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Ursula Stämmer leitete von 2000 bis 2016 die Luzerner Sicherheitsdirektion.

Eine gute Politikerin – eine noch bessere Kollegin

Zum Tod der langjährigen Luzerner SP-Stadträtin Ursula Stämmer-Horst ein Nachruf des früheren Stadtrats Ruedi Meier.

Von Ruedi Meier*
Unsere gemeinsame Zeit begann vor rund 30 Jahren, als Ursula mit ihrem Ehemann Bruno und ihren zwei Töchtern Laura und Giulia aus der Ostschweiz, wo die Familie eine Zeitlang gelebt hatte, nach Luzern zurückkehrte.

Wir mochten uns auf Anhieb sehr gut. Wir beide engagierten uns nebst der Parteipolitik auch gewerkschaftlich, im VPOD, eine gemeinsame Leidenschaft also. Und wir wussten: Dies bedeutete Zusammenarbeit, Ziehen am gleichen Strick, trotz der unterschiedlicher Parteizugehörigkeit. Wir beide schätzten dieses Denken und Agieren über den Tellerrand hinaus sehr.

Ein wichtiges Zeichen für die Frauen
Direktionsverteilung 2000: Als Sozialdemokratin und Pflegefachfrau war Ursula eigentlich prädestiniert für die Sozialdirektion, die nach der Fusion mit der Bürgergemeinde neu geschaffen wurde. Sie aber wollte nicht immer in den Topf der Krankenschwester geworfen werden. Polizei, Feuerwehr, Sicherheit, Umwelt, das sei auch ein Ding, und geführt durch eine Frau erst recht ein wichtiges politisches Zeichen. Aber sie schaute immer mit kritischen, vor allem auch sozialen und fachlichen Augen auf die Politik, die unser Team in der Sozialdirektion entwickelte. Da bekamen wir sehr viel: Inputs, Knowhow, Unterstützung. Wir wussten diesen Goodwill zu schätzen.

Das Team war wichtig
Ähnlich hielt sie es mit den anderen Direktionen. Sie mischte sich ein, brachte zusätzliche fachliche und politische Aspekte ein. Das war wichtig, war sie doch das zentrale Bindeglied zur grossen und prinzipientreu agierenden Fraktion der SP. Das war im übrigen nicht immer leicht. Im Zweifelsfall liess sie das Stadtratsteam nicht hängen. Das wussten wir sehr zu schätzen. Und wir Kollegen versuchten, dies mit unseren Fraktionen und Parteien gleich zu halten.
Nun eben, diese „Eigen-Stämmer-igkeit" – manchmal hatte sie den Hang zu eigenständigen, oder gar einsamen Lösungen: beispieslweise die Polizeiaktion 2007 gegen eine unbewilligte Demo mit Massenverhaftungen. „D'Stämmer – diä gämmer!", riefen die einen, , „D'Stämmer, diä wämmer!"die andern.

Lebensgefühl öffentlicher Raum
Der Umgang mit dem öffentlichen Raum prägte die ersten Jahre der Amtszeit von Ursula sehr. Es entwickelte sich mehr und mehr die sogenannte Ausgeh- und 24-Stunden-Gesellschaft mit allen Folgen: Tolle menschliche Begegnungen, Freude, Ausgelassenheit, good business, aber auch viel Alkohol und Lärm, Littering, Drogenszene, Gefühle der Unsicherheit. Die Politik war gefordert. Ursula skandalisierte diese Entwicklung nicht. Sie erkannte deren Lebensqualität und agierte als Moderatorin, gut unterstützt von Baudirektor Kurt Bieder: Der öffentliche Raum wurde neu mit Bars und Restaurants bespielt, damit viel attraktiver gemacht und die Verantwortung an die Betreiber-Teams delegiert. Die neu geschaffene SIP agierte im Vorfeld der Polizei und setzte aufs Gespräch. Die Polizei intervenierte erst dann, wenn diese Moderation nicht funktionierte.

Energie-Pionierin
Die ökologische Offenheit des Stadtrats-Teams machte es Ursula möglich, die Energiepolitik in Richtung mehr Nachhaltigkeit und Effizienz voranzutreiben. Und sie packte zusammen mit ihren Mitarbeitenden diese Chance und legte ein Programm auf, das Luzern zur Energie-Stadt mit Gold-Label machte. Ihr Präsidium im schweizerischen Verein Energie-Stadt war Ausdruck ihres ökologischen Engagements.

Ober-Jodlerin
Eine gute Portion „Eigen-Stämmer-igkeit" steckte in ihr als OK-Präsidentin des eidgenössischen Jodlerfests 2008. Wir Stadtratskollegen genossen den Anlass und schätzten ihr Engagement wie auch jenes von Franz Müller als OK-Präsident des Eidgenössischen Musikfestes 2006. Aber Stapi Urs Studer war nun echt nicht der Jodler und die restlichen drei Stadtratskollegen auch nicht. Da sprang Ursula in die Bresche und machte auch als SP-Frau in einer Tracht beste und echte Figur.

Grosse Integrationskraft
Damit bewies Ursula einmal mehr, über welch enorme Integrationskraft sie verfügte. Sie konnte verschiedenste politische und gesellschaftliche Milieus einander näher bringen, sie hatte Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen; dies weil sie sich im echten Sinne für „Land (und Stadt) und Leute" interessierte, weil sie die Menschen mochte und Verständnis hatte auch für unterschiedliche Rollen. Sie hörte zu, sie redete, sie lachte und nahm die Anliegen, die Kontakte und Beziehungen mit. Manchmal war es fast etwas viel: „Du Ruedi, ich sage dir .... Du solltest noch... , ihr müsst unbedingt ...;- warum habt ihr nicht...? "

Ach, wie Ursula uns fehlt
Ihre Erkrankung war für uns alle ein Schock, ausgerechnet unsere Jüngste, ausgerechnet Ursula mit ihrer enormen Tatkraft! Der Krankheitsverlauf dann war rasant. Und trotzdem: Die Todesnachricht hat mich und auch meine Kolleginnen und Kollegen schwer getroffen. Ich kann es noch immer kaum fassen. Immer wieder befällt mich eine grosse Trauer. Es bleibt die Erinnerung an eine aussergewöhnliche Frau und eine aussergewöhnliche Zeit. Mithin wird sie da oben auf meiner Erinnerungswolke regelmässig dabei sein. Und nach Corona möchten wir gebührend Abschied nehmen von ihr.

* Ruedi Meier, der erste grüne Stadtrat in Luzern, amtete von 2000 bis 2012 als Sozialdirektor.