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Der Flaneur ist unterwegs (7)

Tattoos auf dem Stimmzettel

Von Karl Bühlmann

Ich steige, ein Papiersäckli vom Beck in der Hand, die Rathaustreppe hinunter. Der Reusssteg ist keine Luzerner Ausgabe der Pont-Neuf in Paris mit ihren Tausenden von Liebesschlössern. Aber auch an diesem kühlen Herbsttag ist die kürzeste Verbindung zwischen linken und rechten Ufer in Luzern ein eng gesteckter Flach-Slalom. Die Stangen nicht aus Kunststoff und flexibel, sondern aus Fleisch und Blut, sie fotografieren vorwärts- und rückwärtsgehend, blockierend aber lächelnd. Die Touristen aus Nah und Fernost schiessen Selfies, einmal mit dem luzernischen Mount Fuji im Hintergrund und hierauf mit der famous medieval wooden bridge auf der anderen Seite. An so etwas hatte Bäckermeister Niklaus Müller selig nie im Traum gedacht. Er führte am Kornmarkt oben Backstube und Laden, sass 1883-1909 im grossen Stadtrat und war der eigentliche Initiant des Steges. Unermüdlich forderte  er im Parlament die Errichtung einer Verbindung für die Fussgänger „vom Theater zur Egg“, damit die Bewohner des aufstrebenden Hirschmattquartiers auf kürzesten Weg in die Altstadt und zum Markt kommen könnten.

Heute posieren nicht nur halb oder ganz verhüllte Touristen, auch Kurzbehoste, Leichtgeschürzte und – trotz trübender Wolkendecke – Sonnenbrillenbewehrte. Gar keine Wetterfühligkeit, selbst bei bloss zehn Grad Celsius, zeigen die modernen Papuas mit tätowierten Arschgeweihen, ornamentierten Armen und Schultern bis hinter die Ohren. Ich kann nicht verhindern, dass mir beim Anblick der Ganzarm- und Ganzbein- und Ganzrücken-Tattoos stets Adolf Loos, einer der Wegbereiter moderner Architektur, in den Sinn kommt. Loos war vor hundert Jahren ein radikaler Gegner von Jugendstil und jeglicher Verzierung und veröffentlichte 1908 die provokative Streitschrift „Ornament und Jugendstil“. Darin heisst es in trendiger Kleinschreibung: „der drang, sein gesicht und alles, was einem erreichbar ist, zu ornamentierten, ist der uranfang der bildenden kunst. es ist das lallen der malerei.“ Und dann bösartig: „der papua tätowiert seine haut, sein boot, sein ruder, kurz alles, was ihm erreichbar ist. er ist kein verbrecher. der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter.“

Es ist ratsam, um dem Shitstorm in den asozialen Medien auszuweichen,  Loos (der später in Wien als pädophiler Straftäter auf Bewährung zu vier Monaten strengem Arrest verurteilt wurde) und das Tattoo-Thema schnell abzuschliessen und am Ende des Reussstegs in den Hirschengraben einzubiegen. Vor der ehemaligen Kantonsschule, wo ich im Religionsunterricht bei Kanonikus Georges Staffelbach alle Winnetou-Bände (unter dem Pult auf den Knien) las, erinnere ich mich wieder an das Meitschibei. Halt, keine falschen Gedanken, nicht die Verlängerung des Toches (wer den Film „Wolkenbruch gesehen hat, weiss was ich meine) ist vor meinem Auge. Nur das Meitschibei mit Haselnuss, das ich vorhin beim Bäcker kaufte und noch immer im Papiersäckli mittrage. Darf ich in aller Öffentlichkeit ins Meitschibei beissen? Da mein Bäcker das Gebäck noch immer so anschreiben darf – aber wie lange noch? –, steht der Begriff noch nicht auf dem Index der, weil sexistisch oder rassistisch, verbotenen Lebensmittelbezeichnung. 

Endlich vor dem Stadthaus, Hirschengraben 17. Dorthin, in den Innenhof, will ich demnächst wieder abstimmen, später auch wählen gehen. Es ist das letzte leibhaftige Urnenlokal der Stadt Luzern, mit offizieller Adresse Hirschengraben 17 b. Laut Homepage der Stadt Luzern befindet es sich in der „Heiliggeistkappelle“. Heiliger Duden, Kappelle! Da scheint kein*e Rechtschreibehirsch*in am Hirschengraben 17 am PC gewesen zu sein. Ich werde mich an die Ombudsstelle der Stadt wenden. Diese ist nach eigener Etikettierung da „für alle Personen, die ein Problem haben, unabhängig von Alter, Nationalität und Wohnsitz. Wir sind auch Meldestelle für Whistleblower.“ Ja, der Flaneur hat ein Problem, er ist Ü-70, Stadtbürger, daselbst wohnhaft, und er verpfeift (whistle) und enthüllt (whistle) jetzt, warum in der Stadt auf den Stimmzetteln nicht mehr Ja oder Nein geschrieben werden darf, sondern Kästchen angekreuzt werden müssen. Selbst in den Urnenbüros nehmen die sprachlichen Freestyler*innen überhand, denen man ein X für ein U vormachen könnte oder die zu lange brauchen, um ein Ja von einem Nein zu unterscheiden. Also zählt jetzt eine Maschine die Kästchen mit den Kreuzchen. Aber aufgepasst, auch die künstliche Intelligenz ist begrenzt: nur Kreuzchen („mit schwarzer oder blauer Farbe, keinen Bleistift!“) in der Diagonale des Kästchens sind gültig. Kreuzchen in Form des Schweizerkreuzes oder wie auf Todesanzeigen und Grabsteinen sind ungültig.

Der Flaneur kommt zur Folgerung:  Die westliche Gesellschaft macht eine Bildungsretardierung durch. Mit dem Kreuzchen auf dem Stimmzettel, ohne Ja oder Nein schreiben zu müssen – in wenigen Jahren wahrscheinlich auch keine Namen mehr von Kandidat*innen – sind wir wieder auf dem Bildungsgrad der Papuas, die nicht schreiben und lesen konnten, dafür grandios ornamentieren.

Dass ich genussvoll ein Meitschibei (ohne pädophile Gedanken, aber mit Haselnuss) im Hirschengraben verzehrt habe, lässt mir auf den Rückwegweg über den Reusssteg keine Ruhe. Zum Gender-Ausgleich kaufe ich beim Bäcker einen Schoko-Grittibränz, den ich meiner besseren Hälfte nach Hause bringe.

Postscriptum: Ceterum censeo Donaldum T. „Bucinum“ dignitate esse spoliandum. 

14. November 2018

Zur Person
Karl Bühlmann
 (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.