Linguistik-Professorin Helen Christen. Bild: Joseph Schmidiger

Sprachenstar und Starsprache

Von Helen Christen

Für viele ist Italienisch die schönste Sprache überhaupt, ein eigentlicher Sprachenstar also. Es sind die wiederkehrenden a-Laute, die gefallen. Ausserdem schmeicheln unseren Ohren offenbar die einfachen Silben: Konsonanten und Vokale wechseln sich in den meisten Wörtern regelmässig ab: ca-ro-ta (Rüebli). Und wenig melodiöse Konsonantenklumpen am Wortende, wie sie etwa im deutschen Strumpf oder (du) hältst vorkommen, sind nicht vorgesehen. Was das Italienische in meinen Augen aber nachgerade zu einem Sprachensuperstar macht, ist seine Überfülle an Nachsilben, die als Präzisionsinstrumente zur sprachlichen Politur eingesetzt werden können. Für «ein wenig» hält das Italienische nicht nur ein simples un poco bereit – es gibt auch den Feinschliff zu un pochino und un pochettino. Wie schon in einer früheren Kolumne angesprochen, können wir im Dialekt mit seinen Verkleinerungsmöglichkeiten hier einigermassen mithalten (siehe etwa baseldeutsches e klai weeneli oder luzerndeutsches es birebitzeli). Und nicht anders als im Deutschen ist es auch im Italienischen so, dass sich gewisse Verkleinerungen zu festen Bezeichnungen stabilisiert haben: spago (Schnur), spaghetto (kleine Schnur, Spaghetti), zu dem es dann die dünne Variante spaghettino und die dicke Variante spaghettone gibt.

Spaghettone! Das Italienische verfügt über das beneidenswert praktische Anhängsel -one, das den Gegenpol zur Verkleinerung bewirtschaftet und vergrössern, verstärken, vergröbern kann: porta bedeutet Türe, portone Tor, zu buffo (komisch) gibt es die Personenbezeichnung buffone (Narr). Haben wir es bei dieser leichtfüssigen one-Endung mit der sprachlichen Inkarnation der sprezzatura zu tun, der sprichwörtlichen italienischen Lässigkeit also, die dem Deutschen einfach abgeht? Bei genauerem Besehen gibt es auch im Deutschen taugliche Sprachbooster, mit freilich etwas umständlicheren Gebrauchsanweisungen. Bei einigen deutschen Verstärkern nämlich muss man genau wissen, bei welchem Wort sie ihren Dienst tun: blutjung, mutterseelenallein, splitternackt, mausetot, saublöd... Blutnackt oder splitterjung gehen bekanntermassen ganz und gar nicht. Andere sprachliche Aufpumper geben sich allerdings etwas geselliger und verbinden sich mit unterschiedlichen Wörtern: Riesenfest, -sauerei, -dummheit, -ereignis. Zu dieser letzten Sorte gehört auch das Wort Star, das sich in den letzten Jahren zu einer aufbauschenden Vorsilbe gemausert hat, die bei Berufs- und Funktionsbezeichnungen Konjunktur hat: Stararchitektin, Starcoiffeur, Starkoch. Architektin, Coiffeur, Koch kann man lernen. Wie aber wird man Stararchitektin, die irgendwie doch mehr zu sein scheint als eine kommune Architektin (den unflätigen Verstärker hunds- verkneife ich mir)?

In Selbstbezeichnungen tritt Star- nicht auf (ich hoffe, mich da nicht zu täuschen), vielmehr verleihen die Medien diesen Stern. Aber: Die Stararchitektin ist nicht zwingend eine sehr gute Architektin, der Starcoiffeur nicht unbedingt ein sehr versierter Coiffeur, der Starkoch vielleicht nicht der beste Koch im Lande. Die Vorsilbe Star- ist somit nicht einfach ein Kürzel für «sehr gut in seinem/ihrem Metier». Worin jedoch besteht der verstärkende Zugewinn von Star-? Ein Blick auf den gängigen Gebrauch von Star als Grundwort ist zielführend: Filmstar, Opernstar, Schlagerstar. Bei diesen Bildungen richtet man das sprachliche Brennglas auf Star und meint damit eine menschliche Lichtgestalt und zwar aus einem Betätigungsfeld, das dem Alltag des Gewöhnlichen enthoben ist – und damit Glamour hat. Dieser Glamour klebt sich nun auch an die Vorsilbe, die einzig noch dazu da ist, Architektinnen voneinander zu unterscheiden – solche mit, solche ohne Glamour. Für Glamour braucht es berufliche Anstrengungen der besonderen Art. Entsprechend Ambitionierte müssen nämlich alles daransetzen, die Bungalows von Berühmten zu bauen, die Haare von Reichen zu schneiden und für Schöne zu kochen. Als Köder empfehlen sich exorbitante Preise, exklusive Geschäftslagen und Teller, ob deren aufgehübschter Leere einem das Augenwasser kommt. Wem es gelingt, in den Dunstkreis dieser Berühmten, Reichen und Schönen zu gelangen, findet sich plötzlich auf einem Vernissage-Gruppenfoto wieder und erhält in der Bildlegende den medialen Ritterschlag zum Star-XY: «v.l.n.r. Hans Muster, CEO Basler Ringli, Gattin Susi, Starcoiffeur Anselm Leibundgut».

Ist die schönste Sprache der Welt nun eine Starsprache? Sollten wir Sprachen als Lebewesen denken, können die eben ausgeführten Gebrauchsbedingungen für den sprachlichen Aufplusterer Star- überprüft werden. Die a-Laute und die leistungsfähigen Nachsilben mögen das Italienische für Sprachaficionados zu einem Sprachenstar machen, haben jedoch kaum das Zeug für eine Starsprache. Mit der Hollywoodisierung von Italien allerdings – man denke an die Filmromanze «Roman Holiday» (deutscher Verleihtitel: «Ein Herz und eine Krone») – wäre schon mal der Glamourfaktor gegeben, der als Funken leicht vom Land Italien auf die Sprache Italienisch überspringen könnte. Für die höheren Weihen des Italienischen zu einer Starsprache würde dabei vermutlich allemal ausreichen, dass ein Gregory Peck oder eine Audrey Hepburn nur ab und zu ein grazie, buon giorno oder per favore ins Englische einflechten.

11. November 2023 – helen.christen@luzern60plus.ch


Zur Person
Helen Christen, geboren 1956, ist in St. Erhard aufgewachsen und wohnt seit vielen Jahren in Luzern. Bis zu ihrer Emeritierung war sie Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg i. Ü. Das Interesse an der deutschen Sprache in all ihren Facetten und die Lust an der Vermittlung linguistischen Wissens waren nicht nur die Triebfedern in ihrem Berufsleben, sondern prägen auch den neuen Lebensabschnitt.