Hans Gisler, aufgenommen vor dem Trafotürmchen an der Mettenwylstrasse im Luzerner Wesemlinquartier.

Trafohäuschen als Sammelleidenschaft

Am längsten war er Fahrlehrer. Doch sein Herzblut hat er an die Transformatorenhäuschen verloren, die er schweizweit dokumentiert und fotografiert. Aber das ist noch lange nicht alles, was Hans Gisler unter Wasser, in der Luft und auf dem Boden gemacht hat.

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Er ist nicht einfach zu fassen, schon rein von der Körpermasse her. Etwas über 100 Kilo, verteilt auf 186 cm. Aber auch die Menge von Geschichten, die Unmengen von Bildern auf seinem mitgebrachten PC: Wie kriegt man das in einem Porträt zusammen? Hans Gisler war Fahrlehrer, Taucher, Modellbauer, Segler, Weltenbummler, er ist regelmässiger Gast im Seebad, aber auch leidenschaftlicher Töfffahrer und er liebt noch immer die Frauen und sie ihn. Er war ein Lausbub und Schulhasser. Aber später hat er aufgeholt, das meiste ausserschulisch und autodidaktisch. Er hat viel gelesen, nicht nur über Technik, auch Romane. Doch zuerst soll er erzählen, wie er dazu kam, an einem schweizerischen Inventar von Transformatorenhäuschen mitzuarbeiten. 3542 solche Häuschen und Türmchen hat er in seinem Computer in einer Excel-Tabelle verzeichnet, mit Bild, Standort, Baujahr, Koordinaten. «Etwa die Hälfte davon habe ich selber fotografiert», bilanziert er. Sie stehen in der ganzen Schweiz, in Städten, auf Feldern und in Wäldern, sie sind eigentliche Industriedenkmäler, viele sind schon verschwunden, einige wurden umgenutzt.

Weiter auf der Suche

«Ich bin da reingerutscht», sagt er. «Vor zirka 15 Jahren war es, als mir ein Trafohäuschen in einem Wäldchen bei St. Urban auffiel. Dieses romantische Türmchen bewog mich, mit dem Fotografieren der Türmchen anzufangen.» Er war sofort fasziniert und ging der Sache nach. Bald fand er einen Mitstreiter. Es war Stephan Ruch, der eine Internetseite über das Thema betrieb. Gemeinsam unterhalten sie seither die Internetseite swisstrafos.ch. Von Bauhausimitationen bis zu kirchturmartigen Gebäuden ist da alles zu finden, aber alle haben im Innern dieselbe Funktion: Mittelstromspannung auf die haushaltübliche 230-Volt-Spannung zu transformieren. Die ersten Trafotürme entstanden vor ungefähr 120 Jahren, heute stehen noch etwa 1600 von einstmals 3600. «Ich habe inzwischen rund 150'000 alte Luftaufnahmen aus dem ETH-Archiv angeschaut, um damit möglichst alle Trafohäuschen ausfindig zu machen.» Hat er aIIe gefunden? «Ich weiss es nicht, irgendwo gibt es sicher noch welche auf dem Land oder in den Bergen», glaubt er. Die Suche geht weiter. Die ETH wird seine Dokumentation archivieren.

Handwerker im Herzen

Aufgewachsen ist Hans Gisler im Maihof in einer ABL-Siedlung, die inzwischen durch Neubauten ersetzt wurde. Vater Hans war Stadtpolizist, «der höchste Uniformierte», wie er sagt, meist mit dem Töff auf Streife. Hans junior nannte sich später Hans E., damit der Vater nicht seine Post las (und umgekehrt). Er machte eine Lehre als Automechaniker beim Bauunternehmen Schnyder-Plüss, bildete sich zum Technischen Kaufmann weiter. «Im Herzen bin ich ein Handwerker», sagt der 66-Jährige. Noch vor der Lehre, 1972, ist er mit einem Töffli alleine nach Almeria gedüst, nach der Lehre gings auf einem Frachter in die USA, wo er mehrere Monate bei einem Freund in Florida verbrachte, fasziniert von der Landschaft und den Alligatoren. «Allzu viel gearbeitet habe ich nie», sagt er selbstkritisch, «ich habe später als Fahrlehrer auch immer nur so viel gearbeitet, wie gerade zum Leben nötig war und mir so die Möglichkeit gegeben, meinen Leidenschaften zu frönen.» Jetzt lebt er von einer kleinen AHV-Rente und etwas Erspartem, kämpft mit den Behörden noch um Ergänzungsleistungen.

Unter der Wasseroberfläche

Wasser und Luft: Mit diesen Stichworten lassen sich weitere Hobbys von Hans Gisler umschreiben. Wobei es eigentlich Unterwasser heissen müsste. «Mich hat alles unter der Wasseroberfläche schon als Kind fasziniert», sagt er. Das Geheimnisvolle? «Ich weiss es nicht.» Jedenfalls machte er bereits mit 16 seinen ersten Tauchgang in Arth, die Ausrüstung hatte er sich mit Altpapiersammeln zusammengespart. Auf dem Wasser war er auch oft: Der Traum von der eigenen Yacht, die schon fast fertig zusammengebaut war, platzte, nachdem auch eine langjährige Beziehung geplatzt war. Das unfertige Boot wurde verschrottet. «Es war trotzdem eine wunderbare Erfahrung», schaut Gisler zurück. Später erwarb er aIIe möglichen Segelscheine und war oftmals auch auf Hochsee unterwegs.

«Ein wilder Cheib»

Mit der Luft ist Hans Gisler doppelt verbandelt: Als langjähriger Amateurfunker unter dem Kürzel HB9 WAJ war er mit der halben Welt durch die Luft verbunden, und als Modellflugzeugbauer schickte er und schickt noch immer unzählige Kleinflugzeuge in luftige Höhen. Doch es gab dabei natürlich auch viele unsanfte Landungen, Bruchlandungen. Auch in seinem Leben? «Es waren wilde Zeiten und ich war ein wilder Cheib.» Da gab es zweifellos auch Enttäuschungen. Doch einer wie Hans rappelt sich auf, packt wieder etwas Neues an. Zu erzählen wären auch noch seine Erfahrungen als Discjockey in Pfarreiheimen, seine Karriere beim Zivilschutz, seine Magenoperation, in deren Folge er sein Gewicht von 180 Kilo auf gegen 100 reduzieren konnte. Und auf seinem PC liegt auch noch das Manuskript für ein Jugendbuch mit dem Titel «Specus». Auch hier spielt das, was untertags ist, was im Dunkeln liegt, eine grosse Rolle, denn Specus heisst Höhle.

Sanft und leidenschaftlich

Auch wenn Hans Gisler gerade wegen seiner vielen Hobbys und Interessen wie ein Luftibus erscheinen mag: Nach zwei Stunden habe ich einen Menschen kennengelernt, der über ein grosses, fundiertes Wissen verfügt, der Sanftheit und Leidenschaft ausstrahlt, der nur mit seinem PC-21 und anderen Modellflugzeugen abhebt, sonst aber sehr geerdet ist und der sein Interesse für alles, was nicht gleich einsehbar ist, mit seiner Neugier transformiert.

Auf dem Parkplatz vor dem Café Vogel in Emmen, wo wir uns getroffen haben, steht sein Smart, ein kleines Auto für einen grossen Mann. Statussymbole waren ihm nie wichtig. Am Herzen lagen ihm immer das Unscheinbare und das Verborgene. Zum Beispiel Transformatorenhäuschen.

15. November 2021 – hansbeat.achermann@Iuzern60plus.ch

PS: Alles zur Geschichte und zu den Standorten der Trafotürme in der Schweiz ist unter www.swisstrafos.ch zu finden.