Grosspapi betreut Enkel.

Kinderbetreuung als Generationenaufgabe

Obwohl die Gleichstellung der Geschlechter seit über 40 Jahren gesetzlich verankert ist, scheitert sie in der Realität häufig an der fehlenden Vereinbarung zwischen Beruf und Familie. Längst nicht immer können Grosseltern die Betreuungslücken füllen. Eine für alle bezahlbare externe Kinderbetreuung ist deshalb unerlässlich.Von Monika Fischer (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Viele Frauen und Männer können es im Alter kaum erwarten, Grosseltern zu werden. Sie freuen sich, nach langem wieder ein neugeborenes Kind in den Armen zu halten und geniessen das Zusammensein mit den Enkelkindern ohne das nächtliche Aufstehen. Manche möchten die Entwicklung dieser kleinen «Goldschätze» nahe miterleben und stellen sich zur Entlastung der Eltern zum regelmässigen Kinderhüten zur Verfügung. So spielen Grosseltern schweizweit auch volkswirtschaftlich eine wichtige Rolle bei der Kinderbetreuung. Sie leisten durchschnittlich Betreuungsaufgaben von 160 Millionen Stunden/Jahr, was einer Wirtschaftsleistung von 8 Milliarden Franken entspricht.

Doch ist diese meist freiwillig geleistete Arbeit nicht selbstverständlich und auch nicht für alle möglich. Während Grossväter gerne und stolz von ihren Hütetagen mit den Enkeln berichten (holen sie doch oft nach, was sie früher verpasst haben), verlaufen viele Diskussionen unter Grossmüttern recht emotional. Viele konnten es kaum erwarten, bis das Enkelkind da war, und übernehmen die Betreuungsaufgaben gerne. Andere sind beruflich noch zu sehr engagiert oder sie wollen nach der langen Familienphase keine Betreuungsaufgaben mehr übernehmen. Heikel sind Situationen, in denen die erwachsenen Töchter und Söhne selbstverständlich mit der Enkelbetreuung der Grosseltern rechnen.

Vorurteile wegen fehlenden Erfahrungen
Noch immer besteht vielerorts die längst widerlegte Ansicht, dass sich ein Kleinkind nur in der eigenen Familie gut entwickeln kann. Oder die Familie wird als Privatsache bezeichnet. Auch fehlende Erfahrungen mit der Fremdbetreuung führen zu Vorurteilen. Eindrücklich zeigte sich dies bei der Begegnung mit einem Kollegen, der nach der Pensionierung vom Land in die Stadt gezogen war. Er sei auf dem Weg, sein Enkelkind von der Kita abzuholen, sagte er und begann zu schwärmen: Wie gut seinem Enkel das Zusammensein mit den anderen Kindern tue, wie gerne er täglich in die Kita gehe, was er dort alles lerne, wie selbständig er schon sei. Beschämt hielt er fest, dass er sich früher als Politiker gegen die Einführung von Kitas in seiner Gemeinde ausgesprochen habe, wie sehr er seine Meinung durch die Erfahrung geändert habe.

Die Gesellschaft hat sich verändert
Jedes Elternpaar sollte eigentlich selbst entscheiden können, wie es die Arbeit in der Familien- und Erwerbsarbeit aufteilen möchte. Viele Paare haben keine Wahl. Migrantenfamilien fehlen zudem oft Grosseltern, auf die sie zurückgreifen können. Sind sie im Niedriglohnbereich beschäftigt, müssen oft beide Eltern einer Erwerbsarbeit nachgehen und sind zudem auf eine bezahlbare Kinderbetreuung angewiesen. In welche Nöte sie geraten, wenn sich die Bedingungen verändern, zeigt sich in der Stadt Kriens, wo letztes Jahr unter Spardruck die Kosten der Kinderbetreuung erheblich erhöht und der Ferienhort gestrichen wurde.

An sich können Frauen es sich gar nicht leisten, aus der Erwerbsarbeit auszusteigen, ist doch damit Armut im Alter häufig vorprogrammiert. Ganz besonders bei einer Scheidung. Wie die aktuellen Urteile des Bundesgerichts zeigen, wird eine Ehe nicht mehr wie früher als Versorgunginstitution gesehen. Vielmehr wird an die finanzielle Eigenverantwortung von Partnerin und Partner appelliert. Jeder und jede soll nach der Scheidung für sich selber sorgen können, was dem Grundsatz der Gleichstellung der Geschlechter entspricht. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei von Politik und Wirtschaft noch nicht in genügendem Masse gewährleistet. So lange das so sei, würde sich eine Reihe von Frauen nach der Familiengründung aus dem Erwerbsleben zurückziehen, sagte unter anderen auch die Rechtsprofessorin Andrea Büchler.

Bedürfnissen gerecht werden
Was unserer Generation häufig verwehrt wurde, ist heute für viele junge Frauen eine Selbstverständlichkeit. Sie sind gut ausgebildet und wollen ihren Beruf auch als Mütter nicht aufgeben. Unsere Wirtschaft ist angesichts des Fachkräftemangels auf diese Mütter angewiesen. Die letzte Erhebung zu Familien und Generationen 2018 im Kanton Luzern hat gezeigt, dass im Hinblick auf die Familienplanung neben den Wohnverhältnissen die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf eine entscheidende Rolle spielt. Fast drei Viertel der Frauen erwarten negative Berufsaussichten durch ein (weiteres) Kind. Wie diametral sich die Bedürfnisse der Menschen und die tief verankerten traditionellen Vorstellungen gegenüberstehen, zeigt sich in weiteren Ergebnissen der erwähnten Untersuchung. So finden gegen 80% der Befragten, dass ein Kind leidet, wenn die Mutter zu viel arbeitet. Bei derselben Frage zum Vater sind es immerhin rund 65%. Wobei unter «Arbeit» wohl einzig die Erwerbsarbeit gemeint ist.

Eine Frage der Gerechtigkeit und der Solidarität
Es ist wunderbar, wenn wir Grosseltern die jungen Familien bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch das Hüten der Enkelkinder unterstützen können. Ich selber habe es zwölf Jahre gemacht und möchte diese Zeit nicht missen. Doch reichte meine Betreuungsarbeit nicht aus. Teilweise wurden meine neun Enkelkinder daneben auch fremdbetreut: in der Kita, bei einer Tagesmutter oder durch die Tagesstrukturen der Schule. Mit Freude beobachte ich, mit welchem Engagement und in welch hoher Qualität diese Arbeit meist von Frauen zum Wohle der Kinder geleistet wird.

Es ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Solidarität, dass die jungen Eltern flächendeckend und zu erschwinglichen Preisen von den Einrichtungen der familienergänzenden Kinderbetreuung in der nötigen pädagogischen Qualität profitieren können. Diese ist gemäss einem Bericht in der «Luzerner Zeitung» vom 23. Mai nicht überall gewährleistet: «Wenn die familienergänzende Betreuung auch künftig hohen Anforderungen genügen solle, müsse die öffentliche Hand jährlich mindestens rund eine Milliarde Franken mehr investieren. Mit den zusätzlichen Mitteln sollen unter anderem der Anteil der qualifizierten Fachkräfte steigen, der Betreuungsschlüssel verbessert, aber auch die Löhne erhöht werden.» Es ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft, die entsprechenden politischen Bestrebungen zugunsten der nachfolgenden Generationen zu unterstützen.

23. Mai 2022 – monika.fischer@luzern60plus.ch