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Totale Mobilmachung im Reihenhaus

Von Meinrad Buholzer
Jetzt ist eingetreten, was ich als grösstmögliche persönliche und zivile Annäherung an die Totale Mobilmachung bezeichnen würde. Ein Leitungsbruch und seine fatalen Folgen.

Meine Frau weckte mich in der Nacht auf einen Sonntag, kurz nach drei Uhr, äusserst behutsam. „Ich glaube, wir haben einen Leitungsbruch." Als ich schlaftrunken die Treppe hinuntertorkelte, war's mit dem Glauben vorbei: Es war Gewissheit. Meine Bibliothek stand unter Wasser und von dort ergoss sich ein Wasserfall die Treppe hinunter in den Keller, auch der tief unter Wasser. Ich sah meine Schuhe fortschwimmen. Es dauerte eine Weile, bis die Einsatzkräfte hinter Sträuchern und Büschen die Schieber der Wasserleitung gefunden hatten. Dann konnte man daran gehen, zu retten was zu retten war – und an all die anderen Arbeiten. Unausgeschlafen waren wir den ganzen Tag auf den Beinen. Was man aber erwähnen sollte: Weil die ganze Siedlung, 17 Häuser, vom Wasser abgeschnitten war, stellte die Gemeinde noch am frühen Sonntagmorgen einen Wagen mit WC, Dusche und Wasser auf. Nicht selbstverständlich.

Nun leben wir zwei bis drei Monate in einem teilweise sanierungsbedürftigen und völlig überstellten Haus. Handwerker gehen ein und aus. Apparate laufen Tag und Nacht. Na gut, es hätte schlimmer kommen können...

Wirklich trist sieht es im Raum aus, der mal meine Bibliothek war. Noch in der Woche vor dem Wasserfall rühmte ich diesen Raum, weil er selbst im heissen Sommer angenehm kühl bleibt. Inzwischen frage ich mich, warum wir dort nicht etwas Spartanisches untergebracht haben; zum Beispiel einen leeren Mediationsraum. Oder ein Gymnastikzimmer, das ich sowieso nicht benützen würde.

Es gibt kaum etwas Grässlicheres und Öderes als ein Raum voller Büchergestelle, in denen gähnende Leere herrscht. Denn die Bücher sind nun weg, werden irgendwo zwischengelagert. Es hat sie bös erwischt, vor allem jene die das Pech hatten, in den untersten Regalen zu stehen. Seither hat meine Bibliothek Lücken (bei den Franzosen von Sartre bis Zola) und etliche Werke der Weltliteratur in verwässerten Ausgaben.

Die Amerikaner erwiesen sich als ziemlich robust – vielleicht wird Hemingway irgendwann noch Schimmel ansetzen, aber die meisten (von Roth bis Salinger) haben nach einem flüchtigen Blick bloss nasse Füsse bekommen. Bei der deutschen Literatur indessen haben sich die Feuchtgebiete in dieser Nacht fest etabliert. Auch Sloterdijk blieb, zwar im Philosophengestell, nicht verschont. Am schlimmsten erwischt hat es die Franzosen, nicht weil sie tiefgründiger sind, bloss ihr Gestell war tiefer gelegt. So haben sich die Literaten dort trotz persönlicher Animositäten eng verschwistert. Dass Sartre ein Klumpenrisiko ist, wusste ich zuvor nicht, nun sind seine Taschenbücher ein einziger Klumpen; seine „Wörter" im Wörtersee versoffen. Boris Vian, sonst ein harter Brocken, hat etwas Schwammiges. Erstaunlich gut gehalten haben sich die „Salongeschichten" von Tallemant des Réaux, zwar verwandelten auch sie sich über Nacht von einem Hard- in einen Softcover, aber das Buch ist – nach einer Entfeuchtungskur – immer noch als solches erkennbar und sogar lesbar (ein Lob dem Manesse-Verlag für diese Ausgabe von 1996).

Nun sind meine Bücher also im Exil. Oder bin nicht eher ich im Exil, weil unfreiwillig ausgeschlossen von meiner Bibliothek? – Hat da jetzt jemand gerufen, Entsorgen mache frei? Keine Spur! Denn gerade vor dem Rohrbruch, kommt es mir vor, bin ich täglich von der Lektüre aufgestanden und habe, wenn dort ein Bezug zu einem andern Buch aufschien, nachgesehen, wie sich das im Original liest. Jetzt bleibt nur noch das weltweite Netz...

Am Tag vor dieser Nacht hatte ich zwei alte Paar Hosen zertrennt, um daraus Putzlumpen zu machen. Wer braucht bloss so viele Putzlumpen? fragte ich mich. Raten Sie mal, wie viele übriggeblieben sind! - 16.9.2019

meinrad.buholzer@luzern60plus.ch

Zur Person:
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.