Georges T. Roos (Bild zvg.)

«Mich beschäftigt die Generationengerechtigkeit»

Die alternde Gesellschaft ist ein grosses Thema unserer Zeit. Wie sie sich entwickelt und welchen Herausforderungen sie sich stellen muss, ist eine von vielen aktuellen Fragen, mit denen sich der Zukunftsforscher Georges T. Roos beschäftigt.  

Von Barbara Stöckli

Georges Roos, Ageing Society - so lautet der Fachausdruck – was verstehen Sie darunter?
Zunächst einmal, dass unsere Gesellschaft ein hohes Alter erreicht und ein noch höheres erreichen wird. Das ist in dieser Breite neu. In 20 Jahren wird ein Viertel der Schweizer Bevölkerung 65-jährig und älter sein. Es ist die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe weltweit, ausser in Afrika. Wir werden in absehbarer Zeit die Situation haben, dass wir mehr Menschen 65+ als U20 haben werden. Und das ist in der Geschichte der Menschheit ein absolutes Novum. Früher gab es die Alterspyramide, also ein breites Fundament an jungen und oben eine schmale Spitze von alten Menschen. In den letzten Jahren hat sich die Pyramide zunehmend zu einer Käseglocke gewandelt.

Welches sind Herausforderungen für die Generation 60plus?
Die demografische Alterung ist heute abgekoppelt von der biologischen und medizinischen Entwicklung. Wir sind alt, doch fühlen uns fit und gesund und nehmen am Leben teil. Wir haben nach der Pensionierung einen Zugewinn an Zeit und müssen uns überlegen, wie wir diese Zeit nutzen. Einige wollen noch einmal durchstarten, vielleicht ein Unternehmen gründen, was wiederum beispielsweise die Banken zu neuen Überlegungen in der Kreditvergabe bewegen muss. Der Zuwachs der älteren Generation bedeutet auch ein grösseres Reservoir an Freiwilligen. Nur sind die sogenannten Babyboomer nicht unbedingt von Pflichtgefühl getrieben. Sie wollen ihre Zeit nach ihren Bedürfnissen gestalten. Das fordert die Freiwilligenorganisationen, die Arbeit flexibler zu organisieren, projektorientierte Angebote zu machen.

Wie steht es um die Digitalisierung? Viele ältere Menschen fürchten, abgehängt zu werden. Legt sich das, wenn – sagen wir – die heute 40-Jährigen ins Rentenalter kommen?
Es bleibt eine Herausforderung, wie Anbieter es schaffen, die Generationen mitzunehmen. Klar fällt kommenden Generationen der Umgang mit der Digitalisierung leichter. Doch Digitalisierung kann man nicht lernen und sie bleibt nicht stabil, sondern ändert sich laufend. Das geht auch mir so. Ich bin es gewohnt, meine Rechnungen nach einem klaren Schema zu verwalten. Doch je digitaler die Abläufe werden, umso mehr habe ich Mühe, den Überblick zu behalten. Ich erhoffe mir einfachere, adaptivere und intuitivere Schnittstellen zwischen Mensch und Technik. Also eine Technik, die so vereinfacht wird, dass jeder und jede sie bedienen kann. Wie etwa die Wischbewegungen bei Smartphones, die bereits Babys beherrschen.

Die Generation der Rentenempfängerinnen und -empfänger wächst. Jene, die die Renten finanzieren, werden weniger. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ich glaube, auch die nächste Generation muss sich nicht so sehr Sorgen um die finanziellen Fragen machen. Die Renten können wir finanzieren. Mehr als die Finanzierung der Renten beschäftigt mich die Generationengerechtigkeit. Wie werden die Lasten im Hinblick auf die kommenden Generationen verteilt. Es gibt den Begriff der Gerentokratie, also die Herrschaft der Alten. Wie wirkt sie sich aus auf die Demokratie? Was passiert, wenn bei Abstimmungen die ältere Generation die junge überstimmt, diese aber die Folgen tragen muss?

Kann das mittelfristig die Gesellschaft spalten?
Ich sehe keine Tendenzen einer Spaltung, die sich an der demografischen Achse abspielt. Ich glaube, das Verhältnis zwischen den Generationen ist besser als sein Ruf. Anders als früher, gibt es heute einen Rechtsanspruch auf Ansprüche, die der Staat verantwortet, wie beispielsweise die Sozialhilfe. Das ist ein Fortschritt. Die Solidarität funktioniert, sie ist einfach bürokratisiert und dadurch weniger augenfällig.

13. Januar 2022 – barbara.stoeckli@luzern60plus.ch

Zur Person
Georges T. Roos ist Gründer eines privat finanzierten Zukunftsforschungsinstituts und der European Futurists Conference Lucerne. Seit über 20 Jahren befasst er sich mit aktuellen Fragen der Gegenwart und zeigt Entwicklungen auf, die für unsere Zukunft prägend sein werden. Er gilt als der führende Zukunftsforscher der Schweiz. Er lebt in Luzern.