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Das Alter von Politikerinnen und Politikern:
Frappante Unterschiede Schweiz und USA

Von Cécile Bühlmann

Wir erleben gerade einen sehr hässlichen Wahlkampf in den USA, voller Diffamierungen, Lügen und Intrigen. Das ist aber nicht das einzig Auffällige an diesem Wahlkampf. Ich finde das Alter der Kandidierenden absolut bemerkenswert: Donald Trump ist 70 Jahre alt, Hillary Clinton 69. Bernie Sanders, der lange im Rennen um die demokratische Kandidatur mithielt und bei den jungen Wählerinnen und Wählern sehr grossen Zuspruch fand, ist sogar 75 Jahre alt.

Ein Blick in den amerikanischen Senat zeigt, dass von 100 Mitgliedern 40 über dem Pensionsalter 65 sind, ein Drittel ist sogar älter als 70 und 8 Senatoren sind älter als 80 Jahre alt. Ein Vergleich mit dem Schweizer Ständerat zeigt, dass es hier völlig anders ist. Von den 46 Ständeratsmitgliedern sind nur zwei knapp im Pensionsalter, der Baselbieter Claude Janiak mit Jahrgang 1948 ist der Älteste, dann gibt es noch den Zuger Joachim Eder, der diesen November ins Pensionsalter kommt. Alle andern sind jünger, der Jüngste Ständerat ist sogar erst 32 Jahre alt, der Luzerner Freisinnige Damian Müller. Es scheint heute in der Schweiz ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass, wer ins Pensionsalter kommt, in der Politik nichts mehr zu suchen hat.

Auch unsere Landesregierung besteht mit einer Ausnahme aus Leuten, die noch nicht im Pensionsalter sind. Ueli Maurer ist der einzige, der dieses mit 66 Jahren knapp überschritten hat, alle andern sind darunter, Alain Berset ist sogar erst 44 Jahre alt. Über den quasi fälligen Rücktritt der Zweitjüngsten, Doris Leuthard, wird heftig spekuliert. Im Tagesanzeiger wird als Nachfolger bereits der Luzerner Ständerat Konrad Graber gehandelt. Sein Handicap ist, dass er dann mit 60 Jahren nicht mehr der Jüngste sein würde.

Ein Blick ins noch aktuelle 23-köpfige amerikanische Kabinett zeigt auch hier ein anderes Bild: Praktisch die Hälfte ist über 60 Jahre alt, drei Mitglieder sind sogar älter als 70. Das erklärt auch, dass das Alter der Kandidatin und des Kandidaten für das Präsidentschaftsamt in den USA kaum ein Thema zu sein scheint.

Warum das in der Schweizer Politik so anders ist als in den USA, ist mir nicht klar. Auf jeden Fall kontrastiert es auffällig mit der Forderung um das Heraufsetzen des Rentenalters. Auch die Lebenserwartung kann es nicht sein, im Gegenteil! In den USA liegt diese nämlich tiefer als in der Schweiz, bei Männern bei 76,9 und bei Frauen bei 81,6 Jahren. In der Schweiz ist sie bei Männern 81,3 und bei Frauen 85,3 Jahre.

Ich kann also nur spekulieren, was die Gründe für diesen auffälligen Unterschied sein könnten. Ich denke, dass es mit dem Milizsystem zu tun hat, welches dazu beiträgt, dass Politikerinnen und Politiker selten ein ganzes Leben lang in der Politik verbringen, sondern dass dies eine Phase in ihrer ganzen Biografie ist. 12-jährige Amtsdauern sind hier eher die Regel als die Ausnahme. Interessant wird es sein, was aus den Leuten wird, die in letzter Zeit sehr jung ins nationale Parlament gewählt worden sind. Für sie ist das nicht der krönende Abschluss einer politischen Karriere, sondern quasi der Einstieg. Was tun sie mit 40, 50, wenn sie schon ein oder zwei Jahrzehnte in Bern politisiert haben? Damit haben wir in der Schweizer Politik noch keine Erfahrung.

Eine weitere Erklärung für die langen Amtsdauern in den USA mag möglicherweise der enorme Einsatz von Geld in amerikanischen Wahlkämpfen sein, der es Newcomern fast unmöglich macht, ins System hineinzukommen.

Ich denke eher nicht, dass wir hierzulande einem Jugendwahn frönen und die USA nicht. Aber ich finde, es ist eine interessante Frage, warum wir als Land, welches nach Japan die höchste Lebenserwartung der Welt hat, keine Politikerinnen und Politiker im Seniorenalter wollen.
20. 10. 2016

Zur Person
Cécile Bühlmann, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und Vizepräsidentin der Gesellschaft
Minderheiten Schweiz GMS. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.