Pensionierte Ärztinnen und Ärzte bieten auf Initiative von Frank Achermann (Dritter v. r.) und Ursula Achermann (Zweite v. l.) im «amm Café Med» unentgeltliche Beratungen an.

Sie nehmen Unsicherheiten ernst

Das «amm Café Med» in Luzern ist ein kostenloses Angebot für Menschen und ihre Anliegen in medizinischen Belangen. Pensionierte Ärzt*innen beraten und unterstützen im persönlichen Gespräch.Von Monika Fischer (Text und Bild)

In unserem gut ausgebauten Gesundheitssystem ist sehr vieles möglich. Dies kann bei Patientinnen und Patienten auch Unsicherheit auslösen. Brauche ich so viele Medikamente? Ist die vorgeschlagene Operation wirklich nötig? Was geschieht, wenn ich sie verschiebe? Besonders ältere Menschen verstehen bei einem Arztbesuch manchmal nicht alles und getrauen sich nicht, nachzufragen.

Im Wissen um diese Unsicherheiten hat die Akademie für Menschenmedizin (amm) das niederschwellige Angebot des «Café Med» aufgebaut (siehe Kasten). Das pensionierte Ärztepaar Ursula und Frank Achermann organisiert es nach Erfahrungen in Zürich seit 2018 auch in Luzern im Café-Restaurant Melissa’s Kitchen am Hirschengraben.

Verschiedene Fachrichtungen
Wie immer am ersten Mittwoch des Monats haben sich die pensionierten Ärztinnen und Ärzte und weitere medizinische Fachpersonen hinten im Raum um einen grossen Holztisch versammelt. Vertreten sind neben der Allgemeinmedizin verschiedene Fachgebiete: Gynäkologie, Diabetologie, Hormonkrankheiten, Rheumatologie, Schmerztherapie, Orthopädie, Kardiologie, Psychiatrie und Onkologie.

Wenn die Ratsuchenden ab 14.30 Uhr das Lokal betreten, setzen sie sich an einen freien Tisch und konsumieren, was sie möchten. Die an diesem Tag für die Triage zuständige Ursula Achermann begrüsst die Gäste, erklärt die Rahmenbedingungen und fragt, in welchem Bereich eine Beratung gewünscht wird. Sie kommt zurück an den grossen Tisch und gibt das Anliegen an die entsprechende Fachperson weiter. Diese setzt sich zum Gast an den Tisch und kommt mit ihm ins Gespräch.

Mit viel Geduld und Zeit
Die pensionierten Ärzte und Ärztinnen sind auf dem aktuellen schulmedizinischen Stand. Vor allem geht es darum, zuzuhören und den Menschen in seiner Unsicherheit ernst zu nehmen, Verständnis zu haben für seine Fragen und Zweifel, ihn in seinen Entscheiden zu unterstützen und zu bestärken. Die Fachleute wissen, dass der Praxisalltag heute oft zielgerichtet und von Computer-Algorithmen geführt verläuft. Im Mittelpunkt des Praxisalltags steht häufig die Krankheit und nicht der Mensch in seiner Gesamtheit.

Die Erfahrung zeigt, dass die Leute keine Hemmungen haben, im Café über ihre Anliegen zu sprechen. Sie freuen sich, dass sich die Fachperson die Zeit nimmt, die sie brauchen, seien es fünf Minuten oder eine Stunde. Patienten und Patientinnen schätzen es, alles fragen zu können und dass die Fachperson geduldig erklärt.


«Das Gesundheitswesen gehört allen»

Das «Café Med» ist ein Projekt der «Akademie Menschenmedizin» (amm). Diese ist ein unabhängiger Verein, der sich für Patientinnen und Patienten, deren Angehörige sowie für Fachpersonen aus den Gesundheitsberufen engagiert und sich für Veränderungen im Gesundheitswesen einsetzt. Ziel ist ein Gesundheitswesen, das den Menschen und nicht die Kosten im Blick hat und trotzdem bezahlbar ist. Grundlage der «Menschenmedizin» ist ein Menschenbild, das die Einheit von Körper, Seele und Geist respektiert und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sie bekämpft nicht einfach Symptome, sondern betrachtet den Patienten, die Patientin als Individuum und handelt entsprechend.

Die amm bietet auch kostenlose Begleitungen bei Arztbesuchen durch erfahrene Fachpersonen an, wenn jemand Unterstützung braucht, Angst hat, komplexe Zusammenhänge nicht zu verstehen, oder möchte, dass noch jemand zuhört, damit Fragen geklärt werden können.

Der Verein ist auch politisch aktiv und setzt mit verschiedenen Projekten einiges in Bewegung. So wurde im Sommer 2024 ein Manifest veröffentlicht. Unter dem Titel «Das Gesundheitswesen gehört allen. Alle sind verantwortlich, es zu gestalten» umfasst es 13 Forderungen und Vorschläge, die beherzigt werden müssen, wenn die Schweiz das Ziel eines nachhaltigen, patientenzentrierten, qualitativ hochstehenden und bezahlbaren Gesundheitswesens nicht aus den Augen verlieren will. Dieses Jahr finden in der Schweiz Veranstaltungen statt, bei denen Interessierte ihre Forderungen und Lösungsvorschläge einbringen können.


Ergänzung, nicht Konkurrenz
Das «Café Med» bietet Beratung und Entscheidungshilfe. Es ist keine Sprechstunde und keine Zweitmeinung. Dies erfahren die Besucherinnen und Besucher auf einem Blatt, dass ihnen vor dem Gespräch zum Unterzeichnen abgegeben wird. Festgehalten ist dort auch, was die Fachpersonen nicht tun können: Es werden keine medizinischen Dokumentationen geführt, keine Therapien verordnet, keine Rezepte ausgestellt und keine Überweisungsschreiben verfasst. Mit der Unterschrift bestätigen die Besucherinnen und Besucher, dass sie die Rahmenbedingungen zustimmend zur Kenntnis genommen haben.

Da die Beratung unentgeltlich ist, gibt es auch keinen Interessenkonflikt und keine Konkurrenz zu den praktizierenden Ärztinnen und Ärzten. Diese schätzen im Gegenteil das ergänzende Angebot.

Verständliche Kommunikation ist zentral
An diesem Nachmittag wird das Angebot rege genutzt, auch wenn nicht alle Bereiche gefragt sind. Jene Fachpersonen, die nicht beraten, schätzen den Austausch mit den anwesenden Kolleg*innen.

Das Angebot wird vor allem von Menschen zwischen 60 und 90 Jahren genutzt und geschätzt. Viele der Anliegen betreffen die Kommunikation. Angesichts einer Diagnose verstehen manche gar nicht, was ihnen der Arzt, die Ärztin erklärt. Andere sind überfordert mit Fakten und Berichten und möchten wissen, warum sie mehrere Medikamente nehmen müssen. «Die Ratsuchenden schätzen es, dass wir Zeit haben ohne Limite und wir ihnen den Rücken stärken durch die Ermutigung, sich selber ernst zu nehmen, nachzufragen und sich wenn nötig zu wehren», erklären die Ärzt*innen, die sich über ihre sinnvolle Aufgabe freuen.

Das «Café Med» findet in Luzern jeweils am ersten Mittwochnachmittag eines Monats, 14.30 bis 17.30 Uhr, in «Melissa’s Kitchen», Hirschengraben 19, statt.

23. März 2026 – monika.fischer@luzern60plus.ch