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Im Hello Welcome begann die lange  Geschichte

Serie Migration

«Einmal kommt es gut»

Von Marietherese Schwegler (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Flüchtlinge wissen es zu schätzen, wenn sie in ihren ersten Jahren in der Schweiz von Ehrenamtlichen – meist sind es Pensionierte mit genügend Zeit – begleitet werden. Sei es beim Deutschlernen, bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche. Wenn umgekehrt ein Flüchtling wie Abraham hoch motiviert ist, seinerseits alte Menschen im Pflegeheim beruflich zu unterstützen, sollte das willkommen sein. Könnte man meinen; wir wissen ja vom Personalmangel in der Langzeitpflege (mehr dazu am Ende des Textes).

Hohe Motivation, gute Deutschkenntnisse und Praxiserfahrung
Aber so einfach ist das nicht. Das hat der heute 45-Jährige Eritreer Abraham, anerkannter Flüchtling und seit 2015 in der Schweiz, erfahren müssen. Ich selber habe seine vielen Bemühungen nahe miterlebt; als Ehrenamtliche, die ihn 2017 im Treffpunkt HelloWelcome kennengelernt und seither u.a. bei der Arbeitssuche unterstützt hat. An Arbeitsmotivation hat es ihm nie gefehlt. Schon als Asylsuchender hat er als Übersetzer, in der Reinigung und als Mitarbeiter im Eichhof-Garten gearbeitet. Innerhalb von gut zwei Jahren hat er in Deutschkursen das recht anspruchsvolle Niveau B2 erreicht. Sehr lernwillig, hat der frühere Absolvent des Lehrerseminars an einer Uni in Eritrea diese Herausforderung gemeistert.

Abraham war klar, dass sein Lehrerberuf hier nicht zählt. Aber er wusste aus Erfahrung, dass ihm die Betreuung alter Menschen sehr liegt. Denn in seinem ersten Fluchtland Israel war er bereits drei Jahre lang als Pflegemitarbeiter in einem Altersheim angestellt. Also hat er sich in Luzern aktiv um einen Einstieg in dieses Berufsfeld bemüht – und durch Vermittlung einer Pflegefachfrau, der er im HelloWelcome begegnet war, einen Praktikumsplatz gefunden. Nach sechs Monaten Mitarbeit im Pflegeheim erhielt er ein gutes Arbeitszeugnis, aber keine Festanstellung.

Das war anfangs 2018. Immerhin, vergeblich war das Praktikum nicht. Der Flüchtling hat den Alltag einer hiesigen Pflegeeinrichtung kennengelernt und recht gut Schweizerdeutsch verstehen gelernt. Wertvoll für ihn, denn sein Ziel war, dereinst eine Lehre in einem Pflegeberuf machen zu können. Diesen Wunsch hat er beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz SAH angebracht, das im Auftrag des Kantons Luzern für die Arbeitsintegration von Flüchtlingen zuständig ist. Doch ihm wurde mehrfach beschieden, er sei für eine Lehre zu alt. Was ihn aber nicht vom Ziel abbringen konnte.

Dann, im Januar 2018 der Familiennachzug, ein grosses Glück. Aber da war auch die Wohnungssuche, es gab administrative Dinge zu erledigen. Der Familienvater, seine Frau und seine drei Kinder mussten sich im neuen Leben zurechtfinden – eine intensive Zeit für die Familie. Bald aber setzte Abraham wieder alles dran, sich auch beruflich zu etablieren.

Durchhaltevermögen gefragt
Im folgenden Herbst hat das SAH Abraham den Basiskurs Pflegehelfer SRK ermöglicht: 120 Theoriestunden plus 15 Tage Praktikum in einer Pflegeeinrichtung; die Praktikumsstelle für drei Wochen musste er selber suchen.

Damit begann ein Bewerbungsmarathon. In seinen Motivationsschreiben bewarb Abraham sich primär um das dreiwöchige Praktikum, und danach, so schrieb er, sei er interessiert an einer Festanstellung als Pflegehelfer SRK. In Heimen rundum im Kanton hat er sich beworben, per E-Mail, Post und online, oder er hat sein Dossier persönlich überbracht. Insgesamt mehr als 30 Bewerbungen. Da und dort hat man ihm vage Hoffnung gemacht, um ein paar Tage später abzusagen: «Leider nicht». Er spreche nicht gut genug Mundart, lokale Bewerberinnen würden bevorzugt, es wären viele andere Bewerbungen eingegangen, so oder anders die Begründung.

Nach der x-ten Absage kam bei Abraham leise Enttäuschung auf. Doch bei nächster Gelegenheit hat er sein Dossier erneut eingereicht und viel Durchhaltevermögen bewiesen. Schliesslich hat es im Herbst 2019 geklappt, in der Alterssiedlung Sunneziel Meggen. Nach den drei Praktikumswochen wurde ihm sogar ein Vertrag für weitere drei Monate Praktikum angeboten, der anschliessend nochmals um drei Monate als Pflegemitarbeiter bis Ende Februar 2020 verlängert wurde. – Und danach?

Tür geht einen Spaltbreit auf
Abraham war allmählich klar geworden, dass der SRK-Kurs in der Praxis nicht viel zählt, ein Befund, den Pflege- und Ausbildungsverantwortliche mehrerer Heime bestätigen. So war ihm das zuvor nicht gesagt worden; er hatte geglaubt, mit dem SRK-Zertifikat reelle Chancen für eine Stelle zu haben. Was sich für ihn als Trugschluss erwies.

Also stellte er im November beim Sozialdienst der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen erneut den Antrag, eine Lehre machen zu dürfen – und der wurde jetzt entgegengenommen. Nach einigem Hin und Her zwischen dem Sozialdienst und dem SAH dann die definitive Zusage: Eine zweijährige Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales, AGS, Abschluss mit Eidgenössischem Berufsattest, ist bewilligt! Vorausgesetzt, er findet eine Lehrstelle. Naheliegend, dass Abraham die erste Bewerbung an seinem aktuellen Arbeitsplatz einreichte – und nach hoffnungsvollem Warten eine Absage erhielt.

Die Suche fing also von vorne an. Ein Blick auf Online-Portale zeigte, dass zum Lehrbeginn 1. August 2020 praktisch alle Lehrstellen schon besetzt sind. Heimleiterinnen und Ausbildungsverantwortliche mehrerer Heime in der Region zeigten bei meinen telefonischen Anfragen Sympathie für das Anliegen, einem Flüchtling eine Chance zu geben. Aber sie hatten keine Lehrstelle … Sollte er sich also für Lehrbeginn 2021 bewerben? Und was bis dahin?

Positive Wende dank Viva Luzern
Es lag nahe, dass ich im Dezember stellvertretend für Abraham, der an der Arbeit war, nochmals den Fachmann von Viva Luzern kontaktierte. Bei ihm hatte Abraham einige Monate zuvor für eine Standortbestimmung vorsprechen dürfen: Selim Krasniqi, Leiter Pflege und Bildung und stv. Betriebsleiter im Betagtenzentrum Wesemlin von Viva Luzern. Ein Arbeitsplatz war damals explizit nicht im Angebot. Aber der Fachmann hatte in einem ausführlichen Gespräch mit Abraham dessen Fähigkeiten sehr positiv eingeschätzt und ihn ermutigt, dranzubleiben.

Selim Krasniqi war bereit zu einem weiteren Gespräch mit mir, zumal Abraham jetzt eine Lehre bewilligt worden war. Freilich waren bei Viva Luzern auch schon alle Lehrstellen besetzt. Ich fragte den Fachmann nach den Gründen für diesen mühevollen Weg eines Flüchtlings, wo doch der Personalmangel in der Pflege ein Thema ist. Und wo oft beklagt wird, dass Betagte zu wenig Zeit für Gespräche und soziale Zuwendung erhalten … Krasniqi meinte, Abraham werde zwar keine Pflegefachperson ersetzen können, aber AGS könnten viel zur besseren Lebensqualität der BewohnerInnen beitragen. Und nach einigen Jahren Einsatz liege oft eine weiterführende Lehre als Fachmann Gesundheit (FaGe) drin; daran seien auch Arbeitgeber interessiert. Und unvermittelt eröffnete er mir: «Eine Lehre als AGS ist jetzt das Richtige für Abraham. Und ich sehe eine Lösung: Viva Luzern wird eine Lehrstelle für ihn möglich machen.»

Zunächst war ich sprachlos. Völlig unerwartet sollte diese lange Suche nun plötzlich eine gute Wende nehmen? Ja, Selim Krasniqi meinte es ernst. Ein Weihnachtsgeschenk, diese Zusicherung an einem 23. Dezember! Ich rief Abraham an, um ihm die Botschaft mitzuteilen. «Ja, das wäre schön. Aber ich habe schon oft gehört, wir wollen schauen. Und dann ... Ich kann es erst glauben, wenn ich den Lehrvertrag sehe.» Das war seine erste Reaktion am Telefon. Es dauerte, bis er begreifen konnte.

Menschen etwas weitergeben
Für gute Berufs- und Aufstiegschancen motivierter Flüchtlinge ist Selim Krasniqi der lebende Beweis. Er war in den 90er-Jahren, nach einigen Semestern Medizinstudium, selber als Flüchtling aus dem Kosovo in die Schweiz gekommen und musste hier bei null beginnen: Deutschlernen, Lernender als Fachmann Hauswirtschaft, Ausbildung zum Pflegefachmann inklusive Höhere Fachschule, mehrere Hochschul-Weiterbildungen, das sind einige Meilensteine seiner Laufbahn, die ihn bis zur aktuellen Kaderstelle in der Betriebsleitung vom Viva Luzern Wesemlin führte. «Hier kann ich Menschen etwas weitergeben an, die den Willen besitzen, von sich aus etwas zu erreichen – unabhängig ihrer Herkunft, Geschichte und Alter (15 – 65 Jahre)». So erklärt er sein Engagement.

Wie hatte doch Abraham damals beschwichtigt, als ich nach einer weiteren Absage meine eigene Enttäuschung kaum verbergen konnte: «Weisst du, einmal kommt es gut.» Ja, mit der Lehrstelle als AGS bei Viva Luzern kommt es gut. Im August 2020 kann Abraham starten. Und bis dahin wird er die Zeit nutzen, sich darauf vorzubereiten.

(Kontext)

Pflegeberufe – wo besteht Mangel?
Der Personalmangel in der Langzeitpflege ist heute schon Realität, und er wird grösser werden, wenn die Babyboomer-Generation ins hohe Alter kommt. Doch an wem mangelt es? Vor allem an Personen mit einem Abschluss als Pflegefachperson und an Pflegefachpersonen FH (Fachhochschulabschluss). Zunehmend grösser wird die Gruppe der FaGe, mit Abschluss nach dreijähriger Lehre als Fachmann / Fachfrau Gesundheit. Diese erwerben eine höhere Stufe an Fachkompetenz als Assistenten / Assistentinnen Gesundheit und Soziales, AGS.
25. Januar 2020

Wir und die Flüchtlinge – die Flüchtlinge und wir

Die Redaktionsgruppe des Forums Luzern60plus möchte sich mit einer Serie von Beiträgen der Themen Migration und Flüchtlinge annehmen. Wir wollen den Betroffenen eine Stimme geben, statt nur den rhetorischen Strategien der Rechtpopulisten Raum zu bieten, die in den Medien in vielen Fällen unreflektiert aufgenommen werden.

Wer sich ein wenig herum hört, erfährt immer wieder von Begegnungen älterer Leute mit Asylsuchenden. Im Unterschied zur Aktiv-Generation haben viele Pensionierte Zeit (und oft auch Lust), sich auf Menschen einzulassen, die auf der Flucht vor Krieg, Repression oder Armut zu uns gekommen sind und hoffen, hier Asyl zu finden.

Staatliche Stellen und Hilfswerke bemühen sich, den Flüchtlingen Unterkunft und Betreuung zu gewähren und ein faires Asylverfahren zu garantieren. Auch Deutschunterricht, der eine entscheidende Rolle für ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt spielt, wird angeboten, sobald sie ein (oftmals nur vorläufiges) Bleiberecht erhalten. Dennoch sind diese Menschen, die in ganz andern Kulturen aufgewachsen sind, oft in einer schwierigen Situation. Zum Teil haben sie gute Kontakte zu Landsleuten in der gleichen Situation, aber zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung gibt es eine unsichtbare Wand, die zu durchbrechen für beide Seiten – zumindest auf den ersten Blick – nicht einfach scheint.

Genau da können ältere Menschen, die sich für Fremde und Fremdes interessieren, spannende Erfahrungen machen. Sie brauchen nur den ersten Schritt zu wagen. Luzern60plus stellt den Leserinnen und Lesern in den kommenden Monaten ein paar Beispiele solcher Begegnungen vor.

Achmed möchte dazugehören

Was ist eine «Tante»?  

  • Deutsch zu lernen ist für Flüchtlinge eine Pflicht: einige schaffen es mit grosser Hingabe, für andere ist es eine Qual. Doch viel hängt ab von den Umständen unter denen unterrichtet wird. Wir berichten von einem mehrjährigen Projekt, in dem Pensionierte (zwei Lehrpersonen, zwei Ärzte und ein Journalist) sowie Studierende der Uni Luzern mit eritreischen und afghanischen Flüchtlingen Deutsch trainieren und  ihnen auch  einiges über uns und unser Land vermitteln möchten. (Link zum Text: "Ich spüre viel Vertrauen und Wertschätzung")
    Abraham wird es schaffen
  • Der eritreische Flüchtling und Familienvater lebt seit 2015 in der Schweiz. Er hat Deutsch gelernt und war von Anfang an motiviert, in der Langzeitpflege mit alten Menschen zu arbeiten. In zahlreichen Pflegeheimen hat er sich beworben, Dutzende Absagen, aber auch zweimal eine befristete Praktikumsstelle erhalten. Dank seinem Durchhaltevermögen nun endlich ein Erfolg: Er kann bei Viva Luzern eine zweijährige Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales machen.

PS: Dieser Artikel schildert einen Einzelfall im Berufsfeld Pflege. Wie sehen die politischen Vorgaben und Mittel im Kanton Luzern zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen allgemein aus? Warum ist der Weg dahin oft so steinig? Solche Fragen sind Thema eines weiteren Beitrags dieser Serie.

Ayawa ist mir ans Herz gewachsen

  • Ayawa ist Vreny Blum ans Herz gewachsen, als wäre das Mädchen ihr Enkelkind. Die Caritas Luzern betreut zahlreiche Projekte für Menschen in schwierigen Situationen. Eines davon ist das Patenschaftprojekt „mit mir“ für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, das sowohl einheimischen als auch Flüchtlingskindern offensteht. Dabei schenken Patinnen und Paten auf ehrenamtlicher Basis Kindern mindestens ein- bis zweimal pro Monat Zeit und Aufmerksamkeit. Auch zahlreiche Patinnen und Paten im 60plus-Alter engagieren sich im Projekt.