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Fast nur positive Reaktionen auf Kirchenaustritt

Von Cécile Bühlmann

Zusammen mit fünf anderen Frauen habe ich öffentlich bekannt gegeben, dass ich aus der katholischen Kirche austrete. In unserer gemeinsamen Begründung haben wir geschrieben, dass wir schon seit langem gerungen hätten, ob wir als Feministinnen, die sich für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einsetzen, einer Institution angehören können, die diese Rechte mit Füssen tritt. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte schliesslich Papst Franziskus' Aussage, eine Abtreibung sei wie ein Auftragsmord. Was uns diesen Schritt erleichtert hat, ist die Tatsache, dass sich keine offizielle Stelle der Katholischen Kirche der Schweiz von der Aussage distanziert hat, und dass niemand verlauten liess, man verlange vom Papst eine Entschuldigung für diese schockierende Aussage.

Nachdem die ersten Medien unseren Austritt kommuniziert hatten, folgten die Reaktionen auf dem Fuss. Wir wurden alle mit Mails und Telefonanrufen überhäuft, in denen der Haupttenor lautete: wir verstehen euren Entscheid sehr gut, wir hadern aus den gleichen Gründen wie ihr mit dieser römisch-katholischen Kirche! Einige folgten unserem Beispiel und traten auch aus. Andere schrieben uns von ihrem Dilemma, nicht gehen zu können, weil sie der lokalen katholischen Kirche sehr verbunden seien oder in deren Umfeld arbeiten würden und dass diese doch so viel Gutes tue. Das kann ich nur bestätigen. Wir haben in unserer Pressemitteilung ja auch geschrieben, dass wir unserer Ortskirche mit ihren sozialen Engagements weiterhin verbunden blieben und dass unsere bisherigen Kirchensteuern als Spende direkt diesen oder anderen sozialen Projekten zugutekommen sollen.

Andere Reaktionen lauteten: wir sind traurig, dass ihr geht, denn ihr lasst uns im Stich! Und wir bräuchten euch doch als Mitstreiterinnen, um diese Männerkirche von unten und von innen zu erneuern. Es sei schade, dass wir nicht mit ihnen zusammen diesen Weg weitergehen würden.
Jemand meinte, dass diese Hoffnung auf Veränderung illusorisch sei und er fürchte, dass sich nach unserm Entscheid so manche Herrschaften eine Flasche vom Besseren aus dem Keller bringen liessen…

Eine Anruferin schildert mir ihr Leid, weil sie ein Kind mit einem Priester gehabt habe, der nie dazu gestanden und im Amt geblieben sei, und wie die Kirche bis heute alles vertusche.

In den Medien fand unser Schreiben beachtlichen Widerhall. Jonas Projer wollte sogar die Arena vom Freitag unserem Kirchenaustritt widmen. Wir fanden aber, dass dieses Sendegefäss ungeeignet sei für eine seriöse und nichtpolemische Auseinandersetzung mit dem Thema.

Was auch interessant ist: Es gab nur wenige negative oder böse Reaktionen. Sie wurden von Abtreibungsgegnern geschickt, ausschliesslich Männer.

Ein anderer Mann schrieb: Ich bin traurig. Auch darüber, dass ausgerechnet dieser Papst der letzte Auslöser für den Austritt war. Warum nur bringt es kein Bischof fertig laut zu sagen: „Bruder Franziskus, mit dem Abtreibung-Auftragsmord-Vergleich hast du dich gewaltig im Wort vergriffen, eine Entschuldigung wäre dringend geboten!“ Das ist bis heute nicht geschehen!

Ich bin sicher, dass dieses Schweigen kein Zufall ist: die Frauenfeindlichkeit hat in der römisch-katholischen Klerikerkirche seit Jahrhunderten System.
28. November 2018

cecile.buehlmanna@luzern60plus.ch

Zur Person
Cécile Bühlmann, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht und von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz. Sie ist Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS und regelmässiger Gast in der Freitagsrunde von SRF4 News. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.