Johanna Hodel, eine wissbegierige Kämpferin für die Sache der Frau. 

Wie meine Mutter zur Politikerin wurde 

Das Frauenstimmrecht im Kanton Luzern wurde vor 50 Jahren, am 25. Oktober 1970, angenommen. Einer der profiliertesten Kämpferinnen war Johanna Hodel, 1975 war sie die Alterspräsidentin im Kantonsparlament. Hanns Fuchs, ihr Sohn, erinnert sich.  

Von Hanns Fuchs (Text), Bild (zur Verfügung gestellt)

Häufig hörte ich nachts aus dem Nebenzimmer die Schreibmaschine klappern. Mutter war wieder am Schreiben. Meist erledigte sie Schreibarbeiten für einen ihrer Nebenjobs. Damit besserte sie ihren Lohn als kaufmännische Angestellte auf, um die Kleinfamilie «dore-z’bringe», wie sie uns erklärte. Hin und wieder erledigte sie auch Text- und Schreibarbeiten für ihren Bruder Robert. Er stand ihr dafür bei, wenn sie als alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern Unterstützung brauchte. Von Politik war kaum je die Rede. Wenn sie die liberale Frauengruppe der Stadt Luzern erwähnte, wusste ich damit wenig anzufangen. Erst im Nachhinein, als ich ihre nachgelassenen Briefe, Aufzeichnungen und Dokumente las, wurde mir klar, dass das, dass überhaupt «die Liberalen» ihre politische Heimat geworden war und blieb.

Eine Kämpferin für das «Erwachsenen-Stimmrecht»

Politisiert und für «die Frauenrechte» sensibilisiert hat Johanna Hodel, meine Mutter, allerdings weder eine politische Partei noch eine demokratiepolitische Theorie. Es war «das Leben», das sie zur engagierten Kämpferin für das «Erwachsenen-Stimmrecht» (von «Frauenstimmrecht» sprach sie selten) machte. Ihre Ehe ging schmerzvoll in die Brüche, und da stand sie nun mit zwei kleinen Kindern in den 1940er Jahren allein in einer Vorortsgemeinde von Bern, mitten in den Trümmern ihrer Träume von einem gutbürgerlichen Leben in mittelständischem Wohlstand. Der Krieg ging zu Ende, aber ihr Mann kam nicht zurück, ein weiterer harter Schicksalsschlag, der Johanna Hodels Überlebenskraft forderte. Es war nicht nur eine harte Lebensschule.

Meiner Mutter wurde in der Kriegs- und Nachkriegszeit auch «die Benachteiligung der Frau» bewusst. Soziales Engagement wurde für sie zur Selbstverständlichkeit, Johanna übernahm Schutzaufsichtspatronate in Bern, wurde (als erste und einzige Frau) Mitglied der Aufsichtskommission für die kantonale Luzerner Strafanstalt «Sedel». Engagiert berichtete sie zu Hause von «ihren» Sedel-Männern und von den Schicksalen, die sie so kennen lernte. Damit wurde uns Kindern auch ein bisschen fassbarer, was unsere Mutter neben ihrer Berufsarbeit als Sekretärin alles tat. So war es für uns auch keine grosse Überraschung, als sie im beachtlichen Alter von 51 Jahren die neu gegründete Abendschule für Sozialarbeit in Luzern besuchte und mit Erfolg abschloss.

Mutter war im «Abstimmungskampf»

Als ausgebildete Sozialarbeiterin baute sie die Fürsorgestelle für Ausländer und die Gastro-Fürsorge auf. Damit intensivierte sich auch Johannas politisches Engagement, das schliesslich im Aufbau und der Führung der Alimenteninkassostelle der Stadt Luzern mit «Beratung von Frauen» gipfelte. Ihr Weg in die Politik war damit vorgezeichnet. Dass Johanna Hodel sich nun auch an vorderster Front in den Abstimmungskampf fürs Frauenstimmrecht einsetzte, schien uns folgerichtig. Nun klapperte nachts die Schreibmaschine weniger. Mutter war «im Abstimmungskampf» und das hiess für sie, Frontfrau der Liberalen, Podiumsdiskussionen. Da schlug ihr oftmals unerwartet heftige Ablehnung entgegen. Aber Johanna Hodel, gestählt durch eigene Erfahrungen als «Geschiedene», alleinerziehende Frau wusste sich zu wehren.

Sie sprach die Sprache der «einfachen Leute», ihre Argumente und Alltagsberichte waren aus dem Leben, oft aus eigener Erfahrung gegriffen. Dazu kam ihre gute, sympathiegeprägte Kenntnis auch der innerschweizerischen Mentalität. Verbürgt ist ihr Spruch zur Eröffnung einer mehrheitlich gegnerischen Versammlung in Stans: «d’Nachtbuebe wärdid mi wohl nid z’Gilleloch abestürze.» Und sie fügte an, die Nidwaldner seien als kluge Männer bekannt, und kluge Männer heirateten doch auch kluge Frauen. Damit sei das Eis gebrochen gewesen, erzählte uns die Mutter. Am Schluss hätten vor allem die jüngeren Männer im Saal applaudiert. Und wir waren ein bisschen stolz auf unsere Mutter.

Die Alterspräsidentin des Grossen Rats

Am 25. Oktober 1970 wurde das Frauenstimm- und Wahlrecht angenommen. Es war naheliegend, dass die Liberale Partei der Stadt Luzern Johanna Hodel für eine Kandidatur anfragte. Sie sagte zu – und wurde am 2. Mai 1971 mit 9563 Stimmen als einzige Frau auf der Liste der Liberalen Partei der Stadt Luzern ins kantonale Parlament gewählt. Vier Jahre später konnte sie als Alterspräsidentin Legislatur und Session des Grossen Rates eröffnen. In ihrer Ansprache machte sich Johanna Hodel auch Gedanken zum Alter. Weil das für die Partizipations-Plattform 60plus passend ist, zitiere ich aus Mutters Ansprache im Grossen Rat vom 16. Juni 1975:

  • «Alter ist keine Leistung und kein Verdienst. Es ist aber eine grosse Gnade, im Alter froh, zufrieden und tatwillig zu sein.»
  • «Weil mir die Jahre keine Last sind, möchte ich sagen: es ist ein junger Rat. Ein Rat voll Mut, gesundem Unternehmungsgeist, Idealismus und Freude. Also, meine lieben Kolleginnen und Kollegen: haben Sie Mut, Unternehmungsgeist, Idealismus und vergessen Sie die Freude nicht!»
  • «Es muss das Bestreben dieses Rates sein, mit Mut, gesundem Unternehmungsgeist und Phantasie und mit Idealismus den Weg zu finden, auf dem alle Einwohner dieses Kantons gehen können. Ein Weg, der in der Mitte liegt und auf dem für jeden soviel Sonne und Schatten ist, als er braucht, um sich zu behaupten. Die Hilfe zur Selbsthilfe muss ein wesentlicher Teil unserer Tätigkeit sind. Dann wird auch die Freude nicht fehlen.» - 4. September 2010

 

hanns.fuchs@luzern60plus.ch