Angelica Ferroni Heggli, abtretende Präsidentin: «Wer bei ‹Zeitgut› mitmacht, ist Teil der sorgenden Gesellschaft». 

«Wir machen viel möglich»

Angelica Ferroni, Initiantin von «Zeitgut», tritt als Präsidentin zurück und zieht Bilanz. Sie freut sich vor allem über das zunehmende Engagement von Jungen.Von Monika Fischer (Text und Bild)

Wie funktioniert die Nachbarschaftshilfe «Zeitgut»?
Angelica Ferroni: Mitglieder von «Zeitgut» unterstützen Menschen kostenlos dort, wo sie Unterstützung brauchen. Sie hören zu, begleiten bei einem Spaziergang oder Ausflug, zum Arzt oder Coiffeur, entlasten pflegende Angehörige usw. Ausgenommen sind professionelle Pflege und Betreuung. Für die Unterstützung erhalten die Hilfeleistenden ein Zeitguthaben, das sie einsetzen können, wenn sie selber Unterstützung brauchen, oder sie können es verschenken. Wer bei «Zeitgut» mitmacht, ist Teil der sorgenden Gesellschaft. Man kann Menschen unterstützen, finanzielle Beiträge leisten oder Unterstützung erhalten.

Wie kann man Mitglied von «Zeitgut» werden, und wie wird die Unterstützung organisiert?
Wer Nachbarschaftshilfe anbieten oder beanspruchen möchte, wird mit einem Anteilschein von 50 Franken Mitglied der «Genossenschaft Zeitgut Luzern». Der Jahresbeitrag kostet 25 Franken. Eine erfahrene Fachperson nimmt mit den neuen Mitgliedern Kontakt auf. Sie koordiniert das Leistungsangebot mit den Bedürfnissen und bringt die Freiwilligen mit Personen zusammen, die Unterstützung brauchen. Gebende und Nehmende bilden ein Tandem und beschliessen das weitere Vorgehen. Diese professionelle Vermittlung ist zentral und eine hochsensible Angelegenheit. Sie muss funktionieren, damit beide Seiten zufrieden sind. Meistens klappt es sehr gut. Wichtig ist, dass man jederzeit das Gespräch suchen und auch absagen kann, wenn es für jemanden nicht mehr stimmt.

Sie haben «Zeitgut» mit Gleichgesinnten aufgebaut. Welches waren die wichtigsten Entwicklungsschritte?
Die Idee gab mir 2005 ein Artikel im Geo-Heft über die Nachbarschaftshilfe in Deutschland «Die Abkehr vom Egoismus. Wie Gemeinsinn und Nächstenliebe neu entdeckt werden». Ich wollte das auch in Luzern machen, ist doch die Nachbarschaftshilfe ein wichtiger Pfeiler der Gesellschaft. Nach vielen Schwierigkeiten und Widerständen gründeten wir im Dezember 2012 die «Genossenschaft KISS Luzern». Diese Genossenschaft haben wir drei Jahre später in «Zeitgut Luzern» umbenannt. Zu Beginn des Covid-19-Lockdowns haben wir zusammen mit «Vicino Luzern» innert Stunden eine gut funktionierende Quartierhilfe aufgebaut. Aus diesem Grund bekamen wir 2021 von der Stadt Luzern eine Leistungsvereinbarung. 2022 wurde «Zeitgut» vom Regierungsrat des Kantons Luzern mit dem Anerkennungs- und Förderpreis ausgezeichnet.

Wie hat sich «Zeitgut» im Laufe der Jahre verändert?
Im Zentrum von «Zeitgut» stehen die Menschen, die gelebten Beziehungen, nicht die geleistete Zeit mit den Zeitgutschriften. Wir können ja nicht garantieren, dass es uns in zwanzig Jahren noch gibt. Die Chance dazu besteht allerdings, wenn wir die jungen Menschen jetzt einbinden. Zu meiner grossen Freude ist dies in den letzten Jahren mehr und mehr gelungen. Es melden sich vor allem junge Frauen zwischen 20 und 40, die Unterstützung leisten wollen. Nachbarschaftshilfe unterstützt Menschen im Alltag, Familien, ältere Menschen, auch Menschen mit Migrationserfahrung. Es ist bemerkenswert, dass immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei «Zeitgut» Unterstützung leisten wollen.

Wie haben Sie das geschafft? Und haben junge Menschen heute überhaupt Zeit für freiwilliges Engagement?
Es hat bestimmt mit unseren beiden jungen Mitarbeitern zu tun, die den Draht zu Menschen ihrer Generation eher finden. Das sind Geschäftsleiter Laslo Niffeler sowie Koordinator Leonardo Lanave, der seine Bachelorarbeit zum Thema «Soziokulturelle Altersarbeit im Kanton Luzern» geschrieben hat. Beide arbeiten in einem Teilpensum für «Zeitgut». Angeregt wurden junge Menschen bestimmt auch durch das bereits zweimal durchgeführte Generationenfest «Zeitsprung» im «Neubad» und durch neue Formate wie «ImpulsPlus», eine Plattform für Weiterbildung, Workshops und inspirierende Referate, bei denen sich Menschen verschiedener Generationen treffen. So nehmen sich junge Menschen, die noch im Studium sind oder nicht voll arbeiten, auf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit gerne die Zeit, um einen hilfebedürftigen Menschen zu begleiten.

Ein «Zeitgut»-Tandem, unterwegs mit dem Schiff. Bild: Ralph Eichenberger

Die Genossenschaft «Zeitgut» ist in relativ kurzer Zeit rasch gewachsen und zählt heute nahezu 1000 Mitglieder, 75 Prozent davon Frauen. Warum ist «Zeitgut» so erfolgreich?
Der wichtigste Erfolgsfaktor ist die persönliche Weiterempfehlung von Mund zu Mund. Wir werden immer öfter eingeladen, «Zeitgut» bei Institutionen zu präsentieren, zum Beispiel bei Quartiervereinen oder Wirtschaftsverbänden. Dadurch steigt der Bekanntheitsgrad. Es hat auch damit zu tun, dass wir viel möglich machen. Zentral ist auch die Vernetzung, die gute Zusammenarbeit mit vielen Institutionen. Kooperation steht bei uns im Vordergrund. Wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen uns.

Wie viele Menschen beteiligen sich aktuell aktiv bei «Zeitgut»?
Stand 6. Januar 2026 sind 285 Tandems aktiv unterwegs und 32 in Vorbereitung. 850 Tandems wurden in all den Jahren abgeschlossen und 92 storniert. 

Wo sehen Sie die Bedeutung von «Zeitgut» für die Gesellschaft?
Unsere Gesellschaft verändert sich rasant. Sie wird immer anonymer. Menschen finden nicht mehr so spontan zusammen wie früher. Der Leistungsdruck nimmt zu, auch junge Menschen können einsam sein. Es gibt immer mehr ältere Menschen, und die Nachfrage nach Pflegeentlastung wächst schneller als die verfügbaren Ressourcen. «Zeitgut» fördert die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Nachbarschaft. Man kennt und unterstützt sich. Kleine Hilfeleistungen im Alltag können vieles abfedern. Die soziale Teilhabe ist ein Schlüsselfaktor für eine gute Lebensqualität und für die psychische Gesundheit. Man könnte sagen, «Zeitgut» schliesst Lücken.

Sie sprechen mit grosser Begeisterung von der Entwicklung von «Zeitgut» und freuen sich über den Erfolg. Warum haben Sie auf die GV vom 5. Mai 2026 Ihren Rücktritt eingereicht?
Ich freue mich enorm über das, was entstanden ist: «Zeitgut» ist ein sehr gut aufgestellter, professionell geführter Betrieb. Dass wir auch den Generationenwechsel geschafft haben, ist für mich die grösste Genugtuung. Ich sehe meinen Rücktritt als letzten Schritt der Pionierphase. Gerne gebe ich den Betrieb weiter. Ich bin sehr zuversichtlich, dass «Zeitgut» eine blühende Zukunft vor sich hat. Ich freue mich darauf, mehr Zeit für meine Familie zu haben.
Zeit für neue Gedanken, Zeit zum Lesen, zum Wandern, einfach mehr Raum für mich.

26. Januar 2026 – monika.fischer@luzern60plus.ch