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Yvonne Volken Foto: Joseph Schmidiger

"Der Welt den Rücken"

Ohne Radio und Fernsehen, ohne Zeitunglektüre - ist das der Weg aus Lethargie und Kümmernis? Ein kurzer Selbstversuch bringt die Erkenntnis, dass News-Diät sich kaum von News-Deprivation unterscheidet.

Von Yvonne Volken

Weil sie bis weit über beide Ohren verliebt waren, haben Franka und Heinrich von den grossen Schlagzeilen nichts mitbekommen, die Kubakrise verpasst und nicht gemerkt, dass die Welt am Rand des Abgrunds war. Jahre später sehen sich die Liebenden wieder, versinken erneut in einen kurzzeitigen Liebestaumel und verpassen dabei, dass die Berliner Mauer gefallen ist. "Der Welt den Rücken", heisst die Kurzgeschichte von Elke Heidenreich. Wenn wir sehr mit uns selbst beschäftigt sind, könnte die Welt also untergehen, ohne dass wir es bemerken. Wäre das schlimm? Franka, die Protagonistin zumindest zeigt sich erschrocken.

Der Nachrichten-Welt den Rücken kehren, das ist das einzig Vernünftige, was wir tun können, ja sollten, meint der Luzerner Bestsellerautor Rolf Dobelli in seinem aktuellen Buch "Die Kunst des digitalen Lebens - Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern". Der Autor schwärmt mir zunächst vor, wie gut es ihm geht nach 10 Jahren News-Verzicht: "Höhere Lebensqualität, klareres Denken, wertvollere Einsichten…". Seit 2010 hat Dobelli keine Tageszeitung mehr abonniert, keine Nachrichten im Radio gehört, keine Tagesschau gesehen und sich nicht mehr von Online-News berieseln lassen - und so viel Zeit gewonnen.

Als regelmässige News-Konsumentin, so erfahre ich im Buch, verschwende ich täglich bis zu 1 ½- Stunden mit dem Einsaugen von Informationen und Nachrichten, so dass ich aufs ganze Jahr hochgerechnet bis zu einem Monat Zeit verliere. Gegenwert gleich null. Im Gegenteil: Regelmässiger Newskonsum birgt eine ganze Reihe von höchst unangenehmen Nebenwirkungen, psychisch (Depression, Prokrastination, also Aufschieben von anstehenden Aufgaben), physisch (zu wenig Sport, Herumsitzen), ökonomisch (sowieso) grösste negative Nebenwirkungen, ist schädlich wie Zucker und macht dumm und denkfaul.

Darum verordne ich mir mal eine newsfreie Woche und lese dafür weiter in Dobellis Buch. Ich erfahre z.B., wie die Tagesschau aussehen würde, wenn sie persönlich relevante Themen des Autors enthalten würde: "Ein Zustandsbericht über die Familie, ein Rückblick auf die Dinge, die ich an diesem Tag hätte besser machen können, also eine Art Tageskritik. Einen Gesundheitscheck der Familie inklusive Blutwerten… Die körperlichen und geistigen Zustände meiner Freunde…".

Ich erfahre, dass Journalisten zwar zu den brillantesten Freunden gehören, die der Autor kennt und dass sie trotzdem arme Kreaturen sind und bleiben, falls sie sich nicht vom News-Journalismus verabschieden. Und ich nehme zur Kenntnis, dass anstelle der verdummenden Nachrichten, gepflegte Mittags-Dialoge unter gebildeten Freunden/Partner (Freundinnen? Partnerinnen?), geistige Anregung und zugleich Demokratie förderndes Mittel der Wahl sein könnten.

Nach sieben Tagen News-Diät aber ist Schluss. Ich habe zwar erst sieben Stunden News-Konsum-Verschwendung angespart und bereits zeigt sich, ich finde es überhaupt nicht schwierig, nicht informiert zu sein! Bei meiner Rückkehr in die Welt der News vor ein paar Tagen, stosse ich gleich auf die folgende Schlagzeile: "Jeder Dritte leidet unter Newsarmut". Der Befund, so lese ich in der News-App von srf.ch, die das Jahrbuch "Qualität in den Medien" resümiert, sei alarmierend. 36 Prozent der Menschen in der Schweiz informierten sich kaum über das politische und wirtschaftliche Geschehen. Noch deutlicher, nämlich bei über 50 Prozent, sei die Newsarmut bei jungen Menschen. Diese grosse Gruppe der sogenannten News-Deprivierten sei dafür umso intensiver in den sozialen Medien unterwegs, informiere sich nur noch über Twitter, Instagram oder Facebook. Die meisten Deprivierten foutierten sich über die Herkunft der News, die sie konsumieren.

Twitter & Co. statt srf, NZZ & Co. Handelt es sich bei der Deprivation um eine selbst gewählte Enthaltsamkeit, um den hilflosen Versuch, sich an der riesigen Nachrichtenflut vorbei zu klicken, um dort zu landen, wo die Welt voll persönlicher Relevanz ist? Ist die Deprivation vielleicht sogar eine zeitgemässe Form der News-Diät. Auf solche Fragen findet sich in Rolf Dobellis Buch, Erscheinungsjahr 2019, keine Antworten. Es ist ein Ratgeber-Buch, geschrieben im Geist der Nuller-Jahre, für eine Generation, die mit den "Nachrichten der Depeschenagentur", dem "Echo der Zeit", der "Tagesschau", den "Luzerner Neusten Nachrichten" erwachsen geworden ist.

Das Buch basiere auf einem Artikel, den er vor zehn Jahren geschrieben habe, erklärt der Autor. Und weil er seit 2010 in rigoroser News-Diät lebt, kennt er - nach eigenem Bekenntnis - die Welt jener nicht, die als "News-Deprivierte" auch eine Art News-Diät halten. Was nun? Als regelmässige Nachrichten-Konsumentin bin ich wahrscheinlich tatsächlich in einer Dauerdepression und so fallen mir als Moral von der Geschichte ausgerechnet die Schlusszeilen einer Ballade des Berner Troubadours Fritz Widmer ein: "I wett nid grad säge, dass d` Wäut verbrönnt, wäretdäm mir no jutze, aber si chönnt... (aus "Ballade vo dr Houptüebig vo dr Fürwehr vo Oberglunggewil").
23. Oktober 2019

Zur Person: 
Yvonne Volken, geboren 1956, hat alle zehn Jahre ihr Berufsfeld radikal verändert, arbeitete als Buchhändlerin, als Journalistin, als Projektleiterin bei der Stadt Luzern, als Literaturveranstalterin und gegenwärtig als Klassenassistentin an einer Primarschule. Ihr ursprünglicher Berufswunsch, Missionarin in Indien, ging nicht in Erfüllung. Heute stellt sie fest: Missionieren kann frau eigentlich überall.