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Reiseziel Kriegsdenkmal 

Von Yvonne Volken

Erinnerungstourismus ist angesagt und gleichzeitig in Verruf. Was suchen wir, wenn wir die Orte des Geschehens aufsuchen und dem Gedächtnis des Ortes (Genius Loci) auf die Spur kommen wollen? Sensation oder Erkenntnis oder Heldengeschichten? Wir machen uns nachdenklich auf den Weg zur Westerplatte bei Danzig. 

An diesem späten Nachmittag Ende Juli sind wir nur wenige Nachgeborene, die sich für diesen historischen Ort interessieren. Der Sandstrand des kleinen Ostseebades ist gesperrt und wird umgestaltet. Wir setzen uns auf einen warmen Stein und blättern nochmals im Reiseführer. "Hier begann vor 80 Jahren der 2. Weltkrieg", lesen wir. Am 1. September 1939, genau um 4.45 h, eröffneten deutsche Marinesoldaten das Feuer auf polnische Soldaten, die ein Munitionslager bewachten. Eine ganze Woche lang wehrten sie sich gegen den deutschen Angriff, obwohl sie dem Aggressor zahlen- und materialmässig weit unterlegen waren. Eine Heldengeschichte!

Wir wandern dem Kiefernwäldchen entlang , vorbei am Placówka Fort, wo noch die wuchtigen Einschusslöcher der deutschen Torpedos zu sehen sind, vorbei an den Überresten einer Kaserne und der Wache Nr. 1. Polnische Flaggen flattern im milden Abendwind. "Nigdy wiecej wojny" (Nie wieder Krieg) steht in grossen Buchstaben am Fuss des martialischen "Denkmals der Verteidiger der Küste", das die ganze Halbinsel in der Nähe der Danziger Werft überragt. 

Spüren wir etwas vom heroischen Gedächtnis dieses Ortes, der heute mit seinen Sandpfaden und Rosenhecken eher an Sommervergnügen in altmodischen Badeanzügen erinnert? Wir schämen uns ein wenig für unser Nichtspüren, vielleicht ist es auch die Scham der Verschonten, analysieren wir später oder die Scham, Erinnerungstouristen zu sein. 

Wir machen keine Erinnerungsfotos. Erinnern bringt in diesem Fall ("Nie wieder Krieg!") offenbar nichts. Bald darauf stehen wir im Fahrtenwind des Wassertaxis, das uns zurück in die Danziger Altstadt bringt. Heute, 80 Jahre nach den dramatischen Weltereignissen, die u.a. hier ihren Lauf nahmen, scheint alles wieder gut. Die im Krieg zerstörten historischen Altstadthäuser wurden akkurat wiederaufgebaut und spiegeln sich in den Glas-Fassaden jenseits des Flusses, wo internationale Hotelketten hipsten Urban-Schick anbieten. Vegane Restaurants, internationale Küche, Rooftop-Terrassen, Wein- und Bierbars. Auf dem Fluss Richtung Ostsee kreuzt ein Piratenschiff, Playmobil im grossen Massstab. 

Für einen Augenblick setzen wir uns in den Park vor dem alten Postamt, polnische Exklave im damals deutschen Danzig, und gucken die rote Backstein-Fassade hoch. Wieder so eine heroische Geschichte vom September 1939, die Verteidigung des Postamts durch eine Handvoll Widerständler, Zivilpersonen und Soldaten. Gleich daneben steht das Museum des 2. Weltkriegs, eröffnet vor zwei Jahren. Es ist auf ein internationales Erinnern angelegt, zeigt Ereignisse und Auswirkungen dieser grossen globalen Katastrophe weltweit, fand internationale Leihgeber und Geld und wurde schliesslich Gegenstand einer heftigen Kontroverse, denn die nationalkonservative Regierung verlangte eine deutlich "polnischere" Darstellung der Geschehnisse…

Wir haben nun genug gesehen und erinnert und lassen auch die Solidarnosc-Erinnerungsmeile aus, obwohl: "Der erste Schritt zum Sturz des Kommunismus wurde im August 1980 in Danzig getan.", mahnt uns der Reiseführer. Stattdessen setzen wir uns in eines der schicken Cafés am Mottlau-Ufer, zählen Zlotys, gehen Bernstein-Souvenirs kaufen, flanieren durch das Grüne Tor zum langen Markt. Flämischer Manierismus - das sieht wunderschön aus. 

Zurück in der Schweiz. Es ist der 1. August. Ich spaziere am Löwendenkmal vorbei. Eine Gruppe asiatischer Touristen drängt sich an "unseren Gedenkort": Sie posieren mit schönstem Lächeln vor der eigenen Kamera, im Hintergrund das imposante Denkmal. "Warum ist dieser Ort mit seinem komplexen historischen Hintergrund für Touristen aus dem fernen Osten so attraktiv?", habe ich kürzlich eine chinesische Nachbarin gefragt, die als Uhrenverkäuferin arbeitet. "Sie denken, dass sei eine religiöse Kultstätte", war ihre Antwort.

17. Aug. 2019

yvonne.volken@outlook.com 

Zur Person: 
Yvonne Volken, geboren 1956, hat alle zehn Jahre ihr Berufsfeld radikal verändert, arbeitete als Buchhändlerin, als Journalistin, als Projektleiterin bei der Stadt Luzern, als Literaturveranstalterin und gegenwärtig als Klassenassistentin an einer Primarschule. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, Missionarin in Indien, ging nicht in Erfüllung. Heute stellt sie fest: Missionieren kann frau eigentlich überall.