Erika Frey Timillero. Bild: privat

FOMO und die Zauberlehrlinge

Von Erika Frey Timillero

Kennen Sie das Kürzel FOMO? Wer schulpflichtige Kinder oder Enkelkinder hat, wird die Frage bejahen: FOMO steht für Fear Of Missing Out und beschreibt die Angst, aktuelle Ereignisse zu verpassen und nicht mitzubekommen, was auf Social Media und in der Peergroup läuft. FOMO kann zum Drang – und Zwang – führen, stundenlang online zu sein. Zum ersten Mal tauchte das Kürzel FOMO 2004 in der Campus-Zeitung der Universität Harvard auf, kurz nachdem Mark Zuckerberg zusammen mit drei anderen Studenten Facebook gegründet hatte.

Von FOMO betroffen sind vor allem junge Menschen. Zahlreiche Studien weisen nach, dass die exzessive Nutzung von Facebook, Instagram, TikTok usw. fatale Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben kann. Das übermässige Surfen hat bei vielen zur Folge, dass sie sich ständig mit andern Nutzerinnen und Nutzern vergleichen, was zu Unzufriedenheit mit sich und ihrem Leben führen kann. Was einst Vernetzung und Gemeinschaft zum Ziel hatte, löst jetzt Angstzustände und Depressionen aus.

Im Dezember des letzten Jahres begegnete mir das Kürzel FOMO erneut im Zusammenhang mit dem Beschluss der australischen Regierung, unter 16-Jährigen den Zugang zu den Social-Media-Plattformen zu verbieten. Das Thema FOMO und Social Media liess mich nicht mehr los. Ich begann zum Thema zu recherchieren und besuchte den Vortrag von Professor Peter G. Kirchschläger, dem Leiter des Instituts für Sozialethik der Universität Luzern, den er im Januar an der Seniorenuni unter dem Titel «Social Media – asoziale Medien!» hielt. Unter anderem führte er aus, dass die sozialen Plattformen von ihren Entwicklern von Anfang an als Abhängigkeit und Sucht erzeugende Produkte konzipiert worden seien. Kinder und Jugendliche müssten daher, so Kirchschläger, vor ihnen geschützt werden. Er befürworte ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige auch in der Schweiz.

Inzwischen drängen immer mehr EU-Länder ebenfalls auf ein Verbot, so etwa Spanien, Österreich, Frankreich und Dänemark. Hierzulande herrscht jedoch Skepsis einem Verbot gegenüber. Was es brauche, sei eine wirksame Regulierung der grossen Kommunikationsplattformen, so der Tenor. Einen Gesetzesentwurf dazu stellte der Bundesrat nach jahrelanger Verzögerung am 29. Oktober des letzten Jahres vor. Dieser wurde zwar allgemein begrüsst, von verschiedener Seite aber als «mangelhaft» kritisiert. So fordern z. B. die Stiftungen Kinderschutz Schweiz und Pro Juventute verbindlichere Massnahmen, damit Kinder und Jugendliche wirksam vor Gewalt, Missbrauch und schädlichen Inhalten geschützt werden. Und die Digitale Gesellschaft mit Sitz in Basel kritisiert die «zahnlose Regulierung» der Werbung.

Zu Recht, wie mir scheint, denn schliesslich ist Werbung der Hauptpfeiler der einträglichen Geschäftsmodelle der sozialen Medien. Deren Nutzung ist zwar kostenlos, aber nicht umsonst. Der Preis dafür ist die Aufmerksamkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern und vor allem sind es unsere Personendaten. So werden wir vom Kunden zum Produkt, letzten Endes zur Ware.

Die Vernehmlassung des Gesetzesentwurfs dauerte bis zum 16. Februar 2026. Ich bin gespannt auf weitere Reaktionen und Gegenentwürfe.
Doch vielleicht kommt die Lösung des Problems von unerwarteter Seite. Durch die ARD-Sendung «Titel Thesen Temperamente» vom 9. Februar habe ich erfahren, dass sich immer mehr Jugendliche von den Sozialen Medien abmelden würden. Deren Nutzung stagniere bei allen Altersgruppen, doch vor allem die 16- bis 24-Jährigen hätten wieder vermehrt das Verlangen nach echtem Austausch untereinander und nach Real-Life-Aktivitäten.

Mir kam der Gedanke, dass dies der Beginn einer weltweiten Bewegung sein könnte und damit eine Absage an die Tech-Oligarchen. Vielleicht, dachte ich, hat sogar der liebe Gott seine Hände im Spiel, weil er genug hat von den Zauberlehrlingen des Silicon Valley, die mit KI an seiner Schöpfung herumpfuschen. Er könnte doch Zuckerberg, Bezos, Musk und Co. dadurch bestrafen, dass sie mit ihren Riesenvermögen das Klima und die Welt retten, anstatt auf ihren Privatinseln weitab der Zivilisation Überlebensbunker zu bauen, um im schlimmsten Fall die eigene Haut zu retten.

Ein Quäntchen Hoffnung sei erlaubt in einer Zeit, da dystopische Szenarien immer öfter die Nachrichten dominieren.

24. Februar 2026 – erika.frey@luzern60plus.ch
 

Zur Person
Erika Frey Timillero ist 1951 in Luzern geboren und aufgewachsen. Sie arbeitete als Übersetzerin und Deutschlehrerin für Fremdsprachige. Längere Zeit lebte sie in Italien. 2018 ist ihre Erzählungssammlung «Die Ewigkeit in einem Augenblick» erschienen. Zudem veröffentlichte sie Erzählungen in verschiedenen Anthologien.