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Eine Caritas-Patin mit ihrem Patenkind.

Serie Migration

„Ayawa ist mir ans Herz gewachsen, als wär das Mädchen mein Enkelkind“

Von Erika Frey Timillero (Text) und Silvia Voser (Foto)

Die Caritas Luzern betreut zahlreiche Projekte, um Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Unter anderem bietet sie Alphabetisierungs- und Deutschkurse speziell für Frauen mit Migrationshintergrund an, unterstützt Eltern in prekärer finanzieller Lage, besucht Menschen im Strafvollzug und in Ausschaffungshaft. Eines dieser Projekte ist das Patenschaftsprojekt „mit mir“, in dem sich auch Rentnerinnen und Rentner ehrenamtlich engagieren. Wir haben die 64jährige Vreny Blum zu ihrem Engagement für Ayawa befragt, ihr Patenkind aus Togo.

Zuerst das Projekt: Die „mit mir“-Patenschaften werden sowohl für Schweizer Kinder als auch für Kinder mit Migrationshintergrund angeboten. Zuständig für die Vermittlung dieser Patenschaften in der Zentralschweiz ist Nicole Scherer, deren Büro sich am Hauptsitz der Caritas Luzern an der Brünigstrasse 25 befindet. Sie sprach mit mir über das engagierte Projekt, das schweizweit von acht Regionalstellen angeboten wird. 

80 Patenschaften in der Zentralschweiz
Entstanden ist es vor dem Hintergrund, dass es bereits verschiedene Angebote für armutsbetroffene Erwachsene gab, aber bislang nichts für armutsbetroffene Kinder. Für Kinder sei es wichtig, dass sie nicht zu Opfern der Folgen von Armut werden, denn diese würden ihre Entwicklung und Sozialisierung nachhaltig beeinträchtigen, sagt Nicole Scherer. Deshalb rief die Caritas ein Projekt ins Leben, das mithelfen soll, dieser Gefahr entgegenzuwirken. Durch eine Patenschaft erhalten Kinder die Möglichkeit, Dinge zu erleben, die ihnen aufgrund der familiären Situation – wenn die Eltern arbeitstätig sind – oder der prekären finanziellen Lage verwehrt bleiben.

In der Zentralschweiz haben derzeit 80 Kinder eine Patin oder einen Paten. Seit 2008 konnten 250 Patenschaften vermittelt werden. Die Dauer von mindestens drei Jahren ermöglicht den Aufbau einer verlässlichen Beziehung.

Voraussetzungen für eine Patenschaft
Rund drei Viertel der Patenkinder haben einen Migrationshintergrund. Zusätzlich zur Entlastung der Eltern und der Förderung der Entwicklung der Kinder durch das Projekt kommt ein weiterer Vorteil hinzu, nämlich der direkte Kontakt zu den Einheimischen. Dieser trägt dazu bei, in der Bevölkerung Vorurteile abzubauen. Denn über die Patinnen und Paten kommen die Kinder auch mit deren Umfeld in Kontakt.

Rund 20 Prozent der Patinnen und Paten sind pensioniert. Mehrheitlich würden sich Einzelpersonen engagieren, jedoch auch Paare und ganze Familien, sagt Nicole Scherer.

Stabile Lebenssituation notwendig
Im Interesse der Sicherheit und zum Wohl der Kinder gibt es auch Auflagen, damit jemand Patin oder Pate werden kann. Sie müssen mindestens 20 Jahre alt sein und in einer stabilen Situation leben, die es ihnen erlaubt, sich längerfristig für ein Kind zu engagieren. Und sie sollten genügend freie Zeit haben, um mit dem Kind mindestens ein- bis zweimal im Monat einen halben oder ganzen Tag zu verbringen.

Auf die Frage, wie Paten und Patinnen das Zusammensein mit den Kindern gestalten, antwortet Nicole Scherer: «Die Unternehmungen sind sehr unterschiedlich, je nach Alter und Interessen der Kinder und Paten. Gewünscht wird, dass es sich mehrheitlich um eine gesunde und konsumarme Freizeitgestaltung handelt. Mit den kleineren Kindern gehen viele auf den Spielplatz, kochen und basteln mit ihnen oder lesen ihnen vor, mit den grösseren gehen sie zum Beispiel Schlittschuhlaufen, Velofahren oder Fussballspielen. Es gibt ja viele Möglichkeiten, die Freizeit sinnvoll zu verbringen.»

Das Patenkind Ayawa ist etwas über vier Jahre alt
Ich habe mich mit der 64-jährigen Vreny Blum aus Schötz getroffen, um ihr  Fragen zu stellen über ihre Erfahrungen als „mit mir“-Patin. Seit rund eineinhalb Jahren betreut sie ein Mädchen aus Togo. Ayawa war zu Beginn der Patenschaft drei Jahre alt und sprach noch kein Wort Deutsch. Inzwischen hat sie grosse Fortschritte gemacht. Das Mädchen lebt mit seiner allein erziehenden Mutter in einer Surentaler Gemeinde. Sie arbeitet in der Nahrungsmittelindustrie und ist froh, dass Ayawa regelmässig Zeit bei den Blums verbringen darf und dadurch etwas Abwechslung erfährt.

Vreny Blum ist durch einen Artikel in der Luzerner Zeitung auf das “mit mir“-Projekt gestossen. Sie war sofort begeistert von der Möglichkeit, regelmässig ein Kind zu betreuen, ihm Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und damit dessen Eltern etwas zu entlasten.

Vreny Blum auf den Schoss geklettert
Sie erinnert sich noch sehr gut an die erste Begegnung mit dem Mädchen und dessen Mutter. Das war in deren Wohnung in Schötz. Begleitet wurde Vreny Blum von einer Vermittlerin der Caritas. Als sich die erwachsenen Frauen an den Tisch setzten, begutachtete Ayawa Vreny Blum zuerst aus sicherer Distanz. Doch keine fünf Minuten waren vergangen, da kam das Mädchen an den Tisch und kletterte seiner zukünftigen Patin auf den Schoss. „Das war ein schöner und sehr bewegender Moment“, sagt Vreny Blum mit einem Lächeln im Gesicht.

Ein spontanes, fröhliches Mädchen
Seit einiger Zeit verbringt Ayawa jeweils die Samstage von morgens halb zehn bis fünf Uhr abends bei den Blums. Das Mädchen sei für sie und ihren Mann Franz wie ein Enkelkind, sie hätten sie sehr liebgewonnen. Auf die Frage, was sie mit dem Mädchen jeweils unternehme, sagt sie, ganz verschiedene Dinge. Ayawa helfe zum Beispiel gerne ihrem Mann Franz bei der Gartenarbeit. Manchmal würde sie mit dem Mädchen auch Guetzli oder Grittibänze backen, basteln, spazieren oder einkaufen gehen oder Bekannte besuchen. Ayawa sei ein offenes und fröhliches Mädchen, sie gehe spontan auf die Leute zu.

Wertvoller Erfahrungsaustausch
Vreny Blum sagt, von Anfang an sei ihr eine Vermittlerin der Caritas zur Verfügung gestanden, an die sie sich bei Fragen oder Problemen wenden könne. Zu Beginn hätten sie sich regelmässig getroffen, jetzt würden sie ab und zu telefonieren. Vreny Blum nutzt auch gerne die Gelegenheit, die Treffen zum Erfahrungsaustausch mit anderen Patinnen und Paten zu besuchen sowie an den themenspezifischen Weiterbildungen der Caritas teilzunehmen, die kostenlos sind.  Neben der Betreuung von Ayawa im Rahmen des „mit mir“-Projekts hilft Vreny Blum ausserdem regelmässig vier afghanischen Flüchtlingen und neuerdings einem geflüchteten Ehepaar aus Syrien bei den Hausaufgaben. Sie alle lernen Deutsch bei der Ecap Zentralschweiz in Luzern.

Vreny Blum erwähnt die vielfältigen Probleme, mit denen die Flüchtlinge im Alltag konfrontiert werden. Sie unterstütze sie gerne, wo dies für sie möglich sei – wie beim Ausfüllen von Formularen oder beim Vermitteln mit dem Vermieter. Die Flüchtlinge würden oft Vorurteilen begegnen. Diese abzubauen, liege leider nicht in ihrer Macht. Aber es gäbe zum Glück auch sehr viele Einheimische, die Verständnis hätten für die schwierige Situation von Flüchtlingen und auf die eine oder andere Art helfen würden.

Weitere Informationen zum „mit mir“-Projekt unter https://www.caritas-luzern.ch/was-wir-tun/mit-mir-patenschaft-fuer-benachteiligte-kinder

 

Warum die Serie Migration?

Wir und die Flüchtlinge – die Flüchtlinge und wir

Die Redaktionsgruppe des Forums Luzern60plus möchte sich mit einer Serie von Beiträgen der Themen Migration und Flüchtlinge annehmen. Wir wollen den Betroffenen eine Stimme geben, statt nur den rhetorischen Strategien der Rechtpopulisten Raum zu bieten, die in den Medien in vielen Fällen unreflektiert aufgenommen werden.

Wer sich ein wenig herum hört, erfährt immer wieder von Begegnungen älterer Leute mit Asylsuchenden. Im Unterschied zur Aktiv-Generation haben viele Pensionierte Zeit (und oft auch Lust), sich auf Menschen einzulassen, die auf der Flucht vor Krieg, Repression oder Armut zu uns gekommen sind und hoffen, hier Asyl zu finden.

Staatliche Stellen und Hilfswerke bemühen sich, den Flüchtlingen Unterkunft und Betreuung zu gewähren und ein faires Asylverfahren zu garantieren. Auch Deutschunterricht, der eine entscheidende Rolle für ihre Integration in Gesellschaft und Arbeitswelt spielt, wird angeboten, sobald sie ein (oftmals nur vorläufiges) Bleiberecht erhalten. Dennoch sind diese Menschen, die in ganz andern Kulturen aufgewachsen sind, oft in einer schwierigen Situation. Zum Teil haben sie gute Kontakte zu Landsleuten in der gleichen Situation, aber zwischen ihnen und der einheimischen Bevölkerung gibt es eine unsichtbare Wand, die zu durchbrechen für beide Seiten – zumindest auf den ersten Blick – nicht einfach scheint.

Genau da können ältere Menschen, die sich für Fremde und Fremdes interessieren, spannende Erfahrungen machen. Sie brauchen nur den ersten Schritt zu wagen. Luzern60plus stellt den Leserinnen und Lesern in den kommenden Monaten ein paar Beispiele solcher Begegnungen vor.

  • Achmed möchte dazugehören
  • Porträt eines Afghanen, der seit drei Jahren in der Schweiz lebt, den Ausweis F hat und sich zu integrieren sucht.  (Siehe „Diverse Themen“ am 22. Oktober 2019)

 

  • Was ist eine «Tante»?  
  • Deutsch zu lernen ist für Flüchtlinge eine Pflicht: einige schaffen es mit grosser Hingabe, für andere ist es eine Qual. Doch viel hängt ab von den Umständen unter denen unterrichtet wird. Wir berichten von einem mehrjährigen Projekt, in dem Pensionierte (zwei Lehrpersonen, zwei Ärzte und ein Journalist) sowie Studierende der Uni Luzern mit eritreischen und afghanischen Flüchtlingen Deutsch trainieren und  ihnen auch  einiges über uns und unser Land vermitteln möchten. (Siehe „Diverse Themen“ am 9. November 2019)

 

  • Abraham wird es schaffen
  • Der eritreische Flüchtling und Familienvater lebt seit 2015 in der Schweiz. Er hat Deutsch gelernt und war von Anfang an motiviert, in der Langzeitpflege mit alten Menschen zu arbeiten. In zahlreichen Pflegeheimen hat er sich beworben, Dutzende Absagen, aber auch zweimal eine befristete Praktikumsstelle erhalten. Dank seinem Durchhaltevermögen nun endlich ein Erfolg: Er kann bei Viva Luzern eine zweijährige Lehre als Assistent Gesundheit und Soziales machen.

 

  • Nachteile für die berufliche Integration von Flüchtlingen
  • Der Kanton Luzern, respektive das Gesundheits- und Sozialdepartement unter Regierungsrat Guido Graf, hat dem Schweizer Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz  (SAH) den Leistungsauftrag zur beruflichen Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen gekündigt. Die neue Integrationsagenda Schweiz, die dem Kanton als Begründung dient, sieht jedoch vor, dass der Kanton die Umsetzung auch an lokale Stellen delegieren könnte. Das SAH macht auf seine Erfolgsgeschichte aufmerksam: Im vergangenen Jahr konnten 425 Stellen an Flüchtlinge vermittelt werden.  („Der Kanton schafft rücksichtslos neue Regeln“)

 

  • Ayawa ist mir ans Herz gewachsen
  • Ayawa ist Vreny Blum ans Herz gewachsen, als wäre das Mädchen ihr Enkelkind. Die Caritas Luzern betreut zahlreiche Projekte für Menschen in schwierigen Situationen. Eines davon ist das Patenschaftprojekt „mit mir“ für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, das sowohl einheimischen als auch Flüchtlingskindern offensteht. Dabei schenken Patinnen und Paten auf ehrenamtlicher Basis Kindern mindestens ein- bis zweimal pro Monat Zeit und Aufmerksamkeit. Auch zahlreiche Patinnen und Paten im 60plus-Alter engagieren sich im Projekt.