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Wigwams im Lauf der Generationen

Von Marietherese Schwegler

Jetzt ist alles gut. Die neue Wohnung ist seit ein paar Wochen bezogen, nur noch ein paar Zügelkartons warten im Arbeitszimmer darauf, ausgepackt zu werden. Doris und André Hobi sind in ihrer neuen, lichtdurchfluteten Eigentumswohnung im Tribschenquartier schon ganz heimisch. Dabei sind sie erst vor ein paar Wochen eingezogen.

Den Schritt selber machen

Fünf Jahre hat es gedauert vom ersten Gedanken daran, das Einfamilienhaus in der Rosengartenhalde aufzugeben und sich eine fürs Alter passende Bleibe zu suchen, bis zum Umzug auf die andere Seeseite im Juni. Nachdem ihre zwei Söhne ausgezogen waren und beide das Haus nicht übernehmen wollten, wurde im Pensionierungsalter der Entscheid zum Umzug gefällt: „Mit 70 wollen wir es geschafft haben“, sagten sie sich damals. Zunächst war es ein Entscheid aus reiner Vernunft. Denn sie wollten selber den Schritt machen, anders als damals Doris‘ betagte Eltern, die zum Räumen ihres eigenen Hauses nicht mehr selbst in der Lage waren. „Wir wollten nicht, dass dereinst unsere Kinder das Haus räumen müssen“, sagen sie.

Loslassen und gewinnen

Das Loslassen war nicht einfach, war doch die Familie 34 Jahre lang im trauten Wigwam, wie André es nennt, zu Hause und bestens in die Nachbarschaft eingebettet. Verständlich, dass sie also im Quartier bleiben wollten; nur fand sich dort auch nach langer Suche weder eine passende Miet- noch Eigentumswohnung. Also liessen sie sich von ihrem Sohn, der ins Tribschenquartier gezogen war, überzeugen und schlossen einen Kaufvertrag ab für eine erst noch zu bauende Wohnung auf dem Gelände der ehemaligen Butterzentrale. “Wir wollten zuerst auf keinen Fall über den Teich“, sagt André, und Doris ergänzt: „Aber seit wir auf dieser Seeseite wohnen, ist es viel spannender und urbaner!“

Das Hauptkriterium für die Wohnungswahl war schon früh klar: „Wir wollen uns aufs Neue freuen können.“ Und das tun sie jetzt. Selbst die Gartenarbeit, die sie früher so gerne hatte, vermisst Doris nicht. Stattdessen haben beide sich je ihre eigenen Räume und Tagesrythmen eingerichtet, nehmen sich Zeit zum Lesen, haben das Auto gegen ein GA eingetauscht, gehen Wandern und manchmal frühmorgens in den nahen See schwimmen.

Die Nachfolgefamilie

Zurück zum Haus an der Rosengartenhalde. Erst als Hobis den Vertrag für ihre künftige Wohnung unterzeichnet hatten, liessen sie ein Chiffre-Inserat für den Verkauf des Hauses aus den 80er-Jahren schalten. „Wir suchten ausdrücklich eine Familie“, sagen sie und wurden fündig unter 26 Interessenten. Wie sie selbst 1981 in ihr Haus mit zwei Kindern und Hund eingezogen waren, konnten sie nun das Haus wiederum einer Familie mit zwei kleinen Buben überlassen.  

Alte Schätze heben

Dann stand für Hobis das Räumen an. Sie waren dank ihrer vorausschauenden Planung nicht unter Zeitdruck. Und sie nahmen sich vier Monate Zeit, drehten und wendeten die Sachen und Texte, die sich angesammelt hatten: „Wegwerfen? Nein, schade. Doch!“ Und sie hoben ganz besondere Schätze aus den Kisten im Estrich: Rund 300 Briefe, die sie sich einander vor der Heirat geschrieben hatten. Aber auch die Tagebücher von Andres Vater, die dieser nach der Pensionierung geführt hat, voller Erinnerungen an Ausflüge mit den Enkeln und andere Familienereignisse. Und als André darin auch über den frühen Tod seiner Mutter las, bemerkte er ein ähnliches Handlungsmuster wie es nun das von André und Doris wurde: Seine kranke Mutter hatte bereits damals mit ihrem Mann eigenständig entschieden, rechtzeitig im Wohnheim Wesemlin ein Appartement zu beziehen.

Abschied unter Freunden

Abgerundet haben Hobis den Abschied von Haus, Garten und Quartier mit einem Apéro für Nachbarn, Familie und Freunde, zu dem als Überraschungsgäste auch die „Neuen“ dazu kamen, bestens aufgenommen von der künftigen Nachbarschaft.

Und wie ist es denn nun, mit einer wenn auch geräumigen Wohnung zurechtzukommen, nach so langen Jahren im eigenen Haus? „Oh, wir haben den Wechsel keine einzige Sekunde lang bereut“, ist sich das Paar einig, das auch schon sehr gute Kontakte zu den Nachbarn hat. „Als kürzlich nach einem Gewitter die Garage überschwemmt wurde, haben wir alle gemeinsam Wasser geschaufelt und Sperren errichtet.“ Nicht immer sorgen Unwetter für ein solches Gemeinschaftserlebnis, das dann auch die Gelegenheit war, mit allen Duzis zu machen, wie Doris und André lachend erzählen.

Dieses Unterfangen, genannt ‚Wohnen im Alter nach unserem Gusto‘, das Doris und André zunächst so rein vernünftig angegangen sind, ist schliesslich rundum geglückt. Der Verlust des eigenen früheren Wigwams wurde mehr als wettgemacht mit der neuen Wohnsituation, den neuen Nachbarn! Aber es hat einen langen Atem und Offenheit und einiges an Arbeit erfordert. - 15. Juli 2015