Willy Mischler sucht bei der Historikerin Yvonne Pfäffli nach Dokumenten aus seiner Kindheit.

«Mich macht ihr nicht fertig»

Im Film «Hexenkinder» von Edwin Beeler erzählen zwei Frauen und drei Männer, wie sie in christlich geführten Kinderheimen benachteiligt und im Namen der Religion gequält wurden. Dies erinnert ans Mittelalter, wo Kinder mit zu viel Fantasie als Hexenkinder hingerichtet wurden. Der starke Film, ein Apell gegen das Vergessen, ist ab dem 17. September im Kino Bourbaki in Luzern zu sehen. 

Von Monika Fischer (Text) und Edwin Beeler (Foto)

Sie kamen als Waisen, als Kinder von alleinstehenden Müttern oder wegen Vernachlässigung durch die Eltern als Säugling oder Kleinkind ins Kinderheim. In Grossaufnahmen erzählen sie von ihren Erfahrungen. Nachdenklich spüren sie ihren Erinnerungen nach. Sie stehen für zahlreiche Kinder, die zwischen den 40er- und 70er-Jahren in ein Heim abgeschoben worden waren.

Für die «Sünden» der Eltern gebüsst

In den meist von Nonnen geführten Heimen mussten die Kinder für die «Sünden» ihrer Eltern büssen. Sie sollten geheilt und zu Gott geführt werden. Seine Mutter sei eine Sünderin, sagte man Sergio Devecchi, Jahrgang1947, weil sie ihn als uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte. Zehn Tage nach seiner Geburt wurde er ins Heim abgeschoben.

Lebhafte Kinder galten als sittlich verwahrlost. «Die Oberin hat jeden Abend Weihwasser aus Lourdes über mein Bett gespritzt. Damals – ich war acht Jahre alt – hat man mir gesagt, ich sei vom Teufel besessen. Jahrelang hat man mir das eingetrichtert. Ich habe es geglaubt», berichtet MarieLies Bircher, Jahrgang 1950. Sie leidet bis heute an Schuldgefühlen.

Wehrten sich die Kinder, wurden sie mit Wasser oder mit Schlägen bestraft. Der Schmerz sollte die Seele vor der ewigen Verdammnis retten. Der Luzerner Willy Mischler, Jahrgang 1957, erzählt von der Foltermethode des Waterboardings. Er war etwa fünf, sechs Jahre alt, als er es zum ersten Mal erlebte. Die Erzieherinnen warfen ihn in die Badewanne, hielten ihm die Duschbrause mitten ins Gesicht und drehten das Wasser voll auf. Willy konnte kaum mehr atmen. Er strampelte, geriet in Panik und hatte Angst, er müsse sterben. Später begann er sich zu wehren, lachte der Peinigernonne hysterisch ins Gesicht, zog ihr den Schleier weg und schrie: «Mich macht ihr nicht fertig.» 

Die Hexenkinder im Mittelalter

Die erschütternden Berichte der früheren Heimkinder wühlen auf. Archaische Töne und eindrückliche Bilder verstärken das Gehörte. Es sind Bilder von Verlassenheit, von Einsamkeit und Ausgeliefertsein: eine Badewanne, Wasser, ruhig oder vom Wind zu Wellen aufgewühlt, verschlossene Fensterläden und Türen, kalte Landschaften mit kahlen Bäumen, deren Äste sich im Wind bewegen. Eingeschoben in die Erzählungen sind die Berichte und Dokumente über «Hexenkindern» im Mittelalter, 9 bis 12 Jahre alt. Aufgrund von Gerüchten wurden sie aufgegriffen, angeklagt, befragt und gefoltert. In der Meinung, sie hätten sich mit dem Teufel verbündet, wurde ihnen von den «gnädigen Herren» in Luzern der Prozess gemacht. Sie wurden der Hexerei bezichtigt und hingerichtet.

Trost und Versöhnung

Wenn die Geschichten fast nicht mehr auszuhalten sind, wechseln die Bilder. Langsam ziehen Wolken über den Mond und verdecken ihn. Und doch scheint das Licht an ihren Rändern durch. Zeichen von Hoffnung? Die Protagonisten berichten nicht nur von physischer, psychischer und sexueller Gewalt und von schweren Übergriffen durch die religiöse Beeinflussung. Sie zeigen auch, dass sie trotz allem nicht aufgegeben haben. Trost fanden sie bei Tieren und bei Menschen. Pedro genügte das Zuzwinkern eines anderen Heimkindes, um nicht mehr fortzulaufen. Sergio konnte den Pferden alles erzählen.

MariLies liess aus Sehnsucht nach Berührung Käferchen über den Körper laufen. In ihrer mit Wasser gefüllten Hand zappeln Kaulquappen. Die nächste Einstellung zeigt quakende und hüpfende Frösche: Zeichen der Lebendigkeit. Willy entschied sich mit 15 Jahren, er habe jetzt genug Leid und Schmerzen erlebt. Jetzt wolle er die leidvolle Kindheit hinter sich lassen und nur noch glücklich sein. Als Erwachsener forderte er Ehrlichkeit von den damaligen Verantwortlichen und eine unbeschwerte Kindheit und Jugend als Menschenrecht. Pedro schildert, wie sich der Abt von Einsiedeln bei ihm für das zugefügte Leid entschuldigte. Nach dieser Begegnung konnte er sich nach Jahrzehnten mit dem schlimmen Kindheitsort Einsiedeln versöhnen.

Im Namen Gottes

Angeregt zu diesem Film wurde der Historiker und Filmemacher Edwin Beeler, Träger des Innerschweizer Kulturpreises 2017, durch die Geschichte der elfjährigen Katharina Schmidlin aus Romoos. Diese erzählte, sie könne Vögel machen. Das galt damals als Gotteslästerung, als Sünde gegen den Schöpfer. Katharina wurde von der Obrigkeit verhaftet, in Luzern in den Haberturm geworfen, verhört, gefoltert und 1652 hingerichtet. Der Historiker begann zu recherchieren und stiess auf zahlreiche weitere Fälle jener Zeitepoche.

«Das Zufügen von Leid, im Namen Gottes hat die Jahrhunderte überdauert», zeigt Edwin Beeler auf, «die schwarze Pädagogik bezweckte, Kinder, die man für milieugeschädigt, schwererziehbar oder sittlich verwahrlost hielt, mittels Zucht, Disziplin und religiöser Dressur auf den angeblich alleinseligmachenden Lebensweg zu führen. Im Kostüm christlicher Seelsorge führt die Spur obrigkeitlicher Gewaltstrukturen  von der Zeit des Hexenwahns direkt zum Schicksal fremdplatzierter und zwangsversorgter Heimkinder.»

Ein anwaltschaftlicher Film

Edwin Beeler ist überzeugt: «Es gibt ihn heute noch, den religiösen Wahn mit allen seinen Erscheinungsformen zum angeblichen Seelenheil.  Die Mentalitäten und Verhaltensmuster von damals haben bis in unsere Zeit hinein überdauert; teils führen sie ein Schattendasein, teils treten sie offen zutage.» Auf die Frage, warum die Kirche nicht zu Wort kommt und sich verteidigen kann, erklärt er: «Ich habe einen sogenannt anwaltschaftlichen Film gemacht, wie seinerzeit mit meinem Erstling ‘Rothenthurm – Bei uns regiert noch das Volk’.» Der Film will nicht die Institution Kirche anprangern. Es geht um die Perspektive der damaligen Kinder, um die Opfer, was sie durchlitten und mit welcher Kraft sie ihr Schicksal gemeistert haben.» Mit dem Film möchte Beeler zudem die Erinnerungskultur pflegen, ein historisches Bewusstsein entwickeln und auf die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit hinweisen.

Das war auch die Motivation von Sergio Devecci, der als ehemaliges Heimkind später selber ein Heim leitete, beim Film mitzumachen: «Wir Heim- und Verdingkinder aus den 40-er bis 70-er Jahren verdienen mehr Aufmerksamkeit. Unsere traurigen Lebensgeschichten müssen ins gesellschaftliche Bewusstsein eindringen. Nur so kann das unrühmliche Kapitel der unschuldig weggesperrten Kinder und Jugendlichen als Teil der Geschichte begriffen und aufgearbeitet werden.»  - 5.9.2020

monika.fischer@luzern60plus.ch 

Der Film ist ab 17. September 2020 im Kino Bourbaki zu sehen.
www.kinoluzern.ch