erzählt: „Personal suchten wir in der „Annabelle“, mit Skizzen von der Kapellbrücke mit Pilatus und der Headline  “Möchten Sie in Luzern wohnen und arbeiten?“  Der Erfolg war so gross, dass die Zürcher uns das Inserat sperrten.“ In der Baukommission für den Druckereineubau in Adligenswil koordinierte er die Planung der Vorstufe und der Weiterverarbeitung. Später sei auch Knochenarbeit zur Firmenbewertung für die Fusions- und Verkaufsverhandlungen der Druckerei angefallen. „Glücklicherweise kaufte Ringier 1973 die CJB. Zur Strategie gehörte, den Blick, der bei Jean Frey gedruckt wurde, selber Ertrag bringend zu drucken. Mit Ringier bekamen wir einen hervorragenden Arbeitgeber. Direktionspräsident Heinrich Oswald mahnte die „Zofinger“, sich nicht wie eine Okkupationsarmee zu verhalten.“  Zwei Jahre später folgte Oskar Frei als neuer Druckereidirektor. Meinrad Flüeler: „Ein äusserst fähiger Mann. Das war eine gut Zeit für uns alle in Adligenswil.“

Die Weiterbildung bei Ringier sei beispielhaft gewesen, lobt Flüeler im Rückblick. „Mit anderen konnten ich mich zum Betriebsfachmann Arbeitsstudium und Betriebsorganisation ausbilden. Kundenkontakte und Führen sind mir ein Gräuel. Hingegen liegt mir das Planen, zukunftsorientierte Lösungen zu suchen und Zwischenentwicklungen zu umgehen. So sparen Firmen Millionen in sich schnell wandelnden Zeiten.“

„Am Anfang hat es etwas weh getan“
Wie hat Meinrad Flüeler diesen Besitzerwechsel erlebt, aus dem familiären Umfeld in den Grosskonzern? „Es war ein Segen. Am Anfang hat es etwas weh getan, sicher. Aber weder mein Bruder Niklaus Flüeler noch die Schwester Ursula Malcher-Flüeler wären fähig gewesen, dieses Unternehmen zu führen.“ Niklaus Flüeler war einige Jahre Kopf des Buchverlages von CJ B, der sich mit der Herausgabe von grossen biografischen Werken einen Namen machte: Adenauer, Kennedy, zum Beispiel. Auch das von Mario von Galli und Bernhard Moosbrugger geschaffene Konzilbuch gehörte in diese Reihe. Ursula Malcher-Flüeler, die talentierteste unter uns und gelernte Schuhmodelleurin,  wirkte auf den Redaktionen der CJB-Zeitschriften.

Bei Meinrad Flüeler kommt vieles spontan, er erzählt, erinnert sich: Erste Erfahrungen auf dem Bau machte er im Alter von 16 Jahren, in Zollikon als Eisenbinder und Standkranfahrer, für die Schubkarren voller Beton war er noch zu schwach. Dann im gleichen Jahr bei Abbé Pierre in Paris. „Im Kollegi in Schwyz las ich in der LNN, dass Abbé Pierre nach dem kalten Winter von 1954 Leute suchte für den Bau von Notunterkünften für Clochards. „Ich musste nur das Bahnbillet zahlen, in Paris erhielt ich Unterkunft und Verpflegung. Zurück ging’s per Autostopp.“

Ständig am Zügeln
Was steckt hinter dieser Lust zum Versuch, zum Wagnis? Meinrad Flüeler erzählt von einer handwerklichen Begabung dank dem Beruf seiner Mutter – Martha -Flüeler-Haefeli (SWB) war die erste Silberschmiedin in der Schweiz. Auch die zahllosen Wohnungswechsel haben zur Flexibilität beigetragen. Mit 12 Jahren alleine zum Vater ins Tessin – die Eltern lebten inzwischen getrennt – Beschäftigung als Kranfahrer, fast ziellos folgten Arbeiten für Obdachlose, 1958 nach Genf  und nochmals zu Abbé Pierre. „Das täuscht etwas. Wenn ich früher in ein neues Land kam, hatte ich richtig Angst. Aber etwas ist schon wahr. Ich bin sehr weltoffen. Das habe ich von meiner Mutter und ihren Schwestern Lina Koch und Alice Bucher. Die drei Schwestern erlebten die Weltoffenheit schon vor dem ersten Weltkrieg, denn sie wuchsen im jüdisch geprägten Luzerner Säliquartier auf, wo fremde Handelsleute täglich bei Nachbarn zu Gast waren. Da wurde zum Essen immer ein Gedeck mehr aufgelegt, damit man „Fremde“ spontan zu Tisch bitten konnte!“

Die Erzählung wird spannend. „In den Krisen- und Kriegsjahren hatte es immer fremde Leute bei uns. Tante Lina verbrachte die Kriegsjahre als Kinderschwester bei einer Familie mit fünf Kindern in Paris. Nach dem Krieg heiratet sie Florian Koch und lebte als Bäuerin auf dem Harzerhof  in Wohlen. Wie bei Bauern üblich, gab es dreimal am Tag einen grossen Tisch. Mit meinem Jugendfreund Ruedi Steigrad aus Küsnacht verbrachte ich da herrliche Zeiten.“

„Flüchtlinge aufnehmen – das ist eine Aufgabe, Punkt“
Jahre später die Zeiten von C.J. Bucher und LNN. Verlegerin Alice Bucher hatte in Luzern ein offenes, gastfreundliches Haus mit Gästen fast jeden Mittag und Abend. Das Aufeinanderzugehen  ist für Meinrad Flüeler eine Selbstverständlichkeit. Sein Verhältnis zum Fremden ist unbelastet. Er mag nicht von Problemen mit Flüchtlingen reden. „Das ist eine Aufgabe, Punkt.“  In den 80er Jahren gaben wir Polen Obdach. Zu Weihnachten schickten wir ihnen und Bekannten über Jahre hinweg Hilfspakete von je 20 Kilogramm mit Spezialtransporten. Meinrad und seine Frau Heidrun Flüeler Braunschweiger nahmen in den 90er-Jahren während vier Monaten ein kurdisches Ehepaar auf. „Die Frau war schwanger, doch noch vor der Niederkunft fand die junge Familie eine Kleinstwohnung in Meggen, in der sie einige Jahre mit inzwischen drei Kindern leben mussten. Mehmet ist ein schneller, talentierter Handwerker und arbeitet noch immer beim selben Chef. Mir sagt er inzwischen „Babi“. In Meggen bildete sich in der gleichen Zeit eine Gruppe zur Begleitung von Flüchtlingen. Sobald Asylbewerber nach Meggen kommen, werden diese von hiesigen Familien betreut. Jährlich werden zwei bis drei Feste organisiert. Oft entstehen Freundschaften, die auch anhalten, wenn eine Rückführung erfolgte.“

„Die Sonnenkraft ist unerschöpflich“
Überzeugend argumentiert Meinrad Flüeler seit Jahren für eine verantwortungsvolle Energiebeschaffung. Wie kommt das? Ringier druckte für BBC die Broschüre „Weichen stellen“ für die Schulen. Er fand den Inhalt gut und ehrlich geschrieben. In einem Beitrag zur Energiefrage hiess es, die Atomenergie sei eine phantastische Energie, aber die Entsorgung des Atommülls sei nicht gelöst. „Wenn wir so gefährliches Material nicht entsorgen können, müssen wir die Nutzung einstellen“, sagt Flüeler, ohne Wenn und Aber. Und die Kurzgeschichte: „Der Nihilit“ von Kurt Kusenberg zeigte klar, dass die Literaten ohne zu wollen oft die Vordenker der Technokraten sind. Die Unfälle mit den Kernreaktoren, Lucens 1969 und Harrisburg 1979, ergänzten das Trugbild. Und schliesslich die Erkenntnis, dass wir mit der Sonnenkraft eine unerschöpfliche Energiequelle haben.“

Das war für Meinrad Flüeler der Ausgangspunkt. Er begann sich intensiv mit Fragen um alternative Energien zu befassen, Sonnenenergie und Biogas zuerst. In den achtziger Jahren folgte die Begegnung mit dem Benediktiner Dr. Flurin Maissen, Philosoph,  Physik- und Chemielehrer im Kloster Disentis, der auf seiner Alp in Rumein mit Biogas kochte. Photovoltaik und Sonnenkollektoren waren da, ebenso die Windenergie.

Flüeler machte 1991 das Konzept für eine Ausstellung des Solarvereins über Alternativenergien im Verkehrshaus Luzern.

Seit der Pensionierung 1999 besitzt er ein Solarboot, das bei der Fischerei Hofer in Meggen im Wasser liegt. „Hinten sitzt man wie in einer venezianischen Gondel.“ Das Elektroboot kommt aus San Francisco und wurde von der Bootswerft Bucher + Schmid verkauft.  Die Solarzellen installierte die Spezialfirma Peter Schaeren. Sechs Erwachsene können mitfahren, die Reisegeschwindigkeit liegt bei acht km/h, und die Tagesdistanz reicht gut von Meggen bis zum Rütli und zurück. „Ein Zwischenhalt bekommt den Bäuchen wie den Batterien“, sagt Flüeler.

Politische Strukturen verändern
Die Energiepolitik ist das eine, das andere sind neue Ideen für die Gesamtwirtschaft. Das aktuellste Anliegen: Er präsentiert ein Papier mit „Impulsen zur Verfassung“. „Es geht mir darum, politische Strukturen zu verändern. Unsere Demokratie läuft zunehmend ins Abseits. Ich war schon mit 20 Jahren Verfechter eines finanziellen Grundausgleichs für alle, nicht ein Grundeinkommen. Jeder Mensch sollte drei Einkommensquellen haben: die Arbeit, den Kapitalertrag und einen Grundausgleich auf der Basis eines Bonus-Malus-Systems.

Aktuell ist Flüeler am Aufbau einer eigenen Homepage: „www.spasshalten.ch  –   Impulse zur Verfassung“. Die ersten Beiträge stehen im Netz. Wichtig ist ihm ein Gegenvorschlag zur Erbschaftssteuerreform der EVP, der Geriatrie-Steuer, wie er sie nennt. Diese Initiative begünstige die Wohlhabenden, die eben geerbt haben, und der demografische Wandel benachteilige die jungen Familien, welche das Geld dringend benötigten. In einer PETITION an Bundesrat und Parlament werden die Gesetzgeber gebeten, einen Vorerbe-Fond einzurichten, aus dem allen Dreissigjährigen ein Vorerbe von mindestens 30‘000 Franken bezahlt werden. Ziel ist, die unverbrauchte Innovationskraft der jungen Generation und damit auch die fragile Wirtschaft dauerhaft zu beleben.

Unter den flankierenden Massnahmen fordert Meinrad Flüeler eine „soziale Mehrwertsteuer“ von mindestens 15% zur Finanzierung der Sozialwerke. Die entsprechenden Lohnnebenkosten (8 + 6 Prozent) müssten entfallen. Dies vergünstige die Exporte und belaste die Importe. Zudem müssten die Firmen keine Zahlungen leisten, bevor die Ware verkauft sei. Weiter wird eine „Vermögensabhängige Einkommenssteuer“ vorgeschlagen.

Schiesslich die Erstaunlichste unter Flüelers Forderungen: Die Religionsfreiheit abschaffen? „Ich meine schon. Heute kann jedermann eine Religion gründen, Menschen um sich scharen und politische Forderungen  stellen. Ich stelle dieses Menschenrecht in Frage, nicht aber die Glaubensfreiheit. Menschenrechte und Verfassungen sollten nur die Glaubensfreiheit schützen, jedoch nicht die Religionsfreiheit. Das sind zwei Welten! Alle Religionen sind der demokratischen mehrparteilichen Staatsordnung zu unterzuordnen.“
4. März 2015