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Messe Zukunft Alter

Altersdiskriminierung: Viel Interesse am Thema

Von René Regenass

Die Diskriminierung im Alter findet statt. Das ist Faktum nach dem Podium an der Messe Zukunft Alter. Im Service Public und im Online-Geschäft werden alte Menschen zunehmend abgehängt. Und wer nicht mitmacht, zahle noch dafür, erklärte Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo.  Monika Stocker, Präsidentin der UBA (Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter) und früher Zürcher Stadträtin, berichtete, die UBA erhalte zwei bis drei Anfragen pro Tag.

Etwa 200 Personen versammelten sich für das Podium in der Messehalle auf der Allmend. Zehn Minuten vor Beginn gab‘s keinen Sitzplatz mehr. Das Interesse am Thema „Leben im Alter ohne Diskriminierung“ ist gross. Positiv auch, dass Pro Senectute Luzern dieses Thema aufgenommen und zur Diskussion gebracht hat.

Was heisst Diskriminierung?
Wo und wie macht sich denn die Diskriminierung von Alten bemerkbar, wollte Gesprächsleiterin Esther Peter, die Kommunikationsverantwortliche von Pro Senectute wissen. Für Simon Gerber, Bereichsleiter Sozialberatung bei Pro Senectute, gehe es häufig um eine gefühlte oder auch versteckte Diskriminierung. Es geschehe sogar innerhalb der Familie. In der Sozialberatung habe er erlebt, dass ein Vater, dessen Sohn seine Finanzen besorgte, nicht gewusst habe, wie hoch seine Rente und wie gross sein Sparguthaben sei. Unbestreitbar seien auch Probleme beim Zugang zur öffentlichen Kommunikation. „Von der Benachteiligung betroffen sind alle, welche die Internet-Technik  nicht kennen, sagte Priska Birrer-Heimo. Und weiter: „Wir leben im 21. Jahrhundert in einem Jugendwahn. Anti-Aging ist Mode geworden, von der Kosmetik bis zu den körperlichen Betätigungen.“  

Es gelte, genau hinzusehen, sagte Cati Hürlimann, Leiterin des Betagtenzentrums Rosenberg in Luzern. Viele Menschen seien verletzlich, eingeschränkt in ihren Bewegungen. An Diskriminierung im Bereich der Privatsphäre grenze zum Beispiel der Umstand, dass in einem Altersheim jede Mitarbeiterin jederzeit das Zimmer einer Bewohnerin oder eines Bewohners betreten könne. Tendenziös sei die Kommunikation in den Medien. Es gebe kaum einen positiven Bericht über die Heimszene.

Diskriminierend und nahezu ein Skandal ist für Monika Stocker die konstante Aussage, dass die Jungen heute die Renten der Alten zahlten. „Wir haben das Vorsorgewerk der AHV aufgebaut und Beiträge einbezahlt, wo von diesen Jungen noch niemand da gewesen ist.“ Sie habe in einer Diskussion einen Jugendlichen gefragt, was seine Turnschuhe gekostet hätten. „Sicher mehr als hundert Franken. Das hätten wir uns seinerzeit gar nie leisten können.“

Wie Diskriminierung verhindern?
Was können wir tun, um Diskriminierung zu verhindern, fragte Esther Peter in die Runde. Es lohne sich, solche Fakten mit den Jungen zu diskutieren, meinte Priska Birrer-Heimo. Monika Stocker fände es hilfreich, wenn alte Menschen mehr von ihren Erlebnissen und ihrer Vergangenheit erzählen würden, zum Beispiel in den sogenannten Erzählkaffees. Cati Hürlimann möchte den Dialog und die Achtsamkeit in diesen Themen fördern.

Eine Volksinitiative kommt
Eine Allianz gegen Altersdiskriminierung will im kommenden Jahr eine Volksinitiative gegen Altersdiskriminierung lancieren. Monika Stocker ist im Initiativekomitee. Der Schutz vor Diskriminierung soll im Gesetz festgeschrieben werden, sagte Monika Stocker in der NLZ vom 8. November. Zur Begründung sagte sie, es gehe um eine Generation, welche enorm viel für den heutigen Wohlstand geleistet habe. Senioren würden  abgewertet und lächerlich gemacht, bloss weil sie nicht mehr Teil des Wirtschaftslebens seien. Und weiter: „Wenn plötzlich mehr Kinder auf die Welt kommen, baut man neue Schulhäuser. Wenn es mehr Verkehr gibt, baut man Strassen. Wenn es aber plötzlich mehr Betagte gibt, sagt man, wir könnten uns dies nicht leisten. Es braucht einen Sinneswandel.“

Die Initiative könnte etwas anstossen, sagte Priska Birrer-Heimo. Als Nationalrätin sei sie gespannt, wie das jetzt jüngere Parlament darauf reagieren werde.
10. November 2019