
Moderatorin Doris Kaufmann freut sich auf die Gäste der Erzählcafé-Reihe «Stadtgeschichten» im Am-Rhyn-Haus.
Macherin mit 100’000 Ideen
Doris Kaufmann ist mit Lust und Freude engagiert. Unter anderem moderiert sie Erzählcafés und gibt ihr Wissen über multimediales Gestalten und KI weiter.Von Monika Fischer (Text und Bild)
Nach der Eröffnung 2016 begegnete ich Doris Kaufmann (73) regelmässig bei «HelloWelcome», der niederschwelligen Anlaufstelle für geflüchtete Menschen. Eine Zeitlang hatte ich sie aus den Augen verloren, bis ich letztes Jahr an einem Vortrag über Digitalisierung und KI neben ihr sass. Sie beantwortete meine Fragen und schwärmte von den Möglichkeiten der neuen Technologien. Sprudelnd vor Ideen und Begeisterung erzählte sie von ihrem Leben und betonte: «Ich habe immer das gemacht, was mich brennend interessiert, für das ich Feuer und Flamme bin und hoffte, andere mit meiner Faszination anzustecken.»
In Basel mit einer Zwillingsschwester aufgewachsen, begann ihre Laufbahn mit einer Ausbildung zur Chemielaborantin beim Migros-Genossenschaftsbund in Zürich, Schwerpunkt Lebensmittel-Analytik. Als nach deren Abschluss das Reisefieber ausgebrochen war, richtete sie ihr Leben danach aus. Nach neun Monaten Arbeit war sie jeweils drei Monate unterwegs. Sie reiste nach Indien, Bali und Japan, wo sie später ein Sabbatical mit tollen Erlebnissen verbrachte.
Nach ihrer Rückkehr hatte sie zunächst Mühe, eine Stelle zu finden. Sie landete beim zürcherischen Kantonslabor, Abteilung bakteriologische Trinkwasserkontrolle, und konnte sich gleichzeitig in Lebensmittelmikrobiologie weiterbilden. Durch einen Glücksfall kam sie vier Jahre später als Leiterin des mikrobiologischen Labors zurück zur Migros, wo ein kleines Team Keimzahlen in Lebensmitteln bestimmte. «Es war sehr spannend, in Lebensmittelbetrieben bakteriologische Infektionsherde aufzuspüren und Schulungen in Arbeitshygiene zu entwickeln und umzusetzen.» Danach war sie vier Jahre an der ETH Zürich am Institut für Tierernährung für die Analyse tierischer Futtermittel zuständig und führte zukünftige Agronomen in die Laborarbeit ein.
Von der Graphologin zur Maltherapeutin
Doris Kaufmann erzählt, wie sie mehr und mehr den Drang nach mehr Selbständigkeit spürte: «Ich hatte 100'000 Ideen und musste lernen zu warten, bis die Zeit dafür reif ist.» Schon als Kind vom Bild der Handschriften fasziniert, bildete sie sich am Institut für angewandte Psychologie in Zürich berufsbegleitend zur Diplomgraphologin aus. Neben dem Aufbau eines eigenen Büros wurde sie von einem Stellenvermittlungsbüro für Informatiker in einem 50-Prozent-Pensum als Hausgraphologin angestellt. Graphologische Gutachten waren Teil der Eignungsabklärung.
«Zehn Jahre lang war meine Arbeit erfolgreich, dann hatten die Handschriften nicht mehr denselben Interpretationswert und Personalverantwortliche zunehmend weniger Verständnis für die Arbeit der Graphologen.» Motiviert durch die Erfahrung des Unterrichtens, absolvierte sie einen Kompaktlehrgang zur Erwachsenenbildnerin. Ausgehend von der Erkenntnis, sie sei ein kopflastiges analytisches Wesen, machte sie zusätzlich die Ausbildung zur Mal-, Kunst- und Gestaltungstherapeutin mit Selbsterfahrungsanteil bei Eva Brenner in Winterthur. Sie suchte Kontakte zu Altersheimen mit Beschäftigungsangebot, wo sie Mal-Nachmittage «Intuitives Malen für SeniorInnen» durchführte, und arbeitete neben anderem auch mit Einzelpersonen und in einem Heim für jugendliche rückfallgefährdete Drogensüchtige.
Von Horgen nach Luzern – keine einfache Sache
Dank einer Erbschaft konnte sich Doris Kaufmann bereits mit 60 frühpensionieren lassen und zog 2012 nach Luzern in die Tribschenstadt. Nach einer 20 Jahre dauernden Wochenendbeziehung hatte sie sich mit ihrer Freundin entschieden, zusammenzuziehen und bemerkt: «Die Übergangszeit war nicht einfach. Früher hatten wir uns viel zu erzählen, wenn wir zusammenkamen. Das fiel nun weg. Wir mussten lernen, den Alltag gemeinsam zu leben.»
Wie hat sie den Wechsel vom Arbeits- ins Pensionsleben in einer neuen Umgebung geschafft? «Schon in Horgen erkundigte ich mich über entsprechende Möglichkeiten in Luzern und stiess auf das spannende Projekt der Quartierbegehungen von Beat Bühlmann.» Sie meldete sich, machte von Anfang an in der Spurgruppe-Tribschenstadt mit, und freut sich: «Neben dem Quartier Tribschen-Langendsand lernte ich viele interessante Menschen kennen, und es haben sich mir viele Türen geöffnet.»
«Weisch no?» führte sie zu den Erzählcafés
Bei den Spaziergängen erfuhr sie immer wieder, wie die Leute stehenblieben und von früher erzählten: «Weisch no?» Dies motivierte sie zur Gründung des Erzählcafés im Pfarreiheim St. Anton, das bis heute besteht. Fasziniert von den oft spannenden Geschichten mit historischem Wert, liess sie 15 davon an einem ruhigen Ort in ein Mikro sprechen und machte daraus einen Audio-Spaziergang für alle. Später übergab sie diese Oral-History-Audio-Dateien dem Stadtarchiv.
Als die Fachstelle für Altersfragen der Stadt auf sie zukam mit der Bitte, im Am-Rhyn-Haus ein Erzählcafé unter dem Titel «Stadtgeschichten» zu leiten, sagte sie gerne zu und besprach die möglichen Themen. Sie vergleicht das Erzählcafé mit einem Billardspiel: «Ich zeige ein Bild, zum Beispiel vom Lido, und stelle eine Impulsfrage, die in den Anwesenden etwas auslöst. Sie nehmen den Ball auf und spielen ihn weiter und weiter. Nach einem meist angeregten und lustvollen Gespräch während 75 Minuten geniessen wir zusammen Kaffee und Kuchen, die von der Stadt offeriert werden.»
Macherin mit Kassandra-Effekt
Mit den Worten «ich habe Beat Bühlmann sehr viel zu verdanken», berichtet Doris Kaufmann, wie dieser sie auch auf Innovage aufmerksam gemacht hatte. Sie meldete sich bei der Organisation und arbeitete im Team an der Idee, im «Neubad» ein Seniorenbüro aufzugleisen. «Es gelang nicht. Zu viele Diskussionen, zu viel Papierkram ohne Ergebnis», begründet sie ihren Rückzug.
Ähnlich hatte sie die Zeit beim «Forum Luzern60plus» erfahren. «Ich bin eben eine Macherin», hält sie fest und erzählt vom interkulturellen Malangebot im Pfarreiheim St. Anton. Sie wollte damit jeweils am Mittwochnachmittag Erziehungsberechtigte verschiedener Kulturen und deren Kinder zusammenbringen, damit sie sich kennenlernen und voneinander lernen. Das Angebot war ein Erfolg, es kamen immer mehr Leute.
In einem Film auf Youtube ist zu sehen, wie Doris Kaufmann 2020 für den Anerkennungspreis Quartierleben der Stadt Luzern nominiert war. Mehr und mehr hatte sie Mühe mit Begleitpersonen, die sich in Malprozesse einmischten und die kleinen «Künstler*innen» fotografieren mussten. Dieses Verhalten konnte sie nicht mehr mit ihrem Mal-Therapie-Wissen vereinbaren. Deshalb gab sie das Projekt nach sieben Jahren auf.
Eine ähnliche Erfahrung machte sie mit «HelloWelcome», wo sie zur Ermächtigung der Frauen eine Frauengruppe gegründet hatte. Diese traf sich am Samstagvormittag zur Vertiefung aktueller Fragen oder kultureller Themen. Mehr und mehr ärgerte sie sich über die Passivität einzelner Frauen und mehr noch über den Migrationsbereich in der Schweiz: «Da läuft so vieles schief, dass ich mich fast schämen muss, Schweizerin zu sein. Es sind Missstände, die mich so hässig und zynisch machten, dass ich aufhörte. Es ist eine Konstante in meinem Leben, dass ich wie Kassandra Mängel aufdecke, ignoriert werde und enttäuscht gehe.»
«Sie sind uns aufgefallen». Mit diesem Hinweis erhielt sie vor ein paar Jahren zu ihrer Überraschung eine Einladung der Stadt für einen Abend im Stadthaus. «Dort wurden rund 15 Personen von sämtlichen Stadträten mit Handschlag begrüsst. In kleiner Runde stellten die Stadträte die Projekte der Eingeladenen vor. Es war ein schöner Anlass», bemerkt sie rückblickend.
Dranbleiben und einfach experimentieren
Vor drei Jahren entdeckte Doris Kaufmann die Faszination für KI. «Es ist wichtig, sich mit Freude, Neugier und Lust rechtzeitig mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen, ist man doch sonst schnell weg vom Fenster», betont sie und erzählt, es mache ihr grossen Spass, herumzutüfteln und allerlei auszuprobieren.
Mit Hinweis auf ihr papierloses Büro sagt sie: «Man kann digital alles machen, sogar auf dem Handy.» Sie schwärmt geradezu von den vielen kreativ-gestalterischen Möglichkeiten der neuen Technologien. In Sekundenschnelle bekomme sie Tipps für eine Wanderwoche, könne Bilder, Grafiken, Videos, Musik, Storybooks und Texte generieren lassen. Voraussetzung für gute Resultate sei stets das kluge «Prompting» (Anweisungen an Chatbots).
Das Transparentmachen der KI-Nutzung ist ihr wichtig. Gerne gibt sie ihr Wissen in Kursen anderen Menschen weiter (digilab). Besonders begeistert ist sie von den Möglichkeiten der KI beim Erlernen einer Fremdsprache. Deshalb hat sie 12 praktische Anwendungsfälle zusammengestellt und diese im November 2025 in einer vierstündigen Schulung den Freiwilligen bei «HelloWelcome» vermittelt. Sie freute sich über die guten Feedbacks und wird nächstens eine KI-Schulung im Lernatelier durchführen.
Wohl angeregt durch meine mangelnden Kenntnisse, zeigt mir Doris Kaufmann ihre Youtube-Video-Playlist «KI-Basiswissen für SeniorInnen». Auf meine erstaunte Frage, wie sie das alles nebeneinander schaffe, verweist sie auf ihr enormes Zeitpotenzial, da sie keine Familie habe.
29. Januar 2026 – monika.fischer@luzern60plus.ch