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René Fuhrimann verabschiedet sich von Vicino Luzern.

"Ich gehöre jetzt zum alten Eisen"

Von Beat Bühlmann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Er hat sich im Wärchhof und im Sentitreff stark engagiert und in den letzten fünf Jahren das Projekt Vicino massgeblich geprägt. Nun verabschiedet sich René Fuhrimann von der soziokulturellen Arbeit in Luzern und wechselt zu einer Baugenossenschaft nach Zürich.

Der Luzerner Stadtrat schlägt dem Parlament mit seinem Bericht „Quartierarbeit für ältere Menschen" vor, mit dem Verein Vicino Luzern eine Leistungsvereinbarung zu schliessen und ihn mit 400 000 Franken jährlich zu unterstützen. Vicino Luzern unterstützt ältere Menschen im Quartier, fördert Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit und vernetzt die verschiedenen Akteure im Altersbereich. Mit der neuen Leistungsvereinbarung, die am 6. Juni im Grossen Stadtrat behandelt wird, kann Vicino zwei neue Standorte im Würzenbach und in Littau eröffnen. Dem Verein Vicino gehören derzeit über 30 Institutionen und Geschäfte an, unter ihnen auch das Forum Luzern60plus. Geschäftsleiter war in der Aufbauphase René Fuhrimann.

Du hast dich mit Herzblut beim Projekt Vicino engagiert, nun hörst du unversehens auf. Warum?
Fuhrimann: Es ist der richtige Moment zum Aufhören. Die Aufbauphase ist abgeschlossen, nach fünf Jahren intensiver Arbeit ist das Projekt aufgegleist. Vicino Luzern hat sich etabliert, die Organisation steht, weitere Standorte stehen in Aussicht, die Finanzierung ist gesichert - falls das Stadtparlament am 6. Juni zustimmt. Ich brauche eine Luftveränderung, und Vicino kann mit neuen Kräften in die nächste Phase starten.

Was war die spezielle Herausforderung bei diesem innovativen Projekt?
Fuhrimann: Die Kommunikation. Wir haben mit über 30 Organisationen eine Vereinsstruktur aufgebaut. Sie alle haben einen Bezug zum Alter, der demografische Wandel war ja der Motor für das Projekt. Doch will eigentlich niemand alt sein. Wenn wir mit den älteren Leuten in Kontakt kommen und ihr Vertrauen gewinnen wollten, konnten wir nicht mit dem Thema Alter einfahren.

Wie habt ihr das Dilemma gelöst?
Fuhrimann: Wir haben das Projekt für alle ausgeschrieben. Die sorgende Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn alle Generationen angesprochen werden. Zudem verfolgt Vicino einen präventiven Ansatz. Ältere Personen sollen im Netzwerk mitmachen, möglichst schon nach der Pensionierung, wenn sie sich noch gut einbringen können. Wenn sich jemand völlig zurückgezogen hat und vereinsamt ist, ist die soziale Integration viel schwieriger. Ein Leben im eigenen Quartier ist dann kaum noch möglich, als Ausweg bleibt noch die Institution.

Wärst du bei Vicino auch eingestiegen, wenn du gewusst hättest, was auf dich zukommt?
Fuhrimann (zögert mit der Antwort): Eine Superfrage, ich weiss es nicht. Es war anstrengend, vor allem der politische Prozess. Viele Personen waren beteiligt, sie sorgten für eine hohe Dynamik und auch für Widerstand.

Hat sich der Einsatz gelohnt?
Fuhrimann: Unbedingt! Das Konzept überzeugt mich total. Wir haben mit unserem Modell etwas Neues entwickelt, verdrängen nicht bereits Bestehendes. Wir sind Vermittler zwischen den Personen im Quartier und den Institutionen; das Intermediäre ist der Kern von Vicino Luzern. Wir vermitteln Dienstleistungen und stehen somit nicht in Konkurrenz zu anderen Anbietern. Wir verknüpfen die Nachbarn und die Netzwerke, helfen die Ressourcen aller zu erschliessen. Wenn alle zusammenarbeiten, ist es auch besser möglich Doppelspurigkeiten zu vermeiden und allfällige Lücken zu schliessen; so funktioniert eine integrierte Versorgung.

Wie sieht Vicino in fünf Jahren aus?
Fuhrimann: Bis dann hat Vicino Luzern vermutlich fünf Standorte entwickelt, später sind es vielleicht einmal deren zehn. Entscheidend ist, dass keine Ghettos mit alten Leuten entstehen, sondern verteilt über die Stadt Caring communities, sorgende Gemeinschaften, mit intergenerativen, durchmischten Nachbarschaften da sind.
Gab es für dich während der Aufbauarbeit besondere Begegnungen?
Fuhrimann: Unzählige! Ältere Frauen und Männer sind für mich Vorbilder. Sie haben mich mit ihren Lebensgeschichten beeindruckt, auch wie sie im höheren Alter den Alltag bewältigen. Zum Beispiel der letzte Tramführer der Stadt Luzern, bald 100-jährig, der noch immer zum Jassen in den Pavillon kommt. So möchte ich auch alt werden. Mein grösstes Vorbild ist allerdings mein Vater. Er ist jetzt 85 Jahre alt und geht nächstens allein auf eine Schifffahrt von Moskau nach Sankt Petersburg.

Du bist inzwischen gut 50 Jahre alt. Merkst du, dass du älter wirst?
Fuhrimann: Ich habe einmal bei der Jugendarbeit angefangen und entwickle mich jetzt! (lacht) Es ist ein Kreis, der sich schliesst. Die Jugendlichen erweitern ihren Raum, für die Älteren nimmt der Raum, in dem sie sich bewegen, eher ab. Und klar: Langsam bekomme ich auch das eigene Älterwerden in den Blick, in neun Jahren bin ich sechzig. Was heisst das für mich?

Ist das beängstigend? Du warst immer mit der jungen Szene verbunden...
Fuhrimann: Schon lange nicht mehr so intensiv. Wenn ich mich mit meiner 19-jährigen Tochter vergleiche, muss ich sagen: ich gehöre jetzt zum alten Eisen. Die bewegten früheren Zeiten waren cool, aber ich bin ganz zufrieden, wie es jetzt ist.

Du hast Gerontologie studiert, was hat das dir gebracht?
Fuhrimann: Sehr viel. Es war eine Vertiefung der Praxis auf der wissenschaftlichen Ebene. Da werde ich dranbleiben, weil ich die Fragen, die sich mit der alternden Gesellschaft stellen, sehr spannend finde. Zum Beispiel das Intergenerative, das Wohnen mit Dienstleistungen. Oder die Stärkung der ambulanten Palliative Care, die uns ermöglicht, zu Hause Abschied zu nehmen.

Das Wohnen in der Stadt droht zu einem Luxus zu werden, vor allem für nicht so betuchte ältere Personen. Was ist zu tun?
Fuhrimann: Ich komme soeben von einer Tagung in Berlin zurück, die Wohnungsnot in der Stadt ist ein brisantes Thema. Die Stadt muss mehr Instrumente in die Hand bekommen, um auf dem Wohnungsmarkt korrigierend eingreifen zu können. In Berlin kann sie das etwa mit einem Vorkaufsrecht bei Handänderungen tun. Luzern ist nicht mit Berlin zu vergleichen, von einer Enteignungsinitiative ist hier ohnehin nicht die Rede. Aber Luzern muss mehr tun, um günstigen Wohnraum zu erhalten. Allenfalls müssen auch die Ergänzungsleistungen angepasst werden, damit sich alle gute Nachbarschaften leisten können.

Was unterscheidet die Soziokulturelle Animation bei Jugendlichen und bei Alten?
Fuhrimann: Unser Abschlussprojekt von 1995 am Ende der Ausbildung zum soziokulturellen Animator hiess „Zusammenleben im Quartier" und fand in der Neustadt statt. Am Thema hat sich also nicht viel geändert. Den Leuten zuhören, mit ihnen reden, sie ermutigen. Es herrschte damals eine unglaubliche Dynamik. Im Wärchhof ist enorm viel entstanden: etwa Fumetto, Radio3fach.

Muss man als Soziokultureller Animator auf ältere Leute anders zugehen?
Fuhrimann: Wesentlich ist der partizipative Ansatz. Wir wissen nicht besser als sie, was zu tun ist. Sie kommen nicht als Hilfsbedürftige zu uns, sie brauchen also keine Ratschläge. Wir müssen ihnen vor allem gut zuhören, Signale wahrnehmen. Vielleicht aufzeigen, wo gemeinsame Interessen mit anderen bestehen. Ob du Jugendlichen oder Alten begegnest, bleibt sich im Prinzip gleich. Unterschiede gibt es in der Biografie. Die Älteren haben viel mehr erlebt, Gutes und Schlechtes.

Wann ist soziale Teilhabe im Alter besonders schwierig?
Fuhrimann: Es gibt alte Leute, die sich zurückziehen und vereinsamen, die sich nicht auf ein soziales Netz abstützen können. Ich habe auch Situationen erlebt, die mir die eigene Ohnmacht aufzeigten und mich einfach traurig machten.

Der Anteil der älteren Personen mit Migrationshintergrund wächst. Wie sind sie sozial zu integrieren?
Fuhrimann: Ich habe kein Rezept, aber ein gutes Beispiel. Mit dem Castagnata-Marronifest konnten wir über 60 Personen der italienischen Community ansprechen, es war ein tolles Fest. Wir haben das zusammen mit Schlüsselpersonen dieser Bevölkerungsgruppe organisiert. So konnten wir deren Vertrauen gewinnen. Nur wenn ein Vertrauensverhältnis geschaffen werden kann, werden sich eher geschlossene Gruppen wie jene der Tamilen öffnen.

Anfang Juni startest du deine Arbeit in Zürich. Bleibst du in Luzern verwurzelt?
Fuhrimann: Ich wohne weiterhin in Luzern, werde nach Zürich pendeln. Das ist meine erste Stelle auswärts! Ich bin bei der Baugenossenschaft Glattal für den Fachbereich Zusammenleben zuständig. Es geht also weiterhin um Sozialraum und Nachbarschaft, ähnlich wie beim Projekt BaBeL und beim Sentitreff. Allerdings werde ich mich verstärkt mit Wohnen und Bauen befassen. Das wird eine spannende Herausforderung, denn in diesen Wohnsiedlungen leben viele Migranten und viele Kinder. Aber die bgz ist eine gestandene Organisation. Ich werde kein Geld beschaffen und keine neue Strukturen aufbauen müssen.

Zur Person
René Fuhrimann, Jahrgang 1968, ist an der Zähringerstrasse in Luzern aufgewachsen. Nach der Lehre als Bäcker-Konditor absolvierte er den ersten Kurs für Soziokulturelle Animation (1992-1995) und leitete während sieben Jahren das Jugendkulturzentrum Wärchhof. Danach arbeitete Fuhrimann während sieben Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Soziale Arbeit, bevor er ab 2003 den Sentitreff leitete und mithalf, das Projekt BaBeL aufzubauen. 2014 wechselt er zur Allgemeinen Baugenossenschaft abl, als Projektleiter Wohnen mit Dienstleistung für die Überbauung Himmelrich, aus der schliesslich der Verein Vicino Luzern hervorging. Auf den 1. Juni 2019 übernimmt Fuhrimann bei der Baugenossenschaft Glattal bgz, die über 2000 Wohnungen verfügt, den Fachbereich Zusammenleben.
16.5.2019
beat.buehlmann@luzern60plus.ch