
Cornelia Gentizon möchte wissen, was eine Verwandte vor mehr als hundert Jahren in dieses Büchlein notiert hat.
Mit alten Schriften in alte Zeiten eintauchen
Wer beim Räumen alte Familiendokumente findet und darin schmökern will, scheitert oft an einer unlesbaren Schrift. Ein vom Stadtarchiv angebotener Schriftenlesekurs hilft weiter.
Von Eva Holz (Text und Bild)
Die Handschrift meines 1971 verstorbenen Grossvaters sieht aus, als käme sie von einer anderen Welt. Selbst mein Vater, der ein Flair für Enträtselungen aller Art hatte, zerbrach sich den Kopf ob dieser kryptischen Zeichen. Glücklicherweise hatte sich mein Grossvater zu Lebzeiten die Mühe gemacht, einige seiner Texte nochmals mit Schreibmaschine abzufassen, damit man einen Einblick in seine zuweilen turbulente Vita erhielt.
«Was nützen Ihnen Ihre alten Familiendokumente, wenn Sie sie nicht lesen können?» Diese Frage stellt die Stadt Luzern auf einer ihrer Webseiten mit dem Titel «Schriftenlesekurs» und bietet seitens des Stadtarchivs an, historische Handschriften entziffern zu lernen.
Schwierig zu entschlüsseln
Cornelia Gentizon ist dem Aufruf gefolgt, weil ihr das «Milchbüechli» einer verstorbenen Verwandten in die Hände gekommen war. Jede Seite des blauen Hefts ist akkurat und dichtest mit Tinte beschrieben – aber eben: Das Ganze ist auf Anhieb nicht zu entschlüsseln. «Mir war von Anfang an klar, dass ich wissen wollte, was die Frau so akribisch notiert hatte und als Überraschung will ich den Inhalt meinen Geschwistern erzählen.»
Ob es sich um die Niederschrift ihrer Grossmutter, Urgrossmutter oder Grosstante handelt, weiss Cornelia Gentizon nicht, aber das spiele auch keine Rolle, findet die ehemalige SBB-Mitarbeiterin. «Es ist doch einfach spannend zu erfahren, welche Interessen eine Frau vor hundert oder mehr Jahren verfolgte und wie sie diese zu Papier brachte.»
Einblick in historische Köstlichkeiten
Die 62-Jährige ist begeistert vom dreiteiligen Kurs, den sie im Stadtarchiv Ruopigen unter Anleitung von Archivarin Pia Gemperle besuchte. «Wir erfuhren etwas über die Entwicklung der Schrift. Wir wurden mit dem Alphabet alter Schriftformen vertraut gemacht und brachten selber solche Buchstaben zu Papier. Schliesslich bot der Kurs zahlreiche Leseübungen – vor allem von historischen Reglementen und Protokollen der Stadt Luzern.»
Dabei stiess die Gruppe auf mitunter witzige Dokumente. «Wir lasen ein Schreiben, in dem Anwohnende den Gestank eines Käselagers an der Weggisgasse beklagten oder eine Petition aus Manchester von 1899, in der man Präsident und Stadtrat flehentlich bat, vom Niederreissen der Kapellbrücke abzusehen.»
Nun will sich Cornelia Gentizon intensiv ans «Milchbüechli» aus der Familie machen. So viel hat sie schon verstanden: «Es geht nicht um Milchabrechnungen, sondern um Medizinisches.» Bis Sommer 2026 möchte sie den Text entziffert haben. «Dank dem Kurs habe ich das Rüstzeug dafür.»
Nächster Grundkurs:
Freitag, 13. März 2026, Freitag, 20. März 2026, und Freitag, 27. März 2026, jeweils 8.30-11.30 Uhr; Kurskosten: 200 Franken; Anmeldung bei der Kursleitung: Pia Gemperle, Tel. 041 208 73 84, E-Mail: pia.gemperle@stadtluzern.ch
24. Februar 2026 – eva.holz@luzern60plus.ch