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Ein selbständiges Leben ohne Internet wird nicht einfacher", sagt Rolf Kistler.

"Ohne digitale Medien droht die Ausgrenzung"

Auch die ältere Bevölkerung sollte sich in der digitalen Welt bewegen können, sagt Rolf Kistler vom iHomeLab in Horw. Denn Einzahlungen oder Buchungen von Tickets werden künftig vermehrt nur über Internet möglich sein.

Mit Rolf Kistler* sprach Beat Bühlmann

Der Digitreff von Vicino Luzern will älteren Frauen und Männer den Umgang mit digitalen Medien erleichtern. Braucht es das wirklich?
Rolf Kistler: Ja, davon bin ich überzeugt. Wer keinen Zugang zu den digitalen Medien hat, muss in Zukunft mit einer Ausgrenzung rechnen. Denn Dienstleistungen, etwa der Post oder der Banken, aber auch Betreuungsangebote, dürften künftig vermehrt nur über das Internet abrufbar sein.

Wer im Alter selbständig leben will, kommt nicht um die digitalen Medien herum?
Ein selbständiges Leben wird ohne Internet sicher nicht einfacher. Ich bin aber gegen jeglichen Zwang; alle sollten frei entscheiden können, ob sie sich in der digitalen Welt bewegen wollen. Wir sollen Ihnen die Möglichkeiten und den Zugang schaffen, um diese Entscheidung selbstbestimmt zu treffen.

Gibt es denn einen "digitalen Graben" unter der älteren Bevölkerung?
Generell verbreiten sich die digitalen Medien unter der älteren Bevölkerung immer stärker. Wobei die Gruppe der älteren Menschen natürlich sehr heterogen ist. Die Babyboomer zum Beispiel haben gelernt, im Alltag und am Arbeitsplatz mit Mails und Google umzugehen. Auch die 80plus sind oft motiviert, sich diese neuen Technologien anzueignen - zum Beispiel fürs Skypen mit dem Enkel in Neuseeland. Schwierig wird es vor allem für die über 90-Jährigen, die den Anschluss ans neue Zeitalter oft verpasst haben.

Wie reagiert deine Mutter, die du früher bei deiner Forschungsarbeit oft konsultiert hast, auf die digitale Welt?
Mein Mutter wird achtzig und ist krank. Sie hat ein Handy gehabt, doch kann sie heute nur noch auf einfache Weise kommunizieren. Die digitale Welt bleibt ihr weitgehend verschlossen.

Gibt es denn keine Projekte für Personen mit Einschränkungen?
Die Akzeptanz bei der älteren Bevölkerung ist gewachsen. Denn die Angebote verfügen heute über Funktionen, die auch Personen mit Einschränkungen ermöglichen, das Smartphone oder den PC zu nutzen. Schriften können vergrössert, Texte via Bildschirm gelesen werden. Sehbehinderten oder Blinden können zum Beispiel Geräte mit Sprachsteuerungen als Assistenten bei der Kommunikation helfen.

Wie muss man sich das vorstellen?
Es gibt zum Beispiel "Alexa" von Amazon, ein Kästchen wie ein kleiner Lautsprecher, das man auf den Küchentisch stellen kann. Alexa kann dir Guten Morgen sagen, dich über das Wetter informieren, an einen Geburtstag erinnern oder einfach einen Witz erzählen.

Eine schöne Spielerei oder praktische Hilfe?
Solche Geräte sind bereits auf dem Markt und gar nicht so teuer. Manchmal ist es mehr Spielerei als Hilfe. Aber es gibt neuerdings Notrufgeräte, die über die Sprachsteuerung funktionieren statt über den Alarmknopf am Arm. Wer zum Beispiel im Badezimmer auf dem Boden liegt, kann dann einfach um Hilfe rufen.

Vor fünf Jahren haben wir bereits über die neuen Technologien geredet. Was ist seither passiert?
Als Forscher ging ich damals davon aus, dass sich die neuen Technologien in der Praxis schneller durchsetzen. Es hat sich gezeigt - auch wenn ich an die Erfahrungen mit meiner Mutter denke - , dass es nicht genügt, gute Ideen zu haben. Wenn die Geräte zu kompliziert und zu teuer sind, werden sie nicht genutzt. Deshalb achten wir heute bei unserer angewandten Forschung stärker darauf, mit Firmen zusammenarbeiten, die alltagstaugliche, nützliche Projekte umsetzen wollen. Denn das Interesse an der Digitalisierung hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, auch bei Alters- und Pflegeheimen, bei der Spitex oder bei der Nachbarschaftshilfe.

Heute reden die Experten von Active and Assisted Living statt von Ambient Assistet Living - ist das nur eine Aktzentverschiebung?
Die Akzente haben sich verschoben. Wir wollen nicht einfach tolle Sensoren in jedem Haus installieren, sondern ein aktives Leben zu Hause und im Quartier tatsächlich ermöglichen. Die Technik kann helfen, den Kontakt unter älteren Personen und den Nachbarn zu erleichtern, damit sie nicht in ihren Wohnungen vereinsamen. Zudem können die digitalen Medien die Anbieter der verschiedenen Dienstleistungen im Quartier besser zu vernetzen.

Und so die Nachbarschaftshilfe stärken? 
Es ist der grösste Verdienst von Vicino Luzern, dass die verschiedenen Organisationen, die etwas für die ältere Bevölkerung tun, nun gemeinsam an einen Tisch sitzen. So können sie miteinander klären, was zu tun ist, damit alle so lange wie möglich im vertrauten Quartier bleiben können. Dafür genügt es allerdings nicht, einfach eine App zu entwickeln. Die Caring Community ist kein Selbstläufer, die Vernetzung findet nicht automatisch übers Handy statt. Es braucht jemanden im Quartier, der das wie bei Vicino an die Hand nimmt. Für diese Initialzündung braucht es allerdings Ressourcen.

Vicino ist eine Schaltstelle?
Vicino bietet selber keine Dienstleistungen an, sondern versteht sich als Vermittler. Zusammen haben wir das App Cabinet entwickelt, um alle relevanten und nützlichen Informationen mit wenigen Klicks in einfacher Form zugänglich zu machen. Das heisst: Wir wollen nicht auf Vorrat Infos und Adressen sammeln, das kann Google besser. Wir wollen anhand von konkreten Fallbeispielen aufzeigen, wo Hilfe im Quartier zu holen ist. Wenn zum Beispiel ein älterer Mann, der im Pavillon von Vicino auftaucht, offenkundig Hörprobleme hat, kann er, falls er dies wünscht, ohne Umwege in die Hörberatung begleitet werden. So könnte ein agiles Netzwerk entstehen, zu dem auch Coiffeure oder Physiotherapeuten Zugang hätten.

In welchen Bereichen wird die digitale Nutzung an Bedeutung gewinnen?
Kurzfristig steht die Sicherheit in der eigenen Wohnung im Vordergrund, also Notrufsysteme, die ohne das Stigmatisierende von Alarmarmbändern auskommen, sondern in einer Brosche oder im Radiogerät untergebracht sind. Auf längere Sicht werden die digitalen Medien die Vernetzung und somit die Kommunikation im Quartier verbessern. Ältere Leute, die viel zu Hause sind, werden auf WhatsApp chatten, Fotos verschicken, Skype nutzen; ihnen wird sich die Welt auftun.

Und die Vorbehalte werden schwinden?
Das wird sich ändern. Heute führt die neue Informationstechnik etwa in der Pflege oft zu mehr Administration und Kontrolle. Die neuen Technologien müssen einen spürbaren Gegenwert haben, also die Praxis vereinfachen und nicht verkomplizieren, damit ich mehr Zeit für die persönliche Betreuung gewinne. Entscheidend wird sein, dass Privatsphäre und Datenschutz gewahrt sind. Ich muss wissen, wo die Daten gespeichert werden, wenn ich bei einem sprachgesteuerten Notalarmsystem mitmache. Kameras in der Wohnung werden sich kaum durchsetzen. Eher denkbar ist, dass die Grossmutter oder der Grossvater über einen Fernseher mit Webcam direkt vom Sofas aus mit der Enkeltochter reden kann - doch über die Fernbedienung selber entscheidet, wann die Kamera läuft. - 29.11.2018

* Rolf Kistler (45) ist Leiter der Forschungsgruppe AAL (Active Assisted Living, «umgebungsunterstütztes Leben») beim iHomeLab der Hochschule Luzern, dem Schweizer Forschungszentrum zum Thema Gebäudeintelligenz.