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So geht bezahlbarer Wohnraum verloren

Im Hirschmattquartier werden laufend Mieterinnen und Mieter aus dem unteren bis mittleren Einkommenssegment aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Gründe sind fast immer die gleichen: Handänderungen, aufwendige Renovationen, Verdoppelung bis Verdreifachung der Mietzinse. Eine verlässliche Übersicht hat niemand; weder die Stadt noch der Mieterinnen- und Mieterverband. Wir haben uns umgehört.

Die Beispiele stammen alle aus den letzten Jahren. Die sogenannten Eggstein-Häuser (Erbengemeinschaft Eggstein) an der Habsburgerstrasse 32 bis 38 sind im Jahre 2004 nach dem Verkauf an die PKG Pensionskasse (Verwaltung Gewerbe Treuhand, Luzern) aufwendig renoviert worden. Die Mieten waren vorher ausserordentlich günstig: 700 Franken pro Monat für eine Dreizimmerwohnung im dritten Stockwerk. Nachher stieg der Preis dieser Wohnung auf 2020 Franken brutto. Mit andern Worten: Kaum einer der alten Mieter konnte dort verbleiben. Rund fünfzig Wohnungen wechselten so die Mieterschaft.

Ein Jahr später wurde das Wohnhaus an der Habsburgerstrasse 40 von der Erbengemeinschaft Dr. Müller ebenfalls an die PKG verkauft. Vor zwei Jahren wurde der Mieterschaft eine Gebäudeaufnahme durch das Architektenbüro Schärli angekündigt. Die Haustechnikinstallationen seien in seinem sehr schlechten Zustand, hiess es im Schreiben vom 11. November 2009. Die Mieter nahmen die „Gebäudeaufnahme“ als Ausmessung der Wohnung wahr. Also war klar mehr geplant, als nur die Erneuerung der Haustechnik. Die Aufnahme habe ergeben, dass eine gründliche Sanierung notwendig sei, erfuhr die Mieterschaft dann ein halbes Jahr später im Mai 2010. Darum müsse die Wohnung auf den 31. Juli 2011 gekündigt werden. Eine Dreizimmerwohnung im dritten Stock kostete damals 1449 Franken brutto im Monat. Heute wird sie für 2510 Franken vermietet. Obwohl der Aufschlag noch einigermassen vertretbar erscheint, blieb kein Mieter in der alten Wohnung.

Handwerker in der Wohnung ohne Anmeldung

Unglaubliches mussten zwei Mieterinnen (65 und 58 alt) bei der Renovation des Eckhauses Winkelriedstrasse 19/Pilatusstrasse im Herbst 2010 in Kauf nehmen. Sie wohnten dort seit 1988 in einer Fünfzimmerwohnung. Vor der Hausrenovation kostete die sich in einem guten Zustand befindende Altbauwohnung 1630 Franken inklusive Nebenkosten, nachher wurde sie für 3800 Franken monatlich vermietet. Der Umbau war  nach Angaben der Besitzer mit 2,8 Millionen Franken veranschlagt. Die Erneuerung der sanitären und elektrischen Anlagen, Fenster und die Renovation der Fassade im Haus seien sicher notwendig gewesen, sagen die frühern Mieterinnen heute. Das Wohnhaus ist vor der Renovation von einer  Privateigentümerin an die TAKU AG (Thaddey Küng) verkauft worden.

Die Begleitumstände zeigen, was sich Hauseigentümer gegenüber der Mieterschaft folgenlos leisten können. Mit der Renovation des Wohnhauses an der Winkelriedstrasse 19 wurde Ende August 2010 ohne Baueingabe begonnen. In einem Brief an die Schlichtungsstelle für Mietverhältnisse berichten die Mieterinnen wie folgt: „Die Arbeiter kamen um 07.00 Uhr  morgens und starteten unverzüglich mit dem Abbruch des Kamins im Lüftungsschacht. Staubschichten überall vom Estrich bis zum Parterre und in der Wohnung sowie Baudreck im Bad. Ohrenbetäubender Lärm….Unsere Wäsche, die zum Trocknen auf dem Estrich hing, wurde auf den Drähten nach hinten geschoben. Das Badezimmer fanden wir am Abend unter einer dicken Staubschicht.“ Den vorläufigen Höhepunkt erlebte  eine der Frauen am Abend des 1. September, als im Badezimmer das Fenster zum Luftschacht offen stand und im Staub auf dem Boden Fussspuren sichtbar waren. Es hatte sich also jemand Zugang zur Wohnung verschafft via Luftschacht.“ Beat Thaddey von der Liegenschaftsverwaltung entschuldigte sich in einem Gespräch für die misslichen Umstände.

Am 6. September 2010 versprach Beat Thaddey wegen den Unannehmlichkeiten im Haus Winkelriedstrasse 19 eine Mietzinsreduktion um 50 Prozent, rückwirkend auf den 1. September. Die Mieterinnen kündigten die Wohnung am 30.09. auf den 31.10.2010. Sie gingen davon aus, dass die Mietzinsreduktion auch im Oktober gelte, da die Bauarbeiten mit Lärm und Schmutz kontinuierlich weitergingen. Doch die TAKU AG verlangte für diesen Monat wieder den vollen Mietzins und drohte bei Nichtbezahlung mit einer Betreibung. Erstaunlicherweise schützte die Schlichtungsstelle für Mietverhältnisse die Forderung des Hauseigentümers teilweise.

Mark Schmid, der Präsident des Luzerner Mieterinnen- und Mieterverbandes, kennt das Thema. „Bei grössern Renovationen mit Kündigungen und massiven Mietzinserhöhungen haben wir immer Mieter, welche Beratung wünschen“, sagt er. Beim Haus an der Ecke Pilatusstrasse-Winkelriedstrasse handle es sich um „eine spekulative Erneuerung“. In diesem Wohnhaus sei selten etwas renoviert worden. Man stelle einfach fest, dass es aktuell bei Renovationen häufig zu massiven Preisaufschlägen bei den Mieten komme. „Wir können dann nur prüfen, ob der Aufschlag gemäss Mietrecht noch vertretbar ist.“

Die beiden Mieterinnen von der Winkelriedstrasse hatten Glück. Sie fanden auf dem Wesemlin eine 4 ½-Zimmerwohnung für 2100 Franken ohne NK. Ihr Fazit zur neuen Wohnungssuche: Ältere Frauen haben es leichter auf dem Wohnungsmarkt. Sie haben keine Kinder mehr, sind solvent, machen wenig Lärm, und feiern keine wilden Parties, wird gedacht. Pflegeleicht könnte man dem auch sagen!

Stadt hat keine Übersicht

„Mir fehlen die Fakten, um eine verbindliche Aussage zum Verlust von günstigem Wohnraum in der Stadt Luzern zu machen“, sagt Ruedi Frischknecht, Leiter Stadtentwicklung in der Baudirektion. Im neuen Bericht und Antrag zur Städtischen Wohnraumpolitik macht der Stadtrat eine Auslegeordnung, welche aber lediglich die Bevölkerungsentwicklung, den Wohnungsbau und die Leerwohnungsbestände erfasst. Seit 1981 werden in der Stadt pro Jahr gegen 300 neue Wohnungen gebaut. Zur Mietzinsentwicklung und zum Bestand von günstigem Wohnraum finden sich keine Angaben. „Die grosse Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum treibe die Preise in die Höhe“, sagt Frischknecht. Da gebe es keine Eingriffsmöglichkeiten für die Stadt. Selbst Baugenossenschaften hätten heute Mühe, bei Renovationen einen Mietpreissprung zu vermeiden. „Der Verlust von günstigem Wohnraum wird eine Tatsache sein, sonst hätten wir die Volksinitiative „Für zahlbaren Wohnraum“ des Mieterinnen- und Mieterverbandes und der Linksparteien nicht auf dem Tisch.“

René Regenass                                                   9. Februar 2012