site.php

site_theme_paths.php

 

Das Credo: Dem Tag mehr Leben geben

Susanne Imfeld, die pensionierte Leiterin der Palliativ-Abteilung im Betagtenzentrum Eichhof, erzählt von ihrer Motivation und Überzeugung.

Von René Regenass

Was hat Sie motiviert, in die Palliative Pflege einzusteigen? Hat es einen bestimmten Impuls gegeben?
Susanne Imfeld:
Meine Erlebnisse in der Familie haben sicher dazu beigetragen. Auf der einen Seite war ein behindertes Kind, auf der andern der Tod meines Lebenspartners. Er starb innerhalb einer Woche nach der Einsetzung eines Herzkatheters. Zudem ist ein Bruder verstorben, ebenso meine Mutter. Und das alles in jungen Jahren. Ich habe auch im Umfeld des Elternhauses viele Todesfälle erlebt. Von all diesen Menschen haben wir Abschied genommen. Dazu kommt ein Erlebnis am Anfang meiner Lehrzeit mit 17 Jahren.  Ich sass damals am Krankenbett eines Mannes im Todeskampf. Ich konnte die Bilder jahrelang nicht vergessen. Das war vermutlich mit ein Grund, dass ich nach der Ausbildung an einem Akutspital in die stationäre Pflege wechselte, mit Professionalisierung in Anästhesie und Intensivpflege. Ich hätte nicht arbeiten wollen, wo ständig Menschen sterben. Da bin ich ausgewichen. Jahre später brachten mich Lebenserfahrung und Reife zum Thema Palliative Care.

Das ist aber ein gewaltiger Schritt. In der Palliativabteilung im Eichhof sterben dauernd Menschen.
Mit dem notwendigen Fachwissen und meiner Lebenserfahrung habe ich gelernt, wie wichtig auch dieser Teil im Leben der Patienten und deren Umfeld ist. Die guten Begegnungen und Rückmeldungen der Angehörigen motivierten mich immer wieder und gaben mir die Sicherheit, dass ich am richtigen Ort bin.
Für mich war auch immer wichtig, dass sich die Angehörigen bei uns aufgehoben und verstanden fühlen. Denn so wie sie den Abschied des geliebten Menschen erleben, hinterlässt es bei ihnen einen bleibenden Eindruck. Auch das professionelle Erkennen und Reagieren bei auftretenden Symptomen (z. B. Schmerzen, Atemnot, Angst, Übelkeit...) zu lindern, ist mir eine Herzensangelegenheit.

Was ist das Gute bei dieser Arbeit? Was hat Gewicht?
Ich war hier im Eichhof von der Planung bis zur Einrichtung der neuen Pallitive Care Abteilung beteiligt. Das war gut und interessant. Dazu kam die grosse Unterstützung durch Alois Reinhard, den katholischen Seelsorger. Auch die Supervision ist hilfreich. Ich habe schon in den ersten Monaten erfahren, wie gut und intensiv ein Leben in den allerletzten Tagen sein kann. Die Begegnungen mit den Betroffenen und mit ihren Angehörigen sind eine Bereicherung.  

Wie sind die Erfahrungen auf der Personalseite?
Auch hier überwiegt das Gute bei weitem. Ich konnte immer gute Fachkräfte engagieren. Das Team hat dazu beigetragen. Wenn wir Bewerbungen hatten, bei denen nicht alle ja sagen konnten, nahmen wir Durststrecken auf uns, um noch andere Bewerbende anzusehen. Das war ganz entscheidend für den Aufbau des guten Pflegeteam, das heute hier wirkt. Wir kennen uns zum Teil seit Jahren. Drei Pflegefachleute sind von Anfang an dabei. Andere seit drei und vier Jahren. Wenn es mir nicht gut geht, merken das alle. Und umgekehrt. Ab und zu habe ich den Eindruck, mein Weggehen sei für einige im Eichhof schwieriger als für mich.

Wie würden Sie sich beschreiben?
Ich bin offen, bin direkt, vielen Leuten hier im Eichhof wahrscheinlich zu direkt, dazu fördernd und fordernd. Ich lebe für meine Arbeit und für diesen Betrieb. Ich kann nicht halbe Sachen machen. Ich arbeite mit Herzblut, kann mich aber auch abgrenzen, wenn es nötig ist. Die Regeneration findet für mich in den Bergen statt, im Stein, im Fels. Ich brauche das Archaische und die klassische Musik.  Und mein soziales Umfeld stimmt und trägt mit.

Was ist wichtig im Angebot der Palliativabteilung?
Die Einerzimmer mit eigener Duche und WC. Auch das Bistro und der grosse Garten im Eichhof  sind vor allem auch für jüngere Angehörige einladend. Auch die Integration in einen grossen Betrieb ist wertvoll. Vieles aus der Administration belastet uns nicht. Wir müssen uns zum Beispiel nicht um das Kochen und den Kochplan kümmern. Jeder pallitive Patient profitiert von der Möglichkeit, individuelle Wunschkost zu bekommen.

Die Schwierigkeiten – wo spürt man sie?
Es gibt Situationen, die einem nahe gehen. Oder die mich an das Erlebte im eigenen Umfeld erinnern. Es gab auch strukturelle Schwierigkeiten; häufige Wechsel in Kaderstellen über uns zum Beispiel. Dann fühlte ich mich oft allein gelassen in meiner Stellung als Leiterin der Palliativabteilung. Ich hatte jedoch das Glück, dass der Betriebsleiter Eichhof und der CEO Viva Luzern AG immer hinter mir standen.  Vereinzelt habe ich mich in schwierigen Momenten, verursacht durch das Umfeld in der Leitung, für andere Stellen beworben. Aber ich konnte nicht weg von hier. Die Abteilung war mein Kind, eines meiner Kinder!
Es gibt auch Herausforderungen mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen.  Aber sie sind in der Mehrzahl positiver Art. Es kann schwierig werden, in einer fast hoffnungslosen Situation die Angehörigen nicht allein zu lassen in ihrer Sorge. Da konnte oft der Leitgedanke in unserer Arbeit etwas weiterhelfen: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern dem Tag mehr Leben.“ Und oft erinnerte ich mich: Ich habe dieses Credo schon bei meinem eigenen Kind gelebt. Gabi war mein Kind, kein Therapieobjekt. Das war im heilpädagogischen Umfeld oft nicht einfach.

Die Nähe zu den Patienten, die hier in wenigen Tagen entstehen kann. Das bewegt, fordert, jeden Tag, jede Stunde.
Sicher. Ich erinnere mich an jenen jungen Familienvater, der in Zimmer 7 plötzlich verstarb. Und in Zimmer 9 lag eine betagte Frau, die einfach nicht sterben konnte. Als ich mit meiner Kollegin aus Zimmer 7 kam, wo wir den jungen verstorbenen Mann bereit machten, heulten wir beide drauflos. Als ein Mitarbeiter dies sah, rief er den Seelsorger zu Hilfe. Das ist so bei mir: Ich kann vom Toten weg und weinen, draussen im Gang. Ich muss mich nicht genieren deswegen. Das tut gut. Und das Team fragt, was können wir tun. Das schweisst zusammen, in einer sehr anforderungsreichen Arbeit. Ich bin nicht abgebrüht. Aber ich kann wesentlich ruhiger mit dem Tod umgehen, als noch vor 20 Jahren.  Das häufige Erleben des Todes macht uns ruhiger. Oft können wir diese Ruhe auf die ganze Arbeit, auf die Menschen hier übertragen. Ich bin überzeugt, dass viele Angehörige, die Stunden oder Tage hier sind, die Situation für ihr eigene Endlichkeit mitnehmen können. Das ist das grösste Geschenk in unserer Arbeit.

Ein anderer Fokus: Die Pflegeversorgung ist Medienthema geworden. Stichworte sind Notstand, Gewalt, zu wenig Fachpersonal. Wo müssen wir ansetzen, um die Qualität in der stationären Betreuung zu verbessern?
Es gibt ganz zentrale Anliegen: Gute Ausbildung, sorgfältige Auswahl der Lernenden und klare Regeln im Betrieb. Zum Beispiel: Es gibt kein Smartphone in der Arbeitskleidung. Wenn eine Pflegende sagt, sie müsse erreichbar sein, weil das Kind zu Hause krank sei, sage ich, die Leute draussen könnten  auf  das Festnetz der Abteilung anrufen. Weiter: Die Wertschätzung des Pflegepersonals muss endlich umgesetzt werden, vor allem in den Langzeitinstitutionen und in der Spitex. Es darf doch nicht sein, dass das Personal in der Akutpflege wesentlich besser bezahlt wird als in den Heimen und in der Spitex. Das ist nicht mehr verantwortbar. Da ist die Politik gefordert, endlich korrigierend einzugreifen. Genau so muss auf dem Arbeitsmarkt korrigiert werden: Wer arbeitslos wird oder seine Stelle verliert, wird auf den Rotkreuzkurs für Pflegende verwiesen. So kommen Leute in die Pflege, die nicht für diese Arbeit taugen. Ein weiteres Problem sind jene Menschen, die unsere Sterbekultur nicht verstehen und sprachlich Mühe haben. Aber ich habe keine Lösung parat. Wir leben in einem Babel. Und das gegenseitige Verständnis der Akteure fehlt immer mehr.

Sie haben zwei Arbeitgeber erlebt. Zuerst die städtische Abteilung Heime und Alterssiedlungen HAS, und jetzt die privatwirtschaftlich organisierte AG Viva Luzern. Was hat sich verändert?
Der Alltag am Arbeitsplatz ist nicht einfacher oder effizienter geworden. Es gibt wesentlich mehr Kaderleute, die mitreden. Doch auf unserer Abteilung hat sich wenig bis nichts verändert. 

Und jetzt? Was macht Susanne Imfeld nach der Pensionierung?
Das ist relativ klar. Ich möchte mehr in die Berge, möchte mehr Velotouren machen. Und ich wünsche mir eine Agenda, die nicht mehr von Terminen überläuft. Das hat mir in den letzten Monaten fast etwas den Schnauf genommen. Ich habe auch Respekt vor dem angesagten Ruhestand, weil ich aktiv bleiben möchte. Ich wirke noch im Stiftungsrat des Pflegeheims Erlenhauses in Engelberg und im Vorstand des Vereins für die Begleitung von Schwerkranken. Palliativ Luzern hat mich angefragt, um Weiterbildungen zu übernehmen. Und für Viva Luzern führe ich Informationsveranstaltungen Palliative Care  für die Studierenden von der „Xund“ weiter. Ich bin auch sehr offen, um mein Knowhow aus der Palliativerfahrung weiterzugeben. Und mitzuhelfen, die letzten Dinge zu ordnen, wenn Menschen eine todbringende Diagnose haben. Da bliebe noch viel zu tun. Vor allem zu Hause innerhalb der Familie oder auch in einer Partnerschaft.
28. Juli 2017

 

Susanne Imfeld: Daten und Fakten
In Kerzers im Seeland verbrachte Susanne Imfeld (65) ihre Jugend- und Schuljahre. Der Ausbildung zur Krankenpflegerin AKP im Spital Langenthal folgten Weiterbildungen in der Anästhesie und auf der Intensivstation im Berner Inselspital. Nach drei Jahren als Hüttenwartin auf der Sidelenhütte im Urserental am Fuss des Galenstockes folgten weitere Bildungs- und Erfahrungsjahre im Pflegebereich: Spital Langnau als Oberschwester, Pflegeheim Erlenhaus in Engelberg, Pflegedienstleitung in der Spitex Engelberg während fast 10 Jahren, zwei Jahre Weiterbildungszentrum der Uni ZH. 2008 wirkte Susanne Imfeld im Projektteam zum Aufbau einer Palliativabteilung im Betagtenzentrum Eichhof, wo sie dann ab 1. Januar 2009 die Leitung der neuen Abteilung übernahm.
Der Wohnortswechsel nach Engelberg – das war 1982, verbunden mit der Heirat. 1984 kam Franziska zur Welt, zwei Jahre später zwei weitere Mädchen als Zwillinge: Gabi und Martina. Gabi war cerebral behindert, sie starb 1998. „Die Sorgen und Erfahrungen mit diesem Kind, schwierige und schöne,  waren wegleitend für mein künftiges Leben“, sagt Susanne Imfeld heute. - Auf dem Boden der Berufs- und Lebenswirklichkeiten von Susanne Imfeld ist wohl ihr fast selbstverständliches Dasein im Umfeld von Tod und Leben auf der Palliativabteilung gewachsen.