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Nichtstun und was so alles dazwischenkommt

Von Karin Winistörfer

Endlich Zeit, nichts zu tun. Mein zweites Masterstudium ist abgeschlossen. Eine sehr stressige Zeit vorbei. Eine Zeit, in der ich kaum Luft holen konnte: Lernen, wenn die Kinder Mittagsschlaf machten. Lernen, wenn sie abends im Bett waren, bis 22 oder 22.30 Uhr. Lernen, wenn sie in der Krippe waren oder die Grosseltern mit ihnen Zeit verbrachten. Lernen auch an Weihnachten, Silvester und Geburtstag. Die Studienzeit war grossartig und spannend, doch nun bin ich froh, zu verschnaufen. Nichts zu tun.

Gut, es gibt da schon das Eine oder Andere zu tun. Etwa, eine Stelle zu suchen. Dazu hatte ich während dem Studium kaum Zeit. Nun aber schon. Was natürlich auf Kosten des Nichtstuns geht. Dieses leidet auch darunter, wenn ich aufräumen, putzen, einkaufen, mich über aktuelle Geschehnisse und Hintergründe informieren muss/darf. Und mit zwei Kleinkindern im Wachzustand ist an Nichtstun überhaupt nicht zu denken. Auch Kolumnen schreiben sich ebenso wenig selber wie Bewerbungen.

Doch nun reicht‘s für heute. Genug beworben (die Rest-Inserate spar ich mir für morgen), genug aufgeräumt (den Rest machen die Kinder, hoffe ich) genug gekocht (am Abend gibt’s Resten), genug geputzt (der Restschmutz könnte ja vielleicht von selber verschwinden). Nun mache ich es mir auf dem Balkon im Liegestuhl bequem und mache – nichts.

Dummerweise ist der Liegestuhl im Keller. Nachforschungen vor Ort ergeben, dass er nicht sichtbar ist. Will heissen: Graben, Schichten abtragen, Material verschieben. Schliesslich sind Stuhl und Kissen gefunden. So, nun steht dem Nichtstun nichts mehr im Weg.

Stehen nicht – aber liegen. Denn der Balkonboden ist schmutzig. Ein paar Worte eher schmutzigen Ursprungs drängen sich in mein Bewusstsein. Aber alles hilft nichts: Wenn ich nun auf den schmutzigen Balkon gehe, trage ich nachher alles in die Wohnung, und dann ist noch länger nichts mit Nichtstun. Eine schlappe Viertelstunde Schrubben später sieht das Resultat schon ganz akzeptabel aus. Nun noch eine halbe Stunde trocknen lassen, in der Zwischenzeit kurz Mails checken und Jobportale absuchen, und dann – das Telefon klingelt. Eine Umfrage zur Verwendung der Freizeit. Diesem brennenden Thema kann ich mich nun wirklich nicht entziehen. Und so trocknet der Balkon unbesehen vor sich hin, die Uhr läuft unerbittlich, und schon ist es Zeit, die Kinder von der Kita abzuholen.

Ich kapituliere. Das Nichtstun verschiebe ich auf morgen. Wenigstens kann ich sagen, dass ich auf die Pensionierung in geschätzten 25 Jahren gut vorbereitet bin. Denn so etwa stelle ich mir den Ruhestand vor.
Luzern, 8. Juli 2014

Zur Person
Karin Winistörfer
, geboren 1974 in Biel, ist Masterstudentin an der Universität Luzern (Master of public opinion and survey methodology). 2001 schloss sie ihr erstes Studium der Geschichte und Soziologie mit dem Lizentiat ab. Danach war sie bis 2012 als Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton bei der Neuen Luzerner Zeitung tätig (Schwerpunkte Politik, Hochschulbildung, Gesundheit/Spitäler, Strommarkt, Gemeinden). Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Lebenspartner und ihren zwei kleinen Kindern in der Stadt Luzern. Im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Generation hat sie keine Angst, bald 40plus zu sein.