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BildGeschichte 09/17:

Zeitreise dank Google

Von Hans Beat Achermann

Frühjahr 1974: In einem Kibbuz in Israel amüsieren sich ein paar junge Leute aus verschiedenen Nationen. Das Bild lag jahrzehntelang irgendwo in einem alten, ungebrauchten Luftpostcouvert – ja, diese seidendünnen hellblauen Umschläge, umrahmt mit roten und blauen Rauten, auf denen PAR AVION und AIR MAIL stand. Nach 42 Jahren kam es wieder in meine Hände, zusammen mit einem linierten blauen Schulheft, in welchem fein säuberlich die Adressen der damaligen Kibbuz-Volunteers aufgelistet waren. Verschiedenste Motive hatten uns zusammengeführt: Studienüberdruss, Liebeskummer, Patriotismus, Abenteuerlust u. a. Doch wer ist noch auf dem Bild, ausser dem Schreibenden?

Die schöne Amerikanerin rechts aussen, Therese aus Kalifornien, an ihren Namen erinnere ich mich. Jahre später, aber noch vor dem Internet, hat sie mal bei meinen Eltern angerufen, als sie in Luzern war, doch ich war gerade in Griechenland. François, der die braungebrannte Julie auf den Armen trägt, oder ist es Ann? Ich weiss es nicht mehr. An François erinnerte ich mich gut, wir hatten einiges zusammen unternommen, wir waren durch die frisch besetzten Gebiete gefahren in einem klapprigen Bus. Er war damals Medizinstudent in Paris, kurz vor dem Abschluss. Was noch vor zwanzig Jahren unmöglich gewesen wäre, macht Google möglich: herauszufinden, was aus Menschen geworden ist, die man Jahrzehnte zuvor getroffen und dann aus den Augen verloren hat. Ein paar Clicks später sah ich ihn, fand heraus, dass er mehr als zwanzig Jahre lang Chefarzt in Genf gewesen war. Würde er sich an mich erinnern, würde er mich auch googlen, wenn ich ihn an mich erinnern würde, mit einer Postkarte aus Luzern zum Beispiel.

Ich wagte den Versuch, die Zeitreise rückwärts zu machen, kramte mein Schul-Französisch hervor: Tu t’souviens de nôtre temps commun comme volontaires en Israel il-y-à 42 ans? Er erinnerte sich, mailte und schlug ein Wiedersehen vor, und als wir uns ein paar Monate später trafen, war es, als wäre die Zeit kurz stehen geblieben.  Zwei Rentner mit sehr unterschiedlichen Biografien, aber einer gemeinsamen Erinnerung. Wir verbrachten dann zu viert einen Nachmittag, zwei Paare zwischen 60 und 70, das Schulfranzösisch war noch schlechter geworden, mit Englisch ging’s besser, der Wein half dabei, die Sprachhemmungen zu überwinden, und bald war die Stimmung so locker wie auf dem Bild von 1974 und es schien, als wäre die Zwischenzeit auf einen Punkt geschrumpft.

Hans Beat Achermann (1947) arbeitete bis zur Pensionierung als Berufs- und Laufbahnberater. Vorher war er als Lehrer, Korrektor, Lektor und Journalist (LNN, Regionaljournal) tätig. Er ist in der Redaktionskommission der Seite www.luzern60plus.ch und beim Forum Luzer60plus aktiv.