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Vorweihnachtsstimmung

Von Judith Stamm

Die Vorweihnachtszeit beginnt bei mir mit Musik. Ich höre Weihnachtslieder aus den USA, die von hellen Kinderstimmen gesungen werden. Aber auch von Jugendlichen mit dem leichten Timbre des hinter ihnen liegenden Stimmbruchs. Die Kassette und das Textbüchlein habe ich vor Jahren erstanden. So ab Mitte Dezember erklingen diese Melodien  in meiner Wohnung dauernd, fast wie in einem Warenhaus!

Selbstverständlich habe ich einen Lieblingshit, nein eigentlich deren zwei. Der erste heisst: „I saw Mommy kissing Santa Claus“. Wenn das Lied ertönt, sehe ich den kleinen Kerl - von dem alle  glauben, er schlafe - wie er geräuschlos die Treppe hinunterkriecht. Er will einen Blick auf die Dinge erhaschen, die unten im Wohnzimmer geheimnisvoll vor sich gehen. Und er sieht Mommy den Santa Claus necken und küssen und singt: „was für ein Spass wäre das, wenn doch Daddy sehen könnte, wie Mommy den Santa Claus küsst......!“ Ja, was für ein Vergnügen, wenn der Kleine einmal entdeckt haben wird, dass Santa Claus und Daddy ja gar nicht auseinander zu halten sind!

Das zweite Lied handelt von „Rudolph, the red nosed reindeer“. Rudolph hat eine rote Nase, die nicht nur glänzt sondern geradezu glüht. Die andern Rentiere lachen ihn aus, verspotten ihn, er darf nicht einmal mit ihnen spielen. Aber an einem nebligen Vorweihnachtsabend kommt Santa daher und fragt: „Rudolph, Du mit Deiner leuchtenden Nase, könntest Du heute Nacht meinen Schlitten lenken?“ Und niemand sagt: „was soll denn das?“ oder „ausgerechnet dieser Eckensteher!“ Nein, das Rudel schliesst sich sofort dem „winner“ an und trompetet es in die Nacht hinaus: „Rudolph, rotnasiges Rentier, Du wirst in die Geschichte eingehen!“.  Eine Begebenheit fast wie im wirklichen Leben....!

Zur Vorweihnachtsstimmung gehört aber für  mich noch etwas anderes. Mit höchster Aufmerksamkeit überfliege ich die TV-Programme, um herauszufinden, welche Sender den Film „Wunder von Manhattan“ (USA 1994: “miracle on the 34th street“) in ihrem Programm haben. Ich werde jedes Jahr fündig. Der Film handelt, ganz kurz zusammengefasst, von einem Weihnachtsmann, Kriss Kringle, der nicht nur behauptet, sondern auch glaubt, er sei der wirkliche Weihnachtsmann. Weil er mit seinen Auftritten in einem Warenhaus so grossen Erfolg hat, wird er von der Konkurrenz übel angegriffen. Turbulenzen sind angesagt, ein Gerichtsverfahren kommt in Gang. Und der betrübte Richter teilt dem jungen Verteidiger des Weihnachtsmannes am Abend vor der Verhandlung mit, dass er aufgrund der Faktenlage und der Gesetze nicht darum herum kommen werde, den alten, halsstarrigen Mann in die Psychiatrie einzuweisen. Dieser sei nicht davon abzubringen, dass er wirklich der Weihnachtsmann sei. Und auf die Frage: „gibt es den Weihnachtsmann?“ gebe es ja wohl nur eine Antwort.

Die ganze Stadt wartet auf den Prozess. Am Tag der Urteilsverkündung sind die Strassen rund um das Gerichtsgebäude von Menschen verstopft

Um 12.00 Uhr öffnet der Gerichtssekretär ein Fenster, sieht die wartende Menge, die den Atem anhält, und ruft ihr zu: „Es gibt den Weihnachtsmann!“. Tosender Applaus erhebt sich. Und an jeder Tankstelle, in jedem Supermarkt, auf jeder U-Bahn-Station erzählen es sich die Menschen mit Lachen, mit strahlenden Blicken, ja mit Tränen in den Augen: „ es gibt den Weihnachtsmann“.

Wie der positive Urteilsspruch im Film begründet wird, ist genial. Aber das verrate ich nicht.

Will jemand wissen, wie ich über diese Frage denke? Ich habe nur eine Antwort: „selbstverständlich gibt es den Weihnachtsmann!“

Zur Person

Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971-1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983-1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 -1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und deren Rütlikommission. Heute geniesst sie ihren Ruhestand in Luzern.