
Richard Züsli auf dem Weg ins Luzerner Kriminalgericht, wo er zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Bild: Still aus der SRF-Tagesschau vom 25. Mai 1969
Richard Züsli, «blonder Supergangster»
(Fast) vergessen: Eine lose Serie über Luzerner Männer und Frauen, die aus dem Blickfeld geraten sind. Heute: Richard Züsli, Hochstapler, Mörder und Bankräuber.
Von Hans Beat Achermann
Er fuhr einen weiss-roten Cadillac, besass einen luxuriösen Wohnwagen, er trug schicke Anzüge samt Hut und hatte ein Schosshündchen namens Bijoux. Die Kleider allerdings tauschte er bei seinen Raubzügen mehrmals gegen ein blaues «Combinaison», den Hut gegen eine Kappe, wie sie damals Tankwarte trugen, oder gegen eine Skimütze. All diese Details über den «blonden Supergangster» und «kaltblütigen Grossverbrecher» Richard Züsli schilderte der damals 21-jährige, kürzlich verstorbene Journalist Karl Lüond im «Luzerner Tagblatt» in der Ausgabe vom 27. Dezember 1967.
Anlass waren die Geständnisse des gelernten Möbelschreiners und Wohnberaters Richard Züsli aus Emmenbrücke. Dieser brach «unter der erdrückenden Last der Sachbeweise und im pausenlosen Trommelfeuer der scharfen Verhöre zusammen». Kurz vor Weihnachten 1967 hatte er zugegeben, nicht nur Raubüberfälle auf Postfilialen in Luzern, Emmenbrücke, Zug und Ebikon begangen zu haben, sondern ein Jahr zuvor auch seine 22-jährige Mitwisserin Marlies Ambühl nahe der Tribschenstrasse ermordet zu haben – mit der Sicherheitsgurte seines Cadillacs. Das Motiv: Züsli befürchtete, dass die kaufmännische Angestellte bei der Firma Nielsen in Buchrain ihn bei einer Befragung zu ihrem aufwändigen Lebensstil verraten könnte.
Mit der Leiche im Cadillac fuhr Züsli zu seinem Wohnwagen am oberen Zürichsee. «Dort nahm er unter dem Wohnwagen einen rund 40 Kilo schweren Dolendeckel hervor, den er zum Beschweren des Anhängers gebraucht hatte. Die Leiche der toten Mitwisserin steckte er in seinen Schlafsack, befestigte mit einer Kette den Dolendeckel daran und packte alles in ein kleines Ruderboot», so schilderten die «Luzerner Neusten Nachrichten» damals die «Tatort»-reife Szene. Irgendwo am rechten Zürichseeufer versenkte er darauf das Opfer. Die Leiche von Marlies Ambühl wurde nie gefunden.
Mit Beatles-Perücke getarnt
Ambühl hatte ihm detaillierte Tipps gegeben, wo er die firmeneigenen Geldbotinnen überfallen könnte, und dafür erpresserisch ihren Anteil gefordert, zuerst 4000, später nochmals 30'000 Franken. «Am 27. August 1965, am helllichten Vormittag, hatte er an der Alpenstrasse beim Luzernerhof zwei Kassenbotinnen der Marktforschungsfirma Nielsen überfallen. Mit dunkler Brille, Policemütze und struppiger, schwarzer Beatles-Perücke getarnt, schlich er sich zu Fuss von hinten an die beiden Mädchen heran und entriss dem einen die Aktentasche mit 93'000 Franken Lohngeldern», so Karl Lüond am Tag nach der Medienkonferenz im «Luzerner Tagblatt».
Genüsslich wird detailliert die weitere Flucht geschildert, wie er davonrannte, «obwohl er gerade noch gestolpert und zu Fall gekommen war». Er hatte die Flucht minutiös vorbereitet, sogar mit der Stoppuhr für das Treppensteigen. Beim Maihofschulhaus hatte er ein gestohlenes Töffli deponiert, an der Hünenbergstrasse1, wo er damals wohnte, zog er sich um und fuhr dann mit dem Cadillac an die Erlenstrasse 21 in Gerliswil, wo er die Beute im Garten des elterlichen Hauses versteckte.
«Ich war es!»
Richard Züsli hatte laut Untersuchungsbehörden bei seinen Überfällen insgesamt 238'000 Franken erbeutet, nach seiner Verhaftung konnte die Polizei gerade mal noch 14'000 Franken sicherstellen. Gefunden wurde zudem ein riesiges Waffenarsenal samt 700 Schuss Munition. «Immer wieder versuchte Züsli, mit Arroganz, vorgetäuschter Biederkeit und raffinierten Ausflüchten diese schwersten Tatbestände abzustreiten», wird die Polizei zitiert. Dann nennt Karl Lüond namentlich das Fahndungsteam, das «stundenlang und mit unendlicher Zähigkeit (…) Stein um Stein aus Züslis Schweigemauer brach. Das pausenlose Verhör schien den hartgesottenen Gangster äusserlich nicht zu beeindrucken. Aber schliesslich musste er doch zugeben: Ich war es!».
Aufgeflogen ist Züsli bei einem missglückten Überfall auf die Oltener Hauptpost im November 1967, als er die Flucht ergriff und von einer Zivilperson überwältigt wurde. Nochmals tauschte er die Kleider, diesmal unfreiwillig, mit den Häftlingskleidern der Strafanstalt Thorberg. Das Luzerner Kriminalgericht hatte ihn 1969 zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt, die ein Jahr später vom Obergericht bestätigt wurde. Das war sogar dem «Liechtensteiner Volksblatt» unter der Rubrik «Aus dem Gerichtssaal» eine kurze Meldung wert.
Nach der vorzeitigen Entlassung wegen guter Führung liess sich Züsli unter dem Namen Richard Molnar wieder an der Erlenstrasse 21 in Emmenbrücke/Gerliswil nieder. Dort befindet sich heute ein Nail- und Kosmetikstudio. Seine verwitwete Mutter trug nach einer zweiten Heirat einen anderen Namen und sie hatte sich nach der Verurteilung des Sohnes die Haare von Blond auf Schwarz färben lassen. Züsli/Molnar starb vor zehn Jahren 75-jährig.
Quellen:
- «Luzerner Tagblatt» und «Luzerner Neuste Nachrichten» vom 27. Dezember 1967
- Danke an Karl Bühlmann für zusätzliche Informationen
18. März 2026 – hansbeat.achermann@luzern60plus.ch