
Nur Kartenzahlung: Wer im Luzerner Bahnhof das WC aufsuchen will, kann nicht bar zahlen.
Bargeld-Initiative garantiert keine Barzahlungen
Auch wenn die Bargeld-Initiative am 8. März angenommen wird, Zahlungen mit Münz und Note sind zunehmend verpönt: im Shop, im Bus, in der Beiz, am Weihnachtsmarkt oder im Kunsthaus. Nur Bürgerprotest hilft weiter.
Von Beat Bühlmann (Text und Bild)
Ein paar Touristen und zwei ältere Frauen stehen unschlüssig vor dem WC im Untergeschoss des Luzerner Bahnhofs. Card payment only. Nur Kartenzahlung. Einfach Münz einwerfen und dann durchs Drehkreuz eilen: das ist vorbei. Luzern ist kein Einzelfall. Kunstmuseen, Bahnhofshops, Weihnachtsmärkte, Restaurants, Postautos setzen auf Twint oder Kreditkarte. Bargeld ist zunehmend verpönt. Auch bei den Schliessfächern der SBB hilft Kleingeld nicht weiter. Du nimmst das Handy hervor, machst alles wie geheissen, aber es will nicht klappen. Du seist nicht er der erste, der hier hilfesuchend auftauche, sagt die Frau am SBB-Schalter. Sie schickt dich mit praktischen Tipps zurück an die Schliessfächer und siehe, es geht. Nach gut zehn Minuten hast du dein Gepäck, und der Zug ist noch nicht abgefahren.
Die digitale Ausgrenzung
Wer jedoch ohne Handy unterwegs ist und keine Kredit- oder Debitkarte im Sack hat, gerät zusehends ins digitale Abseits. Daran wird auch die Bargeld-Initiative (oder der Gegenvorschlag) nichts ändern, auch wenn eine Mehrheit am 8. März diesem Volksbegehren vermutlich zustimmen wird. «Weder die Volksinitiative noch der Gegenentwurf haben praktische Auswirkungen», heisst es im Bundesbüchlein. Die Schweiz wird zwar in alle Ewigkeit Münz und Nötli im Umlauf halten. Doch der mehr oder weniger starke Zwang, Dienstleistungen digital zu begleichen, wird bleiben.
Die Internetnutzung der AHV-Generation hat in den letzten Jahren zwar stark zugenommen, von 38 Prozent (2010) auf 89 Prozent im Jahr 2025, wie die Studie «Digital Seniors» der Pro Senectute aufzeigt. Doch ein Teil dieser Altersgruppe, insbesondere Personen über 85 Jahre, bleibt weiterhin offline. So wie die 82-jährige Verena Kundert. «Ich komme bei diesen Computern nicht draus», sagte sie gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Und weil sie sich mit den Touchscreens am Billettautomaten schwertut, leistet sie sich ein Generalabonnement der SBB. «Haben Sie denn kein Handy?», sei sie immer wieder von Kundenberaterinnen gefragt werden. Wer wie Verena Kundert offline lebt, steht immer öfter dumm da. Zum Beispiel im letzten Herbst im Kunsthaus Zürich: zahlen nur mit Karte. Oder bei Weihnachtsmärkten, etwa in Zürich, Bern oder Luzern: zahlen nur mit Karte.
«Symbolische und emotionale Dimension» unterschätzt
Doch die verbreitete Cashless-Praxis stösst auf öffentlichen Widerspruch. Das Kunsthaus Zürich krebste nach heftigen Protesten zurück. Sie seien mit diesem Schritt zu früh dran gewesen, räumten die Verantwortlichen ein, man nehme aber die «symbolische und emotionale Dimension des Themas» ernst. Auch das Kunstmuseum Luzern, das sich auf der Webseite für «vorbehaltlose Inklusion» ausspricht, verabschiedete sich kleinlaut vom digitalen Zahlungszwang, «bis auf Weiteres», wie der Kulturtipp bei seiner Nachfrage erfuhr. Andere renommierte Museen erklärten, sie wollten das Bargeld nicht abschaffen. Die ältere Generation gehört schliesslich zur treusten Besuchergruppe. Selbst bei den Weihnachtsmärkten wird der Glühwein nicht mehr so heiss getrunken, Bargeld wird teilweise wieder akzeptiert.
Besonders energisch hat sich die Bündner Rentnerin Berta Caminada (77) gegen die digitale Bevormundung gewehrt. Sie sammelte mit einer Online-Petition über 8000 Unterschriften, weil neuerdings in Bündner Postautos keine Billette mehr beim Chauffeur gelöst werden können. «So werden alle Menschen, die nicht mit digitalen Zahlungsmitteln umgehen können, vom öffentlichen Verkehr ausgeschlossen», ärgerte sich die kämpferische Rentnerin. Trotzdem wird sie das Rad nicht zurückdrehen können. Schweizweit wurden 2024 gut 74 Prozent der Tickets digital gekauft, 18 Prozent an Automaten, 6 Prozent am Schalter und 2 Prozent beim Chauffeur. Kredit- und Debitkarten und Bezahl-Apps wie Twint sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Hingegen ist seit 2020 jeder achte Bankautomat verschwunden.
Bargeldpflicht in den Restaurants
Dennoch bleibt inakzeptabel, dass ein Teil der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wird. «Aus Inklusionsgründen und zur gesellschaftlichen Kohäsion halte ich Bargeld für wichtig», erklärte Gunnar Dumke, Direktor des Münzkabinetts in Winterthur, in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». «Es gibt Menschen, die digital nicht mitgehen wollen oder können – deren Teilhabe darf nicht an der Kasse scheitern.» Auch VASOS, die Vereinigung aktiver Senior:innen und Selbsthilfeorganisationen der Schweiz (mit rund 129'000 Mitgliedern), kritisiert die eklatante Diskriminierung durch den bargeldlosen Zahlungsverkehr. «Sollen künftig diese Menschen zu Hause bleiben? Ist dies das moderne Verständnis von Gleichberechtigung und Inklusion?»
Der Protest ist inzwischen auch in der Politik angekommen. So hat das kantonale Parlament in Genf die Restaurants, Hotels und Unterhaltungsbetriebe verpflichtet, weiterhin Zahlungen mit Bargeld zu akzeptieren. In anderen Kantonen sind Vorstösse zu diesem Thema hängig. Und das Bundesparlament hat eine Motion von Nationalrätin Manuela Weichelt (Grüne, ZG) überwiesen. Sie beauftragt den Bundesrat sicherzustellen, «dass alle subventionierten Transportunternehmen auch Bargeld als Zahlung akzeptieren oder eine einfache Alternative wie Prepaid-Karte, welche auch ohne Handy funktioniert».
So lange mag der Kanton Luzern beim öffentlichen Verkehr nicht warten. Er zahlt dem Berner Bahn- und Busunternehmen BLS, das 2026 seine Billettautomaten umrüstet und auf bargeldlos schaltet, die Mehrkosten von jährlich rund 45'000 Franken, damit die Tickets im Luzernbiet weiterhin ohne Handy am Automaten gelöst werden können.
25. Februar 2026 – beat.buehlmann@luzern60plus.ch
Zum Autor
Beat Bühlmann (74) leitete von 2012 bis 2016 das städtische Projekt «Altern in Luzern». Er gehörte bis 2022 dem Ausschuss des Forums Luzern60plus an und engagierte sich während zehn Jahren in der Redaktionsgruppe von Luzern60plus. Den MAS Gerontologie schloss er 2007 an der Fachhochschule Bern ab. Vor seiner Tätigkeit als Gerontologe arbeitete Bühlmann während 25 Jahren als Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger» in Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik.