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BildGeschichte 03/2017

Der Milchwächter

Von Hans Beat Achermann

Es sind nicht nur Bilder, die in der Erinnerung haften bleiben, sondern auch Geräusche. Neulich hörte ich es plötzlich wieder in meinem Kopf, obwohl es fast 60 Jahre her sind, seit ich das Geräusch in der Wirklichkeit letztmals hörte: das Klappern des Milchwächters. Dass dieses runde Teil aus Porzellan „Milchwächter“ heisst, weiss ich allerdings erst seit 60 Sekunden, Wikipedia sei Dank. Wir nannten das runde Ding damals den „Klapperi“. Die Funktion des Klapperis war es, die  Milch kochende Person, meist also die Mutter,  vor dem Übersieden der Milch zu warnen oder genauer, mit dem klappernden Geräusch darauf  aufmerksam zu machen, dass der Siedepunkt knapp erreicht und dass es höchste Zeit war, die Pfanne von der  Herdplatte zu nehmen.  Ein wunderbares Haushaltgerät, das in seiner Einfachheit unübertroffen war.  Das Geräusch dieses an das Klappern des Storches erinnernden Milchwächters hat sich ins Gedächtnis eingebrannt, genau wie sich die Milch in die Herdplatte eingebrannt hat, wenn der Klapperi einmal vergessen ging oder überhört wurde und die Milch „übergelaufen“ war.
Für alle Physik-Liebhaber hier noch die Erklärung (auch aus Wikipedia), wie das Klappergeräusch entsteht: „ In dem Raum zwischen Topfboden und Wölbung wird der Siedepunkt der Flüssigkeit wegen unterbrochener Konvektion früher erreicht als im übrigen Topf. Dampf füllt diesen Raum, hebt die Scheibe an, entweicht nach oben und die Scheibe fällt zurück auf den Topfboden, wobei das Geräusch entsteht.“
Auf Wikipedia habe ich zudem weitere Namen für den Klapperi gefunden: In Schwaben wird er auch Klepperle genannt, bei uns in der Schweiz oft auch Milchklopfer. Und auf tutti.ch stand kürzlich für fünf Franken ein besonders schönes antikes Exemplar zum Verkauf, allerdings leicht beschädigt, dafür mit dem schönen, in Reliefschrift versehenen Namen: Überkoch-Verhüter.  Noch ein Name ist erwähnenswert: Auf einer Internetseite, die sich „Das Seniorenkaufhaus“ nennt und sich als „Partner für die Seniorenbetreuung und –versorgung“ anpreist, heisst der Klapperi „Milch-Sorgenbrecher“, ist aber zurzeit leider nicht lieferbar.

So, und nun geht’s ins Brockenhaus, denn morgen will ich es in der Küche klappern hören oder, wenn das so einfach geht, damit gleich noch alle andern Sorgen brechen.
(Bild Wikipedia)