
Marion trifft auf Dating-Plattformen immer wieder auf Betrüger. Bild: zvg (von der Porträtierten selber mit KI bearbeitet)
Liebesbetrug im Internet
Wer auf Dating-Portalen einen Partner sucht, kann üblen Betrugsversuchen ausgesetzt sein. Wie die 68-jährige Marion.
Von Rolf Wespe
Marion hat sich im World Wide Web in einen Mann verliebt. Sie hat allerdings nur ein Foto von ihm gesehen und mit ihm telefoniert. Als Mathew* Geld von ihr will, beginnt sie zu recherchieren. Marion hat im Internet auch andere Betrüger kennengelernt. Sie will mit ihren Erfahrungen andere Frauen warnen und gibt Tipps.
Die 68-Jährige ist Systemanalytikerin für Computersysteme, unterdessen pensioniert und arbeitet in einem Café als Teilzeit-Freiwillige. Ihr Mann starb vor sechs Jahren. Nun sucht die gebürtige Deutsche einen neuen Partner auf parship.ch und anderen Portalen.
«Darling, how are you? You are the love of my life»: Mathew ruft Marion jeden Tag über WhatsApp an. Mit einer «Stimme wie Milch und Honig» (Zitat Marion) und einem KI-generierten Porträtfoto, «auf das jede Frau schaut». Er gewährt ihr Einblicke in die Website seines Medizinal-Unternehmens. Er ist als CEO aufgeführt. Und später informiert er sie über ein Bankkonto, auf dem Millionen von Franken liegen sollen.
Kopiert und gefakt
Während sechs Wochen fragt er jeden Tag: «How are you?» Dann folgt eine Einladung zum ersten Treffen, einem Essen in einem noblen Zürcher Restaurant. Am Morgen des Dates sagt er plötzlich ab. Er müsse dringend nach Dubai fliegen, weil es ein Problem mit einem Defibrillator gebe, begründet er die Absage.
CEO Mathew ist angeblich in Dubai und hat Probleme. (Die Episode spielt vor dem aktuellen Krieg.) Er dürfe nur ausreisen, wenn er eine Strafe in der Höhe von einer Million Euro bezahle. Er bittet Marion, ihm mit einer Zahlung von 33'000 Franken aus der Patsche zu helfen. Den Rest würden seine Tochter und seine Mutter bezahlen. Marion bekommt die Kopie eines Ausweises, einen Schuldschein und das Versprechen, dass er das Geld zurückzahlen werde.
Marion ist verliebt, bewahrt aber einen kühlen Kopf. Sie fragt ihren Sohn. Seine Recherche deckt auf: Mathew und seine Komplizen haben die Website eines bestehenden Medizinal-Unternehmens kopiert, gefakt und Mathew als Chef hineinkopiert. Marion blockiert Mathew und meldet den Betrugsversuch bei Parship. Kurz danach taucht der Betrüger auf parship.ch mit anderen Fotos auf. Sie veranlasst Parship, auch diesen Kontakt zu blockieren.
Immer dasselbe Muster
Die potenziellen Partner würden «unheimlich interessante Geschichten» erzählen, sagt Marion. John* erntet Bäume in Südamerika. Was immer das heissen mag. Er sei bestohlen worden und die Bank habe sein Konto gesperrt. John bittet sie, ihm Geld zu überweisen, damit er seine Arbeiter bezahlen könne.
Michael*, ein Feuerwehr-Kommandant aus Zürich, ist in der Ukraine im Einsatz. Dafür werde er mit einem Orden und mit einer Kiste Gold belohnt. Auf WhatsApp zeigt er Marion ein entsprechendes Bild. Michael könne das Gold aus der Ukraine nur mit einem gemieteten Transportfahrzeug der UNO über die Grenze bringen. Dazu brauche er Geld. Das soll ihm «sein Schatz» Marion überweisen.
Auch Sam* bandelt mit der Frau an. Kurz vor dem vereinbarten ersten Treffen muss er angeblich dringend nach England. Auch er braucht Geld, denn er müsse seine Mutter besuchen, die im Sterben liege. Marion reagiert mit einer paradoxen Intervention. Das sei eine traurige Reise, und sie bietet an, Sam zu begleiten. Sam erkundigt sich: Hat Marion den Flug nach London schon gebucht? Er müsse nämlich nicht fliegen, der Mutter gehe es bereits wieder besser ...
Wie Parship reagiert
Parship ist ein renommiertes Unternehmen, das gemäss Eigenwerbung «besonders hohe Chancen auf eine glückliche Beziehung» vermittelt. Aber ist es auch ein Tummelfeld für Betrüger? «Wir tun bereits alles, was in unserer Macht steht, um unseriöse Mitglieder umgehend zu erkennen und aus unserem Service auszuschliessen», schreibt Daniela Engel vom Parship-Kundenservice in Hamburg.
Und wie verfährt Parship mit Betrügern? Antwort: «Wir können die erneute Anmeldung von unseriösen Mitgliedern nicht immer verhindern. Darüber hinaus wechseln Betrüger häufig ihre Identitäten und erschweren uns somit die Wiedererkennung anhand der E-Mail-Adresse oder Namen. (…) Es gibt ein speziell geschultes Team für das Thema Sicherheit. Dieses Safety-Team kennt typische Vorgehensweisen von Mitgliedern mit unlauteren Absichten und entwickelt Massnahmen, um diesen immer einen Schritt voraus zu sein.»
Opfer sind meist weiblich
Marion bleibt trotz ihrer Erfahrungen auf parship.ch und hofft weiter, einen Partner zu finden. Sie schreibt allen Männern beim ersten Kontakt: «Ich gebe niemandem Geld, den ich nicht persönlich sehr gut kenne.»
Internationale Recherchen zeigen, dass die Betrüger in spezialisierten Büros in Gruppen ihre Opfer bearbeiten: Erst «anfixen» und dann um Geld bitten. Werden vor allem Frauen abgezockt? Jedenfalls sind dem Autor dieses Artikels weniger Betrugsgeschichten mit Männern bekannt. Vielleicht sind Männer weniger bereit, über versuchte oder gelungene Betrügereien zu reden. Ein Bekannter suchte auf Parship eine Partnerin. Er machte jedenfalls keine Bekanntschaft mit Betrügerinnen.
Tipps von Marion
- Möglichst bald nach der Bekanntschaft einen Video-Call vereinbaren. Vorsicht: Täuschungen sind auch da möglich.
- Betrüger wollen weg von der Partnerschaftsseite, zum Beispiel auf WhatsApp usw. wechseln, also auf Kanäle, die ausserhalb des Einflussbereichs des jeweiligen Dating-Portale sind.
- Jedes Foto eines Mannes mit Suchmaschinen und/oder KI checken. Herausfinden, ob das Bild zu finden ist und abgekupfert wurde.
- Kein Geld überweisen.
- Die Website gemeinsamerleben.com gibt viele Tipps.
*Namen geändert
17. März 2026 – rolf.wespe@gmail.com
Zum Autor
Rolf Wespe (78) hat Anglistik und Germanistik studiert und abgeschlossen. Er war Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Luzern und im Bundeshaus, Reporter bei «10vor10» des Schweizer Fernsehens, leitete die Kommunikation des Bundesamtes für Umwelt und war Studienleiter der Schweizer Journalistenschule. Er ist Ko-Autor von «Storytelling für Journalisten». Für seine Arbeit als Investigativjournalist erhielt er den Zürcher Journalistenpreis.