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Zu früh ist auch zu spät

von Marco Meier
Man würde in einer durch und durch ökonomisierten Welt vergoldet, wenn man eine Formel vorlegen könnte, mit der sich Innovation berechenbar planen liesse. Alle suchen permanent das Neue, am liebsten im Superlativ, das Beste, Schönste, Grösste. Fast als wäre einerlei, um was es sich handelt.
Tatsächlich frage ich mich auch immer wieder, warum eine Idee ankommt oder eben nicht. Es ist über 15 Jahre her, seit ich meine erste Projektskizze für eine „Akademie der Weisen“ niederschrieb. Und auf nichts werde ich seit Jahren in immer neuem Zusammenhang so oft angesprochen. Zwei Mal habe ich über die Jahre mit Freunden versucht, die Idee umzusetzen. Wir kriegten aber leider das nötige Geld nicht zusammen. Und also ist die „Akademie der Weisen“ nur eine Idee geblieben.
Sie lässt mich aber bis heute nicht ganz los. Und in diesen Tagen denke ich erneut mit gewisser Wehmut daran. Im Oktober ist der Schweizer Magnum-Fotograf René Burri mit 81 Jahren gestorben, vor wenigen Tagen kamen im Volkshaus in Zürich über 400 Freunde zusammen, um seiner mit Bildern, Reden und Musik noch einmal zu gedenken. René Burri wäre einer unserer Weisen gewesen, der sich bereit erklärt hätte, für junge Menschen Sommerakademien in Fotografie anzubieten. Er war für mich das Vorbild eines älteren Kollegen, der in wunderbarer Weise hohe Kennerschaft als Fotograf, reiche Erfahrung in aller Welt und eine überwältigende Menschlichkeit als Lehrer in sich vereinigte und damit vorzüglich zwischen den Generationen hätte vermitteln können. Zu Zeiten, als ich noch bei der Kulturzeitschrift „du“ arbeitete, hat er zusammen mit dem Hamburger Fotografen Ulrich Mack in einem alten, umgebauten Kloster in Frankreich eine Sommerakademie für Reportagefotografie geleitet. Eine Woche lang hatten ältere Experten zusammen mit jungen Menschen fotografiert, in der Dunkelkammer entwickelt und die Resultate endlos in die Nacht hinein miteinander diskutiert.
Neulich während der Gedenkfeier zum Tod von René Burri stiegen in mir diese Bilder wieder auf. Das war es, was uns vor 15 Jahren vorschwebte. Das Alter als Ausdruck von Lebenserfahrung und beruflicher Kompetenz würde zu einer ganz besonderen Ressource zukunftsweisender Aus- und Weiterbildung. Alte erfahrene Menschen des Handwerks, aus Wissenschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft und Medien würden zu begehrten Vermittlern bedrohten Wissens und gefährdeter Lebenswelten. Den eigentlichen Nutzen an dieser Vermittlung sollten aber vor allem junge Menschen haben. Sinnstiftend hätte eine „Akademie der Weisen“ als Bildungsstätte bestimmt für beide Seiten gewirkt – für Jung und Alt. Generationen hätten hier beispielhaft füreinander da sein können. Und vor allem wäre das Alter endlich vom Stigma des „Unproduktiven“ befreit worden. Alle sprechen heute von der Dringlichkeit nachhaltiger Projekte und vom bedrohten Generationenvertrag. Lebenserfahrung ist Nachhaltigkeit in Reinkultur. In Tat und Wahrheit vergeuden wir aber mit dem zu frühen Ausscheiden älterer Menschen aus der Arbeitswelt täglich unwiederbringliches Wissen und Lebensweisheit.
Aus der „Akademie der Weisheit“ ist nichts geworden. Im Kapuzinerkloster Stans, wo wir damit vor Jahren gerne gestartet wären, hatte uns ein grossspuriger Unternehmer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er versprach Millionen zu investieren, schrammte tatsächlich aber über Jahre haarscharf dem Bankrott entlang. Jetzt ist das Kloster wieder leer. Der Hochstapler ist abgezogen. Wir waren wohl zu früh mit unserer Idee. Das heisst - leider auch zu spät.

Zur Person
Marco Meier, geboren 1953 in Sursee, ist Publizist und Philosoph. Als Chefredaktor der Kulturzeitschrift „du", als Redaktionsleiter und Moderator der „Sternstunden" beim Schweizer Fernsehen und als Programmleiter des Kulturradios DRS 2 hat er während 30 Jahren umfassende mediale Erfahrungen gesammelt. Marco Meier ist Mitglied des Vorstands der Kunstgesellschaft Luzern und sitzt im Stiftungsrat der Fotostiftung Schweiz. Er ist assoziierter Fellow des Collegium Helveticum der ETH und Uni Zürich und leitet seit Sommer 2012 das
Lassalle-Institut in Bad Schönbrunn bei Zug. Marco Meier lebt mit seiner Familie in Luzern.