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Augenzwinkern

Von Yvonne Volken

Während wir sharen, posten, twittern, liken, followen und tracken sind irgendwo eifrige und äusserst effiziente Datensammler am Werk. Irgendwie erspähen sie jeden Winkel der menschlichen Existenz, jede dunkle Seelenecke. Kein Wunder fühlt sich die Kolumnistin an "Gottes Auge" erinnert, wenn ihr das Handy Botschaften schickt - und das immer am Sonntag.

Es war Frühling, endlich auch im Wallis. Meine Schwester (10) und ich (11) rutschten uns auf dem Kokosteppich im Hausgang die Knie wund. Dazu beteten wir den Rosenkranz: "Gegrüsst seist du Maria..., der von... Heilige Maria,...". Mutter schaute unserem Treiben argwöhnisch zu. Wir müssten Busse tun, erklärten wir ihr. Denn wir möchten, dass der liebe Gott uns schönes Wetter schickt für die Schulreise. Und jetzt ging es darum, noch schnell alles Sündige loszuwerden, bei dem ER uns ertappt hatte. "Gott sieht alles, überall, jederzeit". So lernten wir es in der Schule damals. Das allgegenwärtige Auge Gottes sah übrigens nicht nur unsere Untaten, sondern ES konnte auch (sündige) Gedanken lesen. - Die Kinderjahre gingen vorbei. Das Leben im Irdischen war schön und beängstigend genug. Ich vergass das Auge Gottes.

Aber jetzt gibt es da ein neues, äusserst aufmerksames Auge, das seinen Blick auf mich und mein Tun richtet. Ein allgegenwärtiges, körperloses Wesen scheint lückenlos über mich Bescheid zu wissen, merkt sich jeden meiner Schritte und Klicks. Und ich erhalte Botschaften: "Deine Bildschirmzeit betrug in der letzten Woche durchschnittlich 1 Stunde und 15 Minuten pro Tag." "Das könnte dich auch interessieren." "Du hast einen neuen Foto-Rückblick."

Gottes Auge kann da nicht im Spiel sein. Aber augenfällig sind einige Analogien zwischen der alten und der allgegenwärtigen neuen Allmacht schon. Da ist zum Beispiel die Gemeinschaft der Gläubigen. Du sitzt am Laptop oder checkst dein Smart- oder I-phone: Du gehörst dazu, bist Teil einer weltumspannenden Social Community, die alles teilt, fast überall vor Ort ist und sich um jeden und jede sorgt. Du sagst immer wieder aufs Neue Ja und stimmst den AGB, dem Gebrauch von Cookies und den Datenschutzvereinbarungen zu. Damit beweist du deinen Glauben und dein Vertrauen in die algorithmisch gestaltete Weltordnung. Du kannst dir zwar unter Algorithmen nicht wirklich etwas vorstellen und die AGB oder die Datenschutzbestimmungen hast du nicht genau gelesen, wenn überhaupt. Wird schon seine Ordnung haben.

Und da ist vor allem auch die Hoffnung auf Erlösung, die sich sozusagen vom Himmel in die Cloud verschoben hat. Es gibt kein Problem, sei dies geografischer, gesundheitlicher, politischer oder zwischenmenschlicher Art, das sich nicht via den Sozialen Medien, Youtube oder Dr. Google & Co. lösen lässt. Die Suchmaschine weiss zuweilen besser als du, was du brauchst und wie du dich entscheiden sollst. Du bist nur ein einzelner Mensch. Sie dagegen ein magischer, täglich klüger werdender allumfassender Globus der Künstlichen Intelligenz (KI).

Genug der Analogien: Sündigen zum Beispiel kannst du als anständige Userin nicht wirklich. Du quälst und mobbst (hoffentlich) niemanden auf dem Cyberweg (und auch sonst nicht). Also brauchst du auch nicht zu büssen. Wirklich nicht? Und wenn du Aspekte deiner Persönlichkeit zu günstig preisgibst? Und was ist mit Datenspuren, die zu Recht oder zu Unrecht zu dir führen? Abgesehen von den Plagen, die dich und deine Lebensmaschinen heimsuchen können in Form von Trojanern und Würmern.

Und warum bringen sich ausgerechnet Internet-Gurus, Spezialistinnen für Cyberkriminalität und ehemaligen Promotoren der Open Source Bewegung sozusagen ausser Sichtweite, haben kein Facebook-Konto, verzichten auf Instagram-Follower, shoppen nicht online, versenden keine Tweeds? Warum schicken die Chefs und Chefinnen von Silicon Valley ihre Kinder lieber auf Schulen, wo Smartphones und iPads nicht erwünscht sind!

Also doch Busse tun: Ich entschliesse mich, ein wenig von meiner Google-Bequemlichkeit abzurücken und richte mich versuchsweise neu ein mit einer alternativen Web-Suchmaschine (Startpage) und einem Facebook unabhängigen Instant Messaging Dienst (Threema). Ich schalte die Handy-Ortung zeitweilig aus, lösche Apps, die meine Schritte zählen, mir beim Geld verwalten helfen und Diät-Tipps geben. Auf dem Laptop lösche ich alle gespeicherten Weblogins und verklebe das Kameraauge.

Sie fühlt sich gut an, diese eingetrübte Sichtbarkeit. Das allgegenwärtige Auge sieht mich zumindest nicht mehr so deutlich. Halleluja. - Aber dann: Letzten Sonntag hat ES mir wieder geschrieben: "Deine Bildschirmzeit war letzte Woche 21 % mehr, d.h. durchschnittlich 1 Stunde und 54 Minuten pro Tag." Und ES zählte auf, was ich in den täglich gut zwei Stunden am Handy genau gemacht hatte. – 30.4.2019

PS. Yvonne Volken (63) ist froh, dass es die Internet-Technologie gibt und nutzt sie häufig und gerne, befürchtet aber, dass sie zur grossen Heerschar der Digital Naivs gehört, die es kaum bemerken würden, wenn sie ihre Seele verkaufen.

yvonne.volken@outlook.com 

Zur Person:
Yvonne Volken, geboren 1956, hat alle zehn Jahre ihr Berufsfeld radikal verändert, arbeitete als Buchhändlerin, als Journalistin, als Projektleiterin bei der Stadt Luzern, als Literaturveranstalterin und gegenwärtig als Klassenassistentin an einer Primarschule. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, Missionarin in Indien, ging nicht in Erfüllung. Heute stellt sie fest: Missionieren kann frau eigentlich überall.