Meinrad Buholzer. Bild: Joseph Schmidiger

Guter Halt in alten Schuhen

Von Meinrad Buholzer

Vor ein paar Jahren, auf dem Weg zu einem Anlass, merkte ich, dass ich kein Schreibzeug hatte – für einen Journalisten eine Todsünde. Kurz vor Torschluss fand ich eine Papeterie und kaufte einen Bleistift. Ich staunte: 80 Rappen. Etwas derart Nützliches, Nachhaltiges, zudem von einer Schweizer Edelmarke, für weniger als einen Franken – das erlebt man nicht alle Tage. Das Schreibzeug (selbstverständlich habe ich unzählige andere) leistet mir auch heute noch gute Dienste.

Regelmässig spitze ich es mit einem runden Dux, der schon vor 70 Jahren auf dem Schreibtisch meines Vaters lag und nach wie vor tadellos funktioniert. Die Produkte dieser deutschen Marke inklusive Ersatzteile gibt es immer noch. Und da wir schon beim Schreiben sind: In mein Tagebuch schreibe ich mit einem Füllfederhalter der Marke Pelikan, mit dem meine Mutter vor einem halben Jahrhundert ihre Briefe verfasste.

Will ich ein paar Blätter zusammenheften, dann greife ich zu einem Bostitch respektive einem Stapler der Firma Neva Clog. Die amerikanische Firma existiert nicht mehr, aber dieses Gerät, eine Erinnerung an meine frühe Bürozeit, dessen Gewicht so gut in der Hand liegt, ist ein zwar industriell fabriziertes, aber dennoch mit Sorgfalt hergestelltes Werkzeug, das schon beim Anblick Freude am geglückten Design macht. Die Beschaffung der Klammern ist nicht ganz einfach, aber unsere Tochter hat mir mal aus Kanada einen Vorrat mitgebracht, der, wenn ich nicht allzu alt werde, bis ans Lebensende reichen wird.

Mein liebstes Paar Schuhe, um nun Boden unter die Füsse zu bekommen, habe ich 1999 in der Fabrik der Firma Sebago in Maine gekauft. So genannte Chukkas, halbhohe, geschlossene Lederschuhe. Sie waren schon mehrmals bei meinem Schuhmacher, aber ich trage sie noch heute mit dem gleichen Vergnügen wie beim Kauf: Sie passen wie angegossen und jedes Mal, wenn ich hineingleite, fühle ich mich gleich besser, wohlgerüstet, um in die Welt (die meistens nur eine ziemlich überschaubare Um-Welt ist) aufzubrechen. Sie geben Halt, auch in haltlosen Zeiten.

Szenenwechsel. An der Ostküste der USA bringt der Philosoph Matthew B. Crawford einen alten VW-Käfer auf Vordermann und mokiert sich über die Abwrackprämien für sogenannte Dreckschleudern: «Man nimmt wohl an, dass ein 40'000 Dollar teurer Hybrid-SUV mit einem durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch von 7,6 Liter auf 100 Kilometer und die interkontinentalen Energie- und Materialströme, denen er seine Existenz verdankt, ‹grüner› ist als ein schäbig wirkender alter VW, der aus in der Umgebung gesammelten gebrauchten Teilen zusammengebaut wurde und 7,3 Liter schluckt. (…) Um als grün zu zählen, müssten diese hässlichen Stücke rostigen Stahls aus den 1970er-Jahren beseitigt und recycelt werden: Sie müssten in einem mit Kohle befeuerten Ofen eingeschmolzen und über einen Ozean an einen Ort transportiert werden, wo sie als Rohmaterial für ein Elektroauto (für dessen Strom wiederum Kohle verbrannt würde) dienen könnten, um anschliessend auf einem mit Diesel angetriebenen Containerschiff in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.» Okay, Crawford spiegelt hier amerikanische Verhältnisse, aber so viel anders sind sie auch bei uns nicht.

Bei dieser Gelegenheit klärt er uns noch über den Ursprung der Abwrackprämie auf (Anfang der 1970er-Jahre in Kalifornien, unter Gouverneur Ronald Reagan). Der Anstoss kam nicht von der Politik oder der Wissenschaft – sie war eine Initiative der Ölraffinerien, die sich der vom Staat auferlegten Verpflichtung entziehen wollten, ihre Abgase zu reinigen. Stattdessen wurde das Greenwashing outgesourcet und Neuwagen vom Staat subventioniert. Die Autofirmen rieben sich die Hände, die Raffinerien lachten sich ins Fäustchen, die Politiker waren stolz, ein Zeichen gesetzt zu haben, die Autofahrer freuten sich über den Zustupf. Und die Steuerzahler bezahlten die Zeche – für ein Problem notabene, das sich von selber gelöst hätte: Die für die Prämie in Frage kommenden Autos (6,7 Prozent der zugelassenen Fahrzeuge) waren eine mit den Jahren von selbst verschwindende Grösse.

Die Nebenwirkung: eine Nachfrage nach alten Autos, um sie für Klimakompensations-Zertifikate zu nutzen. Beim Abwracken aber wurde darauf verzichtet, brauchbare Teile auszubauen, die Autos wurde vollständig zerstört.

Und die Moral von der Geschichte? Die kann sich jede, jeder selbst ausmalen...

17. Juli 2023 – meinrad.buholzer@luzern60plus.ch
 

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die «Luzerner Neuesten Nachrichten» (LNN). 1975-2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der «Schweizerischen Depeschenagentur» SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten – der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.