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Wertezerfall? Wertewandel!

Von Judith Stamm

Im Kanton Luzern galt vor vielen Jahren ein Konkubinatsverbot. Ich war schon Mitglied des Kantonsrates (1971 – 1984), als dieses Verbot aufgehoben werden sollte. Von den Politikerinnen und Politikern setzten sich wenige für die Aufhebung ein. Und ich war immer noch im Kantonsrat, als wieder ein Versuch gemacht wurde, den „alten Zopf“ abzuschneiden. Und siehe da, der Rat stimmte zu. Sozusagen niemand machte sich mehr für eine Beibehaltung stark. Die Polizistinnen und Polizisten konnten sich wichtigeren Aufgaben zuwenden. Die Pärchen mussten nicht mehr mit Tricks und Schlichen die Spuren ihrer Zweisamkeit vor den findigen Augen der Gesetzeshüter verwischen! Und heute können wir feststellen, dass sich das Konkubinat als respektiertes Lebensmodell längst durchgesetzt hat.

Anderes Thema mit umgekehrter Entwicklung. Ich war bereits im Kantonsrat, als in unserem Kanton ausgediente Autos in Wäldern, Tobeln oder an anderen unzugänglichen Orten „entsorgt“ wurden. Das war eine richtige Landplage. Durch ein Gesetz mit entsprechenden Geboten und Verboten wurde Ordnung geschaffen. Die Entsorgungsindustrie kam auf, es wurden sogar Versuche für das Wiederverwerten von alten Pneus als Strassenbelag durchgeführt.

Ich kann mich auch noch an die Zeiten erinnern, als niemand mit der Wimper zuckte, wenn Einbrecher einen geknackten Tresor, ihre Werkzeuge und was immer sie sonst noch für überflüssig hielten, in der Reuss versenkten. Ja, und plötzlich mussten die Strafanzeigen über Einbruchdiebstähle mit einem zusätzlichen Abschnitt über Gewässerverschmutzung versehen werden. Ein Gewässerschutzgesetz war in Kraft getreten. Ungestraft durfte nichts mehr in der Reuss versenkt werden!

Ich betrachte es immer als Vorteil eines langen Lebens, dass wir das Kommen und Gehen von Wertordnungen überblicken können. Denn gesetzliche Regelungen basieren ja auf gemeinsamen Wertordnungen. Einmal erleben wir die Folgen strikter Regelungen. Ein anderes Mal erfahren wir die Auswirkungen von Lockerungen.

Meine Überzeugung war es schon immer und ist es noch heute, dass jede Lockerung, jede neue Freiheit, ihre Grenzen schon in sich trägt. Gegenwärtig bin ich mit meiner Maxime allerdings etwas verunsichert. Die heutige Gesellschaft ist in ihrem Tun und Lassen in vielen Bereichen sehr freizügig geworden. Die Grenzziehungen lassen auf sich warten. Grenzpfosten zeichnen sich höchstens am ganz fernen Horizont ab.

Nur, war das je anders? Ist es nicht einfach die im Gegensatz zu früher überbordende „Transparenz“, die alles öffentlich werden lässt und uns auch zur Kenntnis bringt, was wir im Grunde gar nicht wissen wollen? Unbestritten war ja das, „was sich gehört“, nie. Früher stellte in unseren Breitengraden die Gesellschaft die Ordnung auf, der Einzelne hielt sich mehr oder weniger daran oder erweckte wenigstens den entsprechen Anschein. Heute muss sich jeder für seine eigene Ordnung stark machen.

Nicht immer gelingt das, wie wir am einfachen Beispiel „Littering“, Abfall auf der Strasse, sehen. Alle wünschen sich hier eine bessere Ordnung. Aber die Gesellschaft bringt es nicht hin und der Einzelne schon gar nicht, diese Ordnung zu schaffen. Bleibt uns noch, die mit Steuergeldern finanzierten Putzequipen auszuschicken, über deren Effizienz und Schnelligkeit ich immer staune. Ja, Lösungen gibt es immer!
26. März 2015

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und deren Rütlikommission. Heute geniesst sie ihren Ruhestand in Luzern.