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Franziska Lingg: „Grenzen erweitern und Formen aufbrechen“

Von Marietherese Schwegler

Sie passt bestens in das von Kreativen bevölkerte Viscose-Areal in Emmenbrücke. Hier hat Franziska Lingg vor einem Jahr ihr Atelier mit Blick auf das ehemalige Industriegelände bezogen. Der Raum ist ausgestattet mit Computern, Synthesizer, Sampler, Lautsprechern, vollen Bücherregalen und Stapeln von CDs. Die dicken, wuchernden Kabelstränge am Boden, die all die Geräte verbinden, wären jedem Spezialisten für altersgerechte Ausstattung ein Gräuel: Stolpergefahr! Doch die fitte 66-Jährige hat das nicht zu kümmern.

Breites künstlerisch-politisches Spektrum

Franziska Lingg wurde als Dozentin mit Teilpensum an der Hochschule Luzern – Kunst und Design vor kurzem pensioniert, hat aber noch einen begrenzten Lehrauftrag für Theorie des Sounddesigns. Mit Komposition der besonderen Art befasst sich die freischaffende Künstlerin, die sie seit 1975 ist, auch in ihrem Atelier. Auf das Komponieren mit Geräuschen und Klängen unterschiedlichster Herkunft hat sie sich immer mehr spezialisiert, nachdem sie früher eher bildnerisch und bildhauerisch gearbeitet hat. In ihren vorwiegend mit Metall und Schrott gebauten Wasserorgeln und Windobjekten, in der Kunst im öffentlichen Raum war der Klang schon bald zum wichtigen Element geworden. Das war zu Zeiten ihrer Berlin- und Hollandaufenthalte in den 1980er-Jahren. Diese Ton- und Klangwelt manifestierte sich schliesslich auch in ihren zahlreichen Radiosendungen, Theaterstücken und Videoproduktionen, die sie im Lauf der Jahre geschaffen hat. Wäre die Cafeteria der Luzerner Polizei öffentlich, liesse sich sogar dort ein Werk von Franziska Lingg besichtigen, ein Wandbild, das mit LED-Licht in wechselnde Farben getaucht wird. Sie hat mehrfach Auftragsarbeiten ausgeführt, kürzlich auch für das Textilmuseum St. Gallen.

Klangmaterial ist überall

Beim Besuch im Atelier führt sie kurz in die „SoundCulture“ ein, der sie ihr eigenes Schaffen zuordnet. „Die elektronische Musik ist gekoppelt an die technologische Entwicklung. Stockhausen war ab den 1950er-Jahren einer der Pioniere auf diesem Gebiet“, erklärt Franziska. „Mich selbst hat in den 1980er-Jahren auch Punk musikalisch extrem stark beeinflusst.“

Ihr aktueller Fokus liegt klar beim Komponieren. Aber weder Klavier noch Violine sind hier gefragt, die „Instrumente“ sind anderer Art: Zum Beispiel Militärjets, die gerade während unseres Gesprächs erschreckend laut über das Gelände donnern. „Als ich diesen Fluglärm kaum mehr aushielt, habe ich ihn aufgenommen und transferiert in eine Komposition. Mich ärgern? Es ist doch besser, ich setze mich damit künstlerisch auseinander“, erklärt Franziska. Auch das Leben auf dem Viscose-Areal erzeugt Klangmaterial, das als Rauschen in ihre Partituren eingeht. Die „grafischen Notationen“, mit denen sie verschiedenste Geräusche zu Kompositionen formt, sehen übrigens fast aus wie eine zeichnerische Skizze. Akustisch umgesetzt werden sie am Computer.

Die Töne zum aktuellsten Projekt liefert die Reuss, die kullernden Steine und Kiesel und das Wassergegurgel. Weil sich Franziska Lingg keine teuren Mikrofone zum Aufzeichnen unter Wasser leisten kann, hilft sie sich anderswie: Gewöhnliche Mikros verpackt sie in Ballone, et voilà die wasserdichten Geräte, bereit zum Versenken im Fluss. Eine klangliche Ausbeute dieses Experiments darf ich anhören. Zunächst gewöhnungsbedürftig, dann faszinierend: Die Reuss-Geräusche hat Franziska Lingg in eine anspruchsvolle, zuweilen irritierende, dann wieder sphärisch-schön klingende Komposition gegossen, mal berührend, mal den Puls hochtreibend, aber ganz sicher zum Wieder-Hören!

Der eigene Weg

Mit ihren Kompositionen will sie traditionelle Formen in Frage stellen und Grenzen erweitern. Und das habe wohl etwas mit ihrer Herkunft zu tun, überlegt Franziska: „Ich bin auf einem kleinen Bauernhof in Wolhusen aufgewachsen. Die Mutter führte den Hof, der Vater war Offsetdrucker und Gewerkschafter“. Von dieser Lebensform wollte sie sich damals abgrenzen. Und sollte erst viel später doch feststellen, dass sie als Kind ein respektables Rollenmodell mitgekriegt hatte: „Die Mutter schmiss den Hof!“ Diese selbständige Frau hat in Franziskas Persönlichkeit offensichtlich Spuren hinterlassen.

Dass Franziska Lingg gegen den Willen der Eltern ihren künstlerischen Weg gegangen ist, und das stets hinterlegt mit einem kritischen politischen Bewusstsein, hat mit ihrem starken Drang nach Eigenständigkeit zu tun: „Mich hat es nie interessiert, dazuzugehören, mir ging es stets um Autonomie.“

Alle möglichen Brotjobs

Sie hat mit ihrer wenig marktkompatiblen Kunst in Kauf genommen, laufend konfrontiert zu sein mit der Frage, wie sie sich finanziell über die Runden bringt. „Für meine finanzielle Unabhängigkeit habe ich schliesslich alle möglichen Jobs gemacht“, erklärt sie ohne jedes Bedauern, ganz im Gegenteil. Was sie da alles gelernt hat, kommt ihr in der Kunstarbeit zugut. Sie hat auf dem Bau gearbeitet, als Dreherin und Schweisserin, in der Werft hat sie Fugen auf Schiffsdecks gekittet. Und auch als Betreuerin in der Stiftung Brändi hat sie gearbeitet, bis sie schliesslich 1991 Dozentin an der Hochschule Luzern wurde.

Primarlehrerin, Bildhauerin, Sounddesignerin und vieles mehr

Ihr beruflicher und künstlerischer Werdegang lässt sich auch mit zahlreichen Stichworten nur annähernd skizzieren: 1971 frischgebackene Primarlehrerin; Studienaufenthalt in Oxford mit Abschluss in englischer Literatur; 1978 Abschluss als Zeichnungslehrerin an der Luzerner Kunstgewerbeschule; danach Studium an der Hochschule der Künste Berlin; später Ausbildung zur Audio-Technikerin und Weiterbildungen in Live-Elektronik, Klangsynthese und Kompositionsanalyse. Danach und dazwischen Werkstipendien in der Schweiz und Studienaufenthalte in Maastricht und Amsterdam (Holland), in New York und in Johannesburg (Südafrika). Unbedingt zu erwähnen sind auch diverse politische Manifestationen, die Franziska Lingg mitgetragen hat, etwa der Boykott der 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft oder die Feueraktion auf dem Jesuitenplatz zum zweiten Frauenstreiktag 1992.

„Pensionierung ist fremdbestimmt“

Schon bald nach Beginn unseres Gesprächs kommt Franziska Lingg auf ihre Pensionierung im ordentlichen Alter von 65 zu sprechen: „Dieser Zeitpunkt der Pensionierung ist extrem fremdbestimmt. Ich halte das geradezu für eine Diskriminierung“, kritisiert sie. „Ich bin doch in diesem Alter noch so wach wie früher und will nicht geschont, sondern gefordert werden.“ Sie fände es positiv, wenn das Rentenalter auch nach oben flexibler gestaltet würde, so wie es Bundesrat Berset plant. Als Freischaffende wenigstens bestimmt sie alleine, wann sie dereinst mit Arbeiten aufhören will.

Jedenfalls ist heute für die alleinlebende Franziska Lingg noch lange nicht Schluss mit neuen Plänen: „Ich will mich noch engagieren für eine gemeinsame Sache, vielleicht ein paar Jahre in einem Projekt in Afrika mitarbeiten.“ – Kein Zweifel, an Energie und Entschlossenheit für so etwas mangelt es dieser Frau sicher nicht. Viel Glück!
29. April 2015

Hinweis auf kommende Ausstellung
Franziska Lingg wird mit der Teamarbeit „Unter Deck“ beteiligt sein an einer Ausstellung in der Kunsthalle Luzern. Ihr Beitrag befasst sich mit dem aktuellen Flüchtlingsdrama im Mittelmeer und ist als Plattform gedacht, sich der Situation des Ausharrens auszusetzen. Vernissage ist am 18. Juni.

Persephones / Hain des Untergrundes.
Komposition von Franziska Lingg

Ausschnitt Persephones (2)