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"Ich liebe es, sehr nahe am Leben zu sein"

Von Beat Bühlmann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Es ist unglaublich still in der Kapelle, eine meditative Ruhe hält den Besucher unversehens umfangen. Von oben fällt wenig Licht in den schlichten Andachtsraum. "Ein magischer Ort", sagt Edith Birbaumer. Sie ist Seelsorgerin in diesem Haus. 103 Bewohnerinnen und Bewohner leben im Pflegeheim Steinhof in Luzern, der jüngste ist noch nicht dreissig Jahre alt. Viele haben die Sprachfähigkeit verloren, weil sie an Demenz erkrankt sind, einen Hirnschlag erlitten haben. "Da hilft es wenig, wenn ich neben ihnen stehen und etwas bete", sagt Edith Birbaumer. Stattdessen lädt sie - zusammen mit der Aktivierungsfachfrau - diese Personen regelmässig ein, in der Kapelle mit kleinen Instrumenten eigene Klangwelten zu schaffen. "So finden sie ihre innere Ruhe."

Kein Kreuz am Hals
Edith Birbaumer trägt kein Kreuz um den Hals, verzichtet bewusst auf jegliches religiöses Erkennungszeichen. Sie versteht sich nicht als Missionarin, sondern als Gesprächspartnerin - auch für die über 160  Angestellten. "Die Konfession spielt dabei keine Rolle", sagt sie, auch wenn das Pflegeheim Steinhof von einer christlichen Grundhaltung geprägt ist. Die Barmherzigen Brüder von Maria Hilf aus Trier, die in Luzern seit 1898 karitativ tätig waren und eine ambulanten Krankenpflege organisiert hatten, haben das Schloss Steinhof 1924 erworben und zu einem Pflegeheim umgebaut. Die katholische Ordensgemeinschaft sieht ihren Auftrag In der Sorge "für kranke, behinderte, alte und benachteiligte Menschen". Nicht Bekehrung sei das Ziel, "sondern Ermutigung, Befreiung und Versöhnung". Heute leben noch fünf Brüder im Steinhof, der jüngste ist fünfzig Jahre alt. Mit Edith Birbaumer (35) haben sie erstmals eine Seelsorgerin von aussen bestellt, mit einem Pensum von 60 Prozent. Die offene Einstellung zu Andersdenkenden prägt auch ihre Grundhaltung. "Wir achten und respektieren jeden Menschen mit seiner persönlichen Biografie und Spiritualität."

Nicht Floskeln dreschen
Edith Birbaumer ist im Luzerner Hinterland, in Ufhusen, in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Der Vater war Automechaniker und hat, wie die Mutter, den beiden Töchtern keine Steine in den Weg gelegt. Edith war ein "grüblerisches Teenie", wie sie sagt, hat sich viele Gedanken über Gott und die Welt gemacht - und wollte sogar konvertieren. Das Wissbegierige, Neugierige hat sie sich erhalten. Sie studierte in Freiburg Theologie, Sozialarbeit und Sozialpolitik, absolvierte ein Studienjahr in Wien ("Das war kein Partyjahr!") und ein dreimonatiges Praktikum in Kenia. Berufsbegleitend hat sie später an der Hochschule Luzern das Masterstudium "Altern und Gesellschaft" absolviert. Sie ist keine Frau der unverbindlichen Worte. Sie begegnet den Menschen in ihrem konkreten, manchmal leidvollen Alltag, auch mit einem soziologischen Blick. "Ich will sie verstehen und nicht einfach Floskeln dreschen." Und dann sagt sie, etwas provokativ: Sie sei in erster Linie am Menschen und nicht an Gott interessiert, denn in jedem Menschen sei ein "göttlicher Kern". Doch wie steht es mit der Würde des hochaltrigen Menschen? Ist sie durch den prognostizierten Pflegenotstand, den demografischen Wandel und die Sparpolitik gefährdet? "Man kann dem Menschen die Würde nicht nehmen", sagt Edith Birbaumer, "man kann sie allenfalls mit Füssen treten und missachten." Sie glaubt an das Gute im Menschen. "Es berührt mich immer wieder, wenn ich sehe, wie sich 20-jährige Pflegefrauen um Sterbende kümmern."

Das Sterben gehört zum Alltag
Seelsorge im Steinhof, so lese ich auf dem hauseigenen Flyer, sei "lebensnah, herzlich, persönlich". So liess sich auch Edith Birbaumer in drei Worten beschreiben. Auf ihrem Gang durch die Abteilungen des Pflegeheims trägt sie keine Tasche und keine Gebetsbücher mit sich. Sie ist stets mit leeren Händen unterwegs. "Ich will nicht aus der Bibel tröstende Worte vorlesen, sondern im direkten Gespräch die richtigen Worte suchen." Ein Pflegeheim ist ein Ort des Leidens und des Sterbens. Im Steinhof stirbt jedes Jahr ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner. Wie kommt eine junge Frau dazu, in dieser wohl eher bedrückenden Atmosphäre arbeiten zu wollen? Bedrückend? Edith Birbaumer sieht das nicht so einseitig. Natürlich gebe es traurige Stunden, aber ebenso herzerfrischende Momente. "In diesem Haus wird auch viel gelacht", sagt sie. Natürlich gehöre der Tod hier zum Alltag, über das Sterben werde oft geredet. "Doch im Pflegeheim ist der Tod meist kein ungern gesehener Gast."

Das Wort zum Sonntag
Auf meine Fragen gibt sie nicht immer schnelle Antworten. Manchmal zögert sie kurz, bevor sie etwas zu sagen weiss. Wie im richtigen Leben ist nicht alles vorgedruckt. Ganz anders ist es, wenn sie vor der Kamera steht. Seit dem letzten Jahr spricht Edith Birbaumer am Samstagabend im Schweizer Fernsehen das "Wort zum Sonntag". Dreieinhalb Minuten hat sie dafür Zeit, fast auf die Sekunde genau. Eine Woche vor der Ausstrahlung beginnt sie am Text zu arbeiten, den sie im Studio dann vom Teleprompter ablesen kann. Fernsehmachen ist nicht gleich wie eine Predigt halten. Sie blickt den 300 000 Zuschauern direkt ins Gesicht, der Ton ist persönlicher, fast familiär, die Gesten wohl dosiert. Nein, beim Auftritt im Studio sei sie nicht nervös. Schwieriger sei, den Text auf eine Aussage zu fokussieren. Und wo findet sie ihre Themen? "Sie finden sich im eigenen Leben", sagt Edith Birbaumer, "wenn mir etwas nachklingt und keine Ruhe lässt". An diesem Lebensstoff wird es ihr auch künftig nicht fehlen. Seit kurzem ist sie, nebst ihrer Tätigkeit im Pflegeheim Steinhof, als Seelsorgerin auch im Zuger Kantonsspital in Baar tätig. "Ich liebe es, sehr nahe am Leben zu sein."

Das nächste "Wort zum Sonntag" mit Edith Birbaumer ist am 12. August, um 20.00 Uhr, im Schweizer Fernsehen zu sehen.

www.steinhof-pflegeheim.ch