site.php

site_theme_paths.php

 

Diskretes Jubiläum

Von Judith Stamm

Der Buchtitel ist mit dem Zusatz versehen: "...... – noch immer?" Und diese Frage beantwortet die 28-jährige Journalistin Anne-Sophie Keller in einem eigenen ersten Teil des neu aufgelegten Buches. Dabei hält sie sich an die Reihenfolge der Themen, wie sie auch Iris von Roten in ihrem Buch "Frauen im Laufgitter" als Inhaltsverzeichnis verwendete (siehe weiter unten).

Mein eigener Erfahrungshintergrund ist ja geprägt von den Stationen der erreichten und nicht erreichten Gleichstellung der Frauen. Das Trauma meiner ersten Session im Nationalrat im Dezember 83 war die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen zur Bundesrätin. Dabei "gehörte" der Partei der Sitz, und sie war offizielle Kandidatin. Ebenso beeindruckend waren dann die letzten Beratungen zum Eherecht, das Referendum dagegen und der erfolgreiche Abstimmungskampf 1985. Und so ging es  weiter bis zu meinem Rücktritt 1999. Die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen gab 1990 unter meinem Präsidium die Studie: "Nehmen Sie Platz, Madame" über die politische Partizipation der Frauen in der Schweiz heraus. Meine Vorgängerin, Lili Nabholz, hatte dieses Werk in die Wege geleitet.

Die Ausführungen von Anne Sophie Keller wirken auf mich wie ein Feuersturm. Ich schnappe nach Luft und denke: „Wow, da ist eine ganz neue Generation von "Aktivistinnen" – das ist wohl die aktuelle Bezeichnung – am Werk. Und sie sind weltweit vernetzt. Was wir erkämpften, ist selbstverständlich geworden. Aber siehe da, das Feld ist noch nicht definitiv abgesteckt. Es liegen noch unbearbeitete Flächen vor uns. Und immer wieder werden von der jungen Journalistin Sachverhalte ausgebreitet, die ich 2017 gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. Mein Fazit: auch bei der Weiterentwicklung einer Gesellschaft bleiben einige Grundfragen immer dieselben. Und müssen zwischen Frau und Mann immer wieder neu ausgehandelt werden.

Aber nun zu Iris von Roten. Wie ich festgestellt habe, ist dieser Name und die Sache, für die er steht, im Gegensatz zu früheren Jahren, gar nicht mehr Teil unserer "Allgemeinbildung". Iris von Roten wurde 1917 in Basel geboren und stammte aus einer gutsituierten Familie. Sie studierte Rechtswissenschaften und schloss die Studien 1941 mit dem Doktortitel ab. Damals noch keine Selbstverständlichkeit! Sie arbeitete in der Folge als Redaktorin des "Schweizer Frauenblatt". 1946 heiratete sie Peter von Roten, ebenfalls Jurist, und aus einer angesehenen Walliser Familie stammend. Gemeinsam eröffneten die beiden im Wallis eine Anwaltskanzlei.

1958 veröffentlichte Iris von Roten ihr Buch: "Frauen im Laufgitter". Den Inhalt des Buches von Iris von Roten skizziere ich anhand der von ihr gewählten Kapitelüberschriften: Da heisst es, in chronologischer Reihenfolge: "Weibliche Berufstätigkeit in einer Männerwelt. Wie es der Frau in der Liebe und ihrem Drum und Dran ergeht. Mutterschaft – Bürde ohne Würde. Haushaltfron – der Liebe Lohn. Ein Volk von Brüdern ohne Schwestern". Mit diesem Buch besiegelte sie ihre Rolle als Vordenkerin des Feminismus in der Schweiz, aber ebenso auch als damals weitherum abgelehnte Autorin, die mit ihren Ideen "zu früh kam". Heute ist das Buch ein Standardwerk. Es kann verglichen werden mit "Das andere Geschlecht" von Simone de Beauvoir, 1949 erschienen. Und mit "Der Weiblichkeitswahn", von Betty Friedan, herausgekommen 1963. Ich denke, wir benötigen kein besonderes Vorstellungsvermögen, um zu erkennen, wie explosiv dieses Buch von Iris von Roten in der damaligen Zeit wirkte. Ein Jahr vor der eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimmrecht 1959!

Yvonne – Denise Köchli versteht es in ihrer neu aufgelegten Biografie: "Eine Frau kommt zu früh – noch immer?" meisterhaft, uns den Menschen Iris von Roten nahe zu bringen. Sie als weitsichtige, hochintelligente aber auch sehr verletzliche Persönlichkeit zu schildern. Die in ihrem Mann, Peter von Roten, einen in allen Situationen verlässlichen und unterstützenden Partner hatte.

Vieles berührt uns in diesem Buch. Mir hat es vor allem das neunte Kapitel über "Die Malerin" angetan und darin jene Episode mit den sibirischen Schwertlilien. Iris malt sie, sorgfältig in eine Vase eingestellt, stundenlang.  Nach einiger Zeit will sie auf dem Markt Ersatz für die verwelkten Blüten kaufen. Aber dieselbe Sorte ist erst nächstes Jahr zur selben Zeit wieder zu haben. Iris räumt das angefangene Werk weg. "Jetzt muss ich halt ein Jahr warten, bis ich weitermalen kann", erzählt sie ihrem Ehemann.

Und auf S. 301 macht uns Yvonne Denise Köchli auch mit dem prophetischen Blick einiger Mitglieder der Sektion Uster des Frauenstimmrechtsverbandes bekannt. Sie attestieren dem damals skandalisierten Werk von Iris von Roten "visionären Charakter" und sagen voraus, "dass der einzigen Schweizer Suffragette wohl irgendwann ein Denkmal gesetzt werde".

Und, das Herz lacht mir im Leibe, genau das ist geschehen! Im Rahmen der Aktion Woodvetia der Schweizer Holzindustrie wurde am 2. April 2017 in Basel im botanischen Garten auch eine Skulptur von Iris von Roten enthüllt. Soll ich schreiben: "endlich"  oder "immerhin?" Nein, ich schreibe, "das freut mich uneingeschränkt!".

 

Anne-Sophie Keller/Yvonne-Denise Köchli: „Iris von Roten. Eine Frau kommt zu früh – noch immer?“ Xanthippe-Verlag 2017. ISBN 978-3-905795-55-4

 

Iris von Roten: „Frauen im Laufgitter“. 6. Aufl. eFeF-Verlag 2014.

ISBN 3-905493–21-7

 

Zeitschrift „Frauenfragen“ der EKF vom November 17 enthält unter dem Thema „Vorbilder“ auch Beiträge zu Iris von Roten. Erscheint am 13. Nov. 17 (bestellbar unter www.ekf.admin.ch)

 

NB. Die Skulptur von Iris von Roten wird vom 19.11. – 15.11.17 mit der ganzen Gruppe der Figuren von Woodvetia auf dem Waisenhausplatz in Bern ausgestellt werden.

 

Zur Person Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 – 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 – 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 – 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 – 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.