
Die Spur noch vor dem Schwanenplatz wechseln? Für Velofahrer*innen eine risikoreiche Entscheidung.
Von Nerven, Chaos und Adrenalin
Die Stadt Luzern will die Sicherheit für Velofahrende und Fussgänger*innen verbessern. Wie fühlt sich das aus Sicht einer Velofahrerin an? Hedy Bühlmann hat sich auf den Weg durch die Stadt gemacht.
Von Hedy Bühlmann (Text und Bilder)
Kurz vor 8 Uhr: Rucksack parat, Mantel und Mütze angezogen, aus der Wohnung raus, Türe schliessen, Gedankenblitz: Habe ich die Dokumente für die Sitzung eingepackt? Wühlen im Rucksack, Wohnungstüre aufschliessen, Dokumente von der Fensterbank holen, einpacken und raus. Treppe runter, Haustüre ins Schloss ziehen, Velo aufschliessen und los gehts.
Kreuzung vor dem Moosmattschulhaus: Ich will von der oberen Voltastrasse her links auf die Moosmattstrasse bis zum Freigleis fahren. Mache ich es heute ordentlich? Rechts weder Velo noch Auto, Bus oder Lastwagen in Sicht. Ok, ich habe Vortritt, jetzt bin ich dran. Hoppla, ein Velofahrer mit E-Bike von links überfährt die Kein-Vortritt-Markierung und mich fast mit.
Knotenpunkt Neubad
Also doch über den Zebrastreifen. Dann geht es auf dem Trottoir, auf dem grad niemand geht, weiter. Beim Freigleis sortiere ich mich in den Fahrradschwarm in Richtung Neubad-Strassenknoten, verlasse das Freigleis und fahre bis zur Wartelinie Ende Eschenstrasse vor. Aus beiden Richtungen kommen Autos, Transporter und Velos. Ich halte Ausschau nach einer Person, die vom Freigleis her die Steghofstrasse ebenfalls in Richtung Neustadtstrasse überqueren will. Da ist sie schon, die Chance. Das war knapp, zumal das Fahrzeug keine Anstalten machte, abzubremsen.
Jetzt wirds ein bisschen gemütlicher bis zum Bundesplatz. Eigentlich nicht. Auf dem Velosattel in der Stadt braucht es jederzeit volle Aufmerksamkeit: Die Lage vorausschauend einschätzen, mögliche Risiken abwägen, Entscheidungen treffen, bremsen, beschleunigen, im Verkehrsstrom mitfahren, sich ständig der Situation anpassen. Alles möglichst ohne Angst, sonst wird es heikel und gefährlich.
Ein kleiner Hund an einer langen Leine schaut neben dem Rad eines parkierten Autos hervor. Das Tier ist an der Leine, also pedale ich weiter. Vorerst noch hinter, bald schon vor mir flitzen E-Biker in hohem Tempo in Richtung Bundesplatz. Nach dieser Jagd schlurft eine junge Frau von der Mythenstrasse her über die Neustadtstrasse, ihren Blick starr auf das Handy gerichtet. Die Bremsen quietschen, sie sieht mich, lächelt und sagt «sorry». Immerhin.
Übersicht am Bundesplatz behalten
Von der Neustadtstrasse schwenke ich auf die Fahrradspur über den Bundesplatz in die Zentralstrasse ein. Kein Zögern, das Ziel fokussieren. Bremsen, da sich der lange Bus bereits im Kreisel in der Anfahrt zur Steigung über die Langensandbrücke befindet. Eine Lücke zwischen den Fahrzeugen im Kreisverkehr anvisieren. Schnell, die Lücke nutzen. Die Fahrzeuge, die von der Langensandbrücke her in den Kreisel einbiegen wollen, halten ganz selbstverständlich. Bestens, der unruhige Veloschwarm kann weiterfahren.
Plötzlich taucht ein Auto aus der Garage beim Fitnesscenter auf und prescht in den Kreisel Richtung Hirschmattstrasse. Der Fahrer hat die Situation so eingeschätzt, dass er es knapp vor den Velofahrenden in den Kreisel schafft. Die Sekunden reichen für das Manöver aus. Sehr risikoreich.
Und weiter gehts der Zentralstrasse entlang bis zu den Ampeln beim Seiteneingang des Bahnhofgebäudes. Auf den letzten Metern vor der Ampel ein leichtes Zögern, ein Gedankenblitz: Hoffentlich öffnet sich keine Autotür auf die Velospur hinaus. Das hätte abermals fatale Folgen für die Velofahrerin. Die Ampel wechselt bereits für die Zweiräder auf grün, keine Zeit für Angst. Weiter.

Einfädeln in den Bahnhofplatz.

Die Fahrt über den Bahnhofplatz ist für Velofahrer*innen eine Herausforderung.
Rechts gehts in Richtung Bahnhof und KKL, geradeaus führt die Strasse entlang der Busstation am Bahnhofplatz auf die rechte Velospur über die Seebrücke. Meine verkehrstechnisch grösste Herausforderung auf dem Weg zum Zielort «MaiHof». Bleibe ich auf der rechten Velospur bis zur Busstation am Schwanenplatz oder wechsle ich so schnell wie möglich auf die mittlere Spur vor dem Schweizerhofquai in Richtung Hofkirche? Nach den Erfahrungen mehrerer Durchfahrten entscheide ich mich für Letzteres – trotz erhöhtem Risiko von Bus und Lastwagen gleichzeitig «stark bedrängt» zu werden.
Bei der Linkskurve kurz vor der Hofkirche in die Löwenstrasse lasse ich den Bus vor, da der hintere Teil des Trolleybusses oft auf die Velospur gerät. Während ich die Zürichstrasse hochstrample, höre ich den Bus zwar im Rücken, unter Druck fühle ich mich nicht. Die restliche Strecke bis zum «MaiHof» verläuft ohne Zwischenfälle.
Stillstand im Abendverkehr
Ganz anders verläuft die Rückfahrt um 18 Uhr vom «MaiHof» quer durch die Stadt zum Neubad. Bereits auf der Anfahrt zur Busstation Schlossberg nimmt die Spannung auf der Strasse zu. Ab Museumsplatz verdichtet sich der Verkehr deutlich, was bei den Verkehrsteilnehmenden den Stresspegel ansteigen lässt. Das Verkehrsvolumen ist so hoch, dass auf der Alpenstrasse alles stillsteht. Busse finden auf den Haltestellen keinen Platz mehr, die wegfahrenden Busse können vorne nicht einspuren. Adrenalin liegt in der Luft.
Fluchende und drängelnde Velofahrer setzen den bösen Blick auf und preschen zwischen Bussen mal rechts, mal links vorbei. Sie setzen alles daran, um nicht vom Sattel steigen zu müssen. Mehrere Velofahrer*innen stehen bei der Grünphase still und warten geduldig, bis sich das Chaos etwas entwirrt hat. Dann nehmen sie wieder Fahrt auf.
Eine Velofahrerin lässt einem Bus, der mitten auf der Seebrücke von der rechten auf die linke Fahrspur zum Bahnhofplatz wechseln will, den Vortritt. Darauf lässt der Chauffeur hinten auf der Anzeigetafel «Danke, Danke» aufblinken. Die Velofahrerin wirkt beflügelt dank dieser Aufmerksamkeit in der abendlichen Verkehrshektik und «fliegt» der nächsten Ampel entgegen.
Fazit des Selbsttests: Die Eigenverantwortung als Velofahrerin kann ich nirgends abgeben. Weitsicht, Augenkontakt und klare Handzeichen, schnelle Reaktionsfähigkeit, brenzlige Situationen adäquat einschätzen, Nerven behalten, Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmende nehmen und die eigenen Grenzen kennen sind unabdingbar, um mit maximaler Sicherheit für alle das wachsende Velonetz der Stadt nutzen zu können.
- «Langsamverkehr – Sicherheit durch eine Kultur des Miteinanders»: Podiumsdiskussion mit Stadtrat Marco Baumann.
27. März 2026 – hedy.buehlmann@luzern60plus.ch