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Heidi Müller

Heidi Müller, seit gut einem Jahr in Pension.

Vom Tod viel für das Leben gelernt

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Sie war Lukas-Pfarrerin, Seelsorgerin und Leiterin Fachbereich Theologie und Diakonie. Seit gut einem Jahr geniesst Heidi Müller die neue Freiheit – und bleibt weiterhin engagiert, wenn auch mehr selbstbestimmt.

Ich erreiche sie leicht atemlos am Handy auf einer Wanderung im Safiental, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Im abgelegenen Bündner Seitental, in Zalön, verbringt Heidi Müller zusammen mit ihrem Mann ein Drittel Jahreszeit in einem 300jährigen Bauernhaus: eine neue Erfahrung, seit sie vor einem guten Jahr mit 59 in Pension ging. Doch jetzt, beim Interviewtermin in Luzern drei Wochen später, ist der Schreibende vorerst mal am „Schnaufen“. Die steile Salzfasstreppe hinauf steigen geht in die Beine. Doch oben wartet Belohnung: eine grossartige Aussicht über das Luzerner Seebecken, darüber ein paar Nebelbänke, durch welche ein mattes Herbstlicht scheint, und es wartet ein Apfelkuchen, frisch gebacken von Heidi Müller. „Auch zum Backen finde ich jetzt Zeit“, sagt sie gleich zur Begrüssung. Von der Zeit, vom Zeit haben und der damit verbundenen neuen Freiheit wird noch viel die Rede sein im anderthalbstündigen Gespräch.  

Alles überschaubar

„Schon meine Eltern hatten kaum Zeit für uns“, schaut sie zurück in die Kinderjahre. Wenn sie von ihrer Kindheit und Jugend in den sechziger und siebziger Jahren im bernischen Diessbach erzählt, werden Erinnerungen an Jeremias Gotthelf wach, den schreibenden Emmentaler Pfarrer Albert Bitzius, als hätte sich in den 200 Jahren seither wenig verändert. Heidis Vater ist Lohnkäser in einer Genossenschaftskäserei, dazu gehört ein Molkereiladen, ein kleiner Betrieb mit drei Angestellten in der Chäsi, im Laden und im Haushalt. Und selbstverständlich muss Tochter Heidi überall mithelfen so wie auch die Mutter überall anpackt. Zur Familie gehören noch zwei jüngere Brüder. Die Kirche steht vis-à-vis, das Schulhaus, die Rechenmacherei, die Beizen, die Bäckereien, die Metzgereien – alles in Sichtweite. Eine kleine Dorfwelt mit 600 Einwohnerinnen und Einwohnern, und mit Ausnahme des linken Pfarrers alle stramm in der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB, der Vorgängerin der SVP. Die Frauen hatten wenig zu sagen in der Öffentlichkeit, doch wer genau hinschaute wie Heidi, sah auch in Diessbach Rollenbilder wanken: Der Pfarrer trug sein Kind im Snuggly, die Pfarrersfrau war nicht nur Hausfrau, sondern Sozialarbeiterin. 

Ausbruch aus der Dorfenge

„Käse ass ich bis 40 keinen“, lacht Heidi, der Vater konnte das nicht verstehen, sowenig er verstehen konnte, dass Heidi ins Gymnasium in der Stadt übertreten wollte. Denn in Biel lauerten angeblich Gefahren: Kommunismus,  Drogen, Sex. Es brauchte einen engagierten Lehrer, der die Eltern überzeugen konnte, dass Heidi nach Biel in „den Gymer“  gehen durfte. Sie war dann das erste Mädchen aus Diessbach bei Büren, das ins Gymnasium ging. Nach einem Berufswunsch gefragt, antwortete sie: Auslandkorrespondentin, obwohl sie keine Ahnung hatte, was das war. Vielleicht der verborgene Wunsch hinauszugehen aus der Enge, auszubrechen aus der Dorfidylle. „Einerseits war es schön, in dieser Dorfgemeinschaft zu leben, anderseits war es doch sehr eng“, schaut Heidi zurück. Ab Plattenspieler hörte sie Tinu Heiniger singen: „Mängisch fägt’s no.“ Doch ausser bei der Jungen Kirche fegte es nirgends. „Es war zuhause immer ein Chrampf, und bei den Jungen bin i usegheit.“ Ein Mai-Tannli gab es für sie nie, das Zeichen, das die männlichen Dorfjugendlichen den Angebeteten vors Fenster stellten.

Nahe bei den Menschen

Nach der Matura und einem halbjährigen Praktikum in der Psychiatrie machte sie in Solothurn eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und zur Sozialpädagogin. Es folgten Stellen als Gemeindehelferin in Muri-Gümligen, dann in Littau-Reussbühl. „Es hat sich immer nahtlos ergeben“, sagt Heidi Müller. Da untertreibt sie doch etwas, denn sie hat sich permanent weitergebildet, liess sich unter anderem auch noch zur Katechetin ausbilden, und mit 33 beschloss sie, Theologie zu studieren. Schon immer hatten sie „die letzten Fragen“ interessiert, doch Pfarrerin wollte sie nicht werden. Sie büffelte Hebräisch und Griechisch, studierte in Zürich Theologie, arbeitete daneben bei der Fachstelle Feministische Theologie. Mit 40 wurde sie ordiniert, tags darauf trat sie eine Stelle als Verweserin an der Lukaskirche an, ein Jahr später wurde sie zur Pfarrerin gewählt im vorerst 50%, später 70%-Pensum. Sie war fasziniert von der Vielseitigkeit der Aufgaben: Die Nähe zu den Menschen, und darüber hinaus die Berührung mit den Lebensfragen, mit den Sinnfragen und mit dem Tod. „Ein Teil ist Seelsorge, individuelle Begleitung, Teilhabe an Schicksalen und an Nöten, aber auch an Freuden. Der andere Teil meiner Arbeit bestand eher aus Planungsaufgaben, von Baukommissionen bis zum Verfassen von Predigten, aber auch von Organisationsreformen.“ So war sie auch an der Zusammenführung der drei Luzerner Teilkirchgemeinschaften beteiligt – in ihrer Funktion als Koordinatorin des Stadtkonvents und Lukas-Teams.

Endlich mehr Privatleben

„Ich habe es keinen Moment bereut, Pfarrerin geworden zu sein“, sagt sie. Jetzt, ein Jahr nach der vorzeitigen Pensionierung, geniesst sie die neue Freiheit. „Pfarrerin sein heisst auch, immer unter Beobachtung zu stehen, immer erreichbar zu sein, immer für andere da zu sein. Das ist schon auch ein grosser Druck. Mein Privatleben kam in diesen Jahren viel zu kurz“, resümiert sie, die sich selbst als Perfektionistin bezeichnet. Seit acht Jahren ist sie zum zweiten Mal verheiratet. Doch auch in der gewonnenen Freiheit ist die Zeit immer noch knapp. Nichtstun ist für Heidi schwierig. Sie ist weiterhin engagiert in Projekten und Arbeitsgruppen und im Kurswesen. Seit vielen Jahren bildet sie bei der Caritas Sterbebegleiterinnen und -begleiter aus, sie betreut mit andern Frauen zusammen ein Spitex-Projekt in Bosnien, sie aktualisierte ihre Kursunterlagen zum Thema Sterbebegleitung, sie reiste nach Usbekistan und sie geht wenn immer möglich täglich wandern, sie freut sich, gemeinsam mit ihrem Mann zu kochen – und Zeit haben zum Lesen. Sie ist auch Mitorganisatorin der Gesprächsreihe „L‘ Après-midi“ (siehe Hinweis am Schluss dieses Textes).

Sterben als Lebensthema

Bald wird sie wieder in eine Schweigewoche gehen, bei sich und für sich da sein. Das sind die zwei Seiten von Heidi Müller: Da sein für andere, für die Seelen der andern, und da sein für die eigene Seele beim Schweigen und Meditieren.  Und dann sagt sie noch: „Meine Werthaltungen haben sich im Laufe meines Lebens kaum verändert.“  Rituale haben sie schon immer fasziniert, und auch das Interesse für den Tod und das Sterben begleiten sie schon seit Jahrzehnten: „Beim Thema Sterben habe ich am meisten übers Leben erfahren.“  Schon ihre Maturalektüre beschäftigte sich mit einem Buch von Elisabeth Kübler-Ross. Der Luzerner Totentanz auf der Spreuerbrücke ängstigt sie nicht, das Memento mori, die Erinnerung an die Endlichkeit animiert sie, auch die restliche Lebenszeit sinnvoll auszufüllen, sich weiterhin für andere einzusetzen, „denn die Frage, wie unsere Gesellschaft mit den Schwachen umgeht, ist keine theologische, sondern eine politische und praktische.“  Sie lässt sich noch Zeit, herauszufinden, wie und wo sie sich vermehrt einbringen will. Irgendetwas Kleinräumiges und Direktes wird es wohl sein, denn „das Dorfleben blieb mir immer irgendwie im Blut, auch als Pfarrerin erlebte ich die Gemeinde als überschaubares Dorf.“
 29. Oktober 2018
hansbeat.achermanan@luzern60plus.ch

Veranstaltungshinweis „L’Après-midi“:
Mittwoch, 14. November 2018, 15 Uhr, Ref. Gemeindehaus Würzenbach, Würzenbachmatte 2, Luzern
«Ich habe mich eingemischt»
mit Hans Ruh, em. Professor für Sozialethik der Universität Zürich
Hans Ruh ist emeritierter Professor für Sozialethik der Universität Zürich. Seine wichtigsten Themen sind Ethik, Politische Ethik, Wirtschaftsethik, Arbeitswelt, Umwelt, Friedensforschung. Indem
er Ausschnitte aus seiner kürzlich erschienenen Autobiographie «Ich habe mich eingemischt» vorträgt, erfahren wir, wie er die Zeitgeschichte, wie er die Rolle der Kirche erlebt hat und was sein
Engagement war und ist.