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Marianne von Allmen: Ein neues Zuhause im Rank

„Was noch kommt, ist ein Extra“

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Zwei Jahrzehnte lang hat sie als Kleintheater-Leiterin das Luzerner Kulturleben mitgeprägt, die in Berlin aufgewachsene Marianne von Allmen. Später, mit 60, zog sie sich in das abgelegene Tessiner Dorf Indemini zurück. Im Rank, im Maihofquartier, hat sie jetzt ein neues Zuhause gefunden.

Sie hatte mich schon am Telefon vorgewarnt, dass alles klein sei: eine 1-Zimmer-Viva-Alterswohnung im Rank, mit Sicht auf den Pilatus und die Maihof-Kirchturmuhr. Im Gespräch bei ihr zuhause sagt sie dann: „Als ich klein war, habe ich immer gesagt: Wenn ich einmal gross bin, möchte ich ein Gästezimmer haben.“ Das hatte sie, bis sie vor anderthalb Jahren von Indemini nach Luzern zurückkehrte. Apropos gross und klein: Nicht nur die Wohnung ist kleiner geworden, auch Marianne von Allmen misst 9 Zentimeter weniger als früher, „aufgrund einer Osteoporose-Erkrankung“, wie sie gleich am Anfang unseres langen Gesprächs sagt. Auch das ein Grund, weshalb sie vom hochgelegenen ehemaligen Schmugglerdorf an der Grenze zu Italien wieder nach Luzern gezogen ist, wo es kein Gästezimmer mehr gibt, aber einen grossen Holztisch mit fünf Biedermeierstühlen, an dem die 74-Jährige häufig Gäste empfängt.

Geboren wurde Marianne von Allmen in Lampertheim am Rhein, in der Nähe von Mannheim, im Jahr des Kriegsendes 1945, doch bereits ein Jahr später zog die Familie nach Berlin, woher ihr Vater stammte. „Umzüge waren nach Kriegsende verboten. Man versuchte illegal anzukommen. Mich stellte man mit dem Viertel einer Schlaftablette ruhig und schmuggelte mich in der Dampflokomotive“, erzählt Marianne die Geschichte ihres ersten Ortswechsels. Weitere sollten folgen, allerdings weniger abenteuerliche, aber durchaus bedeutsame. Die ersten Erinnerungen sind geprägt vom zerstörten Nachkriegs-Berlin. „Man lebte bescheiden, anfänglich waren wir zwei Familien in einer Vierzimmerwohnung, es gab Gedörrtes zum Essen, Kohle war nicht immer vorhanden und die Ruinen waren unser Robinsonspielplatz, auf dem manchmal auch ein Blindgänger lag“, erinnert sich Marianne. 1948 kam während der Berliner Blockade noch ein Bruder zur Welt.

Immer wieder in die USA
Marianne konnte das Gymnasium besuchen. Aus dieser Zeit hebt sie zwei Ereignisse hervor, die später für ihr Leben bedeutsam wurden: Das eine ist der Besuch einer Vorstellung des grossen französischen Pantomimen Marcel Marceau „Bip“, den ihre Deutschlehrerin organisiert hatte, das andere ist ein Austauschjahr, das sie 1962/63 zum ersten Mal in die USA nach Aberdeen bei Seattle führte. Bis vor wenigen Jahren reiste sie jährlich mindestens einmal wieder in die USA. Nach dem Abitur ging Marianne nach Genf, wo sie ein Medizinstudium anfing, aber bald wieder abbrach, „denn ich bin kein intellektueller Typ“. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, den Berner Oberländer Gottfried von Allmen, dessen Namen sie seit der Scheidung bis heute trägt. Nach dem Ortswechsel in die Region Zürich liess sie sich an der dortigen Uni zur Sekundarlehrerin ausbilden. Der Umzug in die Innerschweiz war dann eher Zufall. Ihr Mann bekam eine Stelle als Informatiker bei Tuch Ackermann in Entlebuch, Marianne erhielt eine Stelle als Oberstufenlehrerin in Malters. Mit ihren Schülerinnen und Schülern besuchte sie regelmässig das Luzerner Kleintheater, das damals noch von Emil und Maya Steinberger geleitet wurde. Mit ihrer Klasse inszenierte sie auch „Momo“ nach Michael Ende, die Geschichte, in der es um die gestohlene Zeit geht.

Das Theater als „süsse Pflicht“ und Herausforderung
Zeit haben – der Ausdruck wird noch öfter fallen im Gespräch. Die Zeit war nach sieben Jahren Unterrichten reif für etwas anderes, auch wenn das so nicht geplant war: Steinbergers engagierten Marianne vorerst für zwei Jahre, im ersten war sie Assistentin, im folgenden Jahr, als Emil beim Circus Knie engagiert war, leitete sie das Kleintheater selbstständig. Es folgten weitere 18 Jahre, 15 davon in Co-Leitung mit Heidi Vokinger. „Es war eine süsse Pflicht“, resümiert sie die Zeit als Theaterleiterin. Süss, weil sie in den vielen Jahren unzählige spannende Begegnungen hatte und Freundschaften entstanden, die bis heute andauern, mit der Dimitri-Familie, mit La Lupa, mit Eva-Maria Hagen und andern. Pflicht, weil das Engagement mit grossem Zeitaufwand und bescheidenem Lohn viel forderte. Sie wohnte mittlerweile in Büren NW in der alten Post, und nach zwanzig Jahren Kleintheater wechselte sie noch einmal für acht Jahre zurück ins Schulzimmer – als Seklehrerin in Oberdorf bei Stans.

Ein Ort zum Zeit haben
Mit 60 wurde das Thema „Zeit haben“ so gross, dass sich Marianne entschloss, ins 950 Meter über Meer gelegene Tessiner Grenzdorf Indemini zu ziehen, wo sie einen kleinen Hausteil erwerben konnte. Dort, 132 Kurven und 18 Kilometer vom Lago Maggiore entfernt, fand sie Ruhe, Stille und „die Erfahrung konstruktiver Langeweile, wenn sich die Zeit ausdehnte. Langweilig wurde es mir nie“, sagt sie. Auf einem A4-Block hatte sie die Vor- und Nachteile dieses doch radikalen Umzugs aufgelistet: Die Vorteile überwogen eindeutig. Und auch im Rückblick bilanziert sie: „Diese 13 Jahre sind eine wunderbare Lebenserfahrung.“ Natürlich gab es auch im Dorf bald wieder Freundschaften und Aufgaben: Sie wollte Italienisch lernen. Im alten Zollhaus, in der Vecchia Dogana, richtete sie eine kleine Bibliothek ein, die jetzt im letzten, nicht mehr gebrauchten Schulzimmer in Indemini untergebracht ist. Zudem hatte sie jedes Jahr ihre betagte Mutter mehrere Wochen lang zu Besuch. Und sie führte intensiv auch wieder das Briefeschreiben fort, das sie schon immer gepflegt hatte. Neben den individuellen Karten und Briefen hat Marianne von Allmen in den letzten Jahrzehnten fast 150 „Rundbriefe“ verfasst, die sie an ihr nahestehende Menschen verschickt. Diese „persönlichen Serienbriefe“ geben Auskunft über ihre Befindlichkeit, über ihre Lektüre, über ihren Alltag. Zwei Tage nach unserem Gespräch im Rank hat sie mir den neusten zugesandt. Darin steht unter vielem anderem: „Das Leben in Luzern tut mir gut. Meine kleine helle Wohnung mit Blick auf den Pilatus-Berg ist super! …Das Prinzip des Wählen-Dürfens haben viele Menschen nicht oder in viel engerem Rahmen.“ Hier spricht eine, die dankbar zurückblickt und sagt: „Eigentlich ist es abgeschlossen; was noch kommt, ist ein Extra.“ Vielleicht sind es auch zwei Schlaganfälle, von denen sie sich gut erholt hat, die ihr diese Gelassenheit geben. Ein wichtige zivilgesellschaftliche Aufgabe hat sie auch in Luzern wieder angenommen: Im Lernatelier von „HelloWelcome“ begleitet sie Flüchtlinge beim Erlernen der deutschen Sprache und wie man sich in der Fremde zurechtfindet. Gleichzeitig schätzt sie den Umgang  mit Menschen anderer Kulturen und Religionen. Ein Zurück zum Unterrichten, das wieder viele spannende Begegnungen und Gespräche ermöglicht.

Pilatuswasser und Oblaten
Den Umzug zurück nach Luzern hat sie „anstrengend, aber befreiend“ empfunden. Vieles hat sie verschenkt, die Lieblingsbilder hängen jetzt überall dicht an den Wänden, auch im kleinen Bad. Irgendwann sagt sie den schönen, vieldeutigen und tiefsinnigen Satz: „Ich muss bei mir zuhause sein.“ Mir fällt das viel prosaischere Wortspiel ein: Marianne hat im Rank den Rank gefunden.

Zwei Stunden sind vergangen, die Maihof-Turmuhr zeigt auf sechs. Marianne kramt unter ihrem Bett die Inhalte eines Pakets hervor, das sie wenige Tage zuvor von ihrem Bruder erhalten hat: Nürnberger Lebkuchen, Printen, Karlsbader Oblaten. Wir nehmen einen Schluck Pilatuswasser vom Maihof-Brunnen. Dann zeigt sie mir noch ein Stücklein Karton, auf dem für jedes gelebte Jahrzehnt ihre Lieblingsbücher aufgelistet sind.  „Der Name der Rose“ ist dabei, natürlich „Momo“ und das „Wildkräuterbuch“ der Tessiner Köchin Meret Bissegger. Im letzten Sommer hat sie nach Jahrzehnten Hermann Hesses „Die Kunst des Müssiggangs“ wiedergelesen. Wenn Müssiggang heisst: Das tun, was einem selber und den andern Freude macht und die lange Zeit lang werden zu lassen und nicht mehr mit der fremdbestimmten Zeit gehen zu müssen, dann beherrscht Marianne von Allmen diese grosse Kunst – auf kleinem Raum.
9. Januar 2020