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Yvonne Volken Foto: Joseph Schmidiger

"Gute N8" und andere Trendwörter
für "OK Boomer"

Von Yvonne Volken

Unsere Kolumnistin freut sich über die Vielfalt der deutschen Sprache und führt eine Liste mit neuen Begriffen, weil sie sich davor fürchtet, sonst schnell mal "outdated" zu sein. Dabei liebt sie auch alte Wörter, die in dieser Kolumne kursiv gesetzt sind und sie weiss, wie Krise geschrieben wird, stolpert aber über den "Schwerenöter".

Als die körperlichen Beschwerden in diesem Winter einfach nicht verschwinden wollten, schrieb eine liebe Freundin: "Vielleicht solltest du dir einfach mehr Metime gönnen". Metime? Es dauerte einen Moment und ich realisierte, Metime ist kein neuer Mikronährstoff, sondern heisst schlicht und einfach "Zeit für mich" - "Me time". Also füge ich den neuen Begriff flugs meiner Liste der Wörter bei, die gerade angesagt sind. So wie "toxisch". Seit einiger Zeit ist alles plötzlich toxisch. Beziehungen, die Männlichkeit, Nahrungsmittel, das Sitzen, der Handygebrauch. Entsprechend gibt es ja auch die vielen Detox-Kuren, Detox Yoga, der/die/das digitale Detox.

Sie werden vielleicht lachen - aber mir ist es wichtig, nicht von gestern zu sein. Wenn ich die Welt als Ganzes schon nicht verstehe, will ich wenigstens mitbekommen, welche (sprachlichen) Trends sie zusammenhalten. Ja, ich weiss, da hätte ich jetzt statt "von gestern sein" "outdated" hinschreiben müssen... Immerhin verwende ich aber keine so altbackenen Begriffe mehr wie "modern" und ich beherrsche die Chat-Rätsel-Kürzel aus dem FF.

ASAP - As soon as possible - so bald als möglich; Gute N8 - (guess yourself!); DAU - Dümmster anzunehmender User; LOL - Laughing out loud sowie die Klassiker, die auch uns Babyboomern bekannt sind: LG und HG und vielleicht noch OMG (oh my god).

A propos Boomer. "Klimajugend" ist das Deutschschweizer Wort des Jahres 2019, "Flugscham" steht auf Platz 3 dieser Liste, veröffentlicht von Sprachwissenschaftlerinnen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Was aber bitte bedeutet das Wort "OK Boomer", das auf den 2. Platz gesetzt wurde? Nach einigem Grübeln über der offiziellen Erklärung der Sprachwissenschaftler, fühle ich mich ganz klar als DAU (siehe oben), schaue im Internet nach und muss darauf eine ganze Reihe von Begriffen zu meiner Trendwörter-Liste hinzufügen, "Meme", "virale TikTok-Videos, "Moves", "Rant".

Was sie genau bedeuten, checke ich dann später. Aber immerhin sehe ich nun das Jahreswort "OK, Boomer" bildlich vor mir: Ich sehe einen Bumerang, den werfe ich z.B. einer jungen Klimaktivistin um die Ohren und rufe dazu: "Du hast ja keine Ahnung, worum es geht, du Kücken!" Der Bumerang segelt zurück zu mir, begleitet von einem Achselzucken der jungen Frau und den Worten: "OK Boomer". Alles klar!

Cousine Daniela, eine Gymilehrerin, die Deutsch unterrichtet, interessiert sich im Moment nicht für Trendbegriffe, die unter ihren Schülerinnen und Schülern vielleicht gang und gäbe sind, vielleicht auch schon nicht mehr, denn nichts ist windiger und unfassbarer als die sogenannte Jugendsprache. Wir haben am Kaffeetisch eben über die abnehmende Lesekompetenz der Schweizer Schülerinnen und Schüler geredet (auf Platz 27 der Pisa-Liste 2018). Viele könnten auch keinen klaren Satz mehr schreiben, könnten weder Verben richtig konjugieren noch Nomen genau deklinieren, geschweige denn Sprachbilder verstehen, empört sich Daniela.

"Du bist halt in Sachen Sprache eine echte Schwerennöterin", sage ich lachend, "immer so akribisch, übergenau!". Meine Bemerkung verursacht kritisches Stirnrunzeln. "Was faselst du da?", tadelt mich die Cousine und fragt nach, was ich genau unter "Schwerennöter" verstünde und wie ich es schriebe. "Schweren-Nöter", buchstabiere ich, "mit zwei N" und das sei "jemand, der viel zweifelt, nichts auf die leichte Schulter nehmen kann". "Das ist dann aber kein Schwerenöter", korrigiert mich die Cousine. Dieses Wort bezeichne im Gegenteil einen groben Kerl, einen Schürzenjäger, Und ausserdem schreibe sich das Wort nur mit einem N in der Mitte, "Schwerenöter".

OMG, kann es wirklich sein, dass ich ein ganzes Leben lang den Begriff "Schwerenöter" falsch geschrieben, falsch verstanden und falsch angewandt - oder heisst es etwa "angewendet" - habe? Jetzt habe ich "voll die Kriese, Mann"! Aber natürlich weiss ich, dass wir Krise ohne ie schreiben. Das wenigstens wissen wir Boomer/innen sicher. – 28.1.2020

yvonne.volken@luzern60plus.ch 

Zur Person:
Yvonne Volken, geboren 1956, hat alle zehn Jahre ihr Berufsfeld radikal verändert, arbeitete als Buchhändlerin, als Journalistin, als Projektleiterin bei der Stadt Luzern, als Literaturveranstalterin und gegenwärtig als Klassenassistentin an einer Primarschule. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, Missionarin in Indien, ging nicht in Erfüllung. Heute stellt sie fest: Missionieren kann frau eigentlich überall.