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„Iuch!"

Von Karin Winistörfer

„Iuch! Iuch bitte!" Der Ruf schallt durch die stille Wohnung. Kein Zweifel: Der Junior ist wach. Hellwach. Es ist kurz vor, oder wenn ich Glück habe kurz nach, 6 Uhr morgens. Meine Tür öffnet sich, und im Halbschatten zeichnet sich die Silhouette des Zweieinhalbjährigen ab. „Iuch bitte!", sagt er. Der fordernde Ton lässt sich gedruckt nur schwer vermitteln.

So hat denn die Nachtruhe ein jähes Ende genommen – einmal mehr. Klar, der Junge hat Hunger, will Milch trinken. Und hat dabei meine Berner Aussprache übernommen, wenn er auch Miuch zu Iuch verkürzt hat.

„Meine Üüte!", enerviert er sich. Tja, manchmal kann ich mich einfach nicht genug schnell aus den Federn rausschälen. „Meine Üüte! Iuch!" So, jetzt aber los. Sonst weckt er mit seiner Ungeduld noch die ganze Familie auf. Oder fängt gar an zu Fluchen. „Sseisse" ist so ein geliebtes Wort. „Gopfiddutz" ein anderes, komplettiert durch „Gopfedeckel". Letztere zwei aufgeschnappt aus einem Lied der „Schwiizergoofe". Ich dachte auch schon, die noch unkorrekte Aussprache in der Öffentlichkeit könnte mich davor bewahren, für die Flucherei meiner Kinder von andern Leuten verurteilt zu werden. Leider ist das S-Wort auch unkorrekt ausgesprochen korrekt verständlich.

Item, wir waren bei der Iuch. Beziehungsweise beim Iuchschoppe. Der bereits leer ist. „Nume pöö", fordert der Kleine, will also noch etwas mehr haben. Diese Mischung aus Deutsch und Französisch ist bei uns gerade besonders populär, und mir richtiggehend ans Herz gewachsen. Wie auch beschmel – pardon: beispielsweise – das Cocomee, das es jeweils abends nach dem Zähneputzen gibt. Falls Sie zu wenig gute Fremdsprachen- oder besser: Kindersprachkenntnisse haben sollten: Cocomee ist das comprimé, die Fluortablette. Die ab und zu statt im Mund irgendwo am Boden landet. Nach erfolgreichen Suchaktionen ruft der Kleine jeweils freudig: „Ich gfundet!" Oder, wenn es mir gelungen ist: „Danke Ami!"

Überhaupt, die Sprache. Unglaublich, wie sie sich Kinder schnell aneignen. Und unglaublich, welcher Witz darin versteckt sein kann. Was, beschmel, ist das Veheeshuus der Vierjährigen? Oder ihre Hergisglasi, und Ann-Phiphi? Sehr Freude hab ich am Sauto, und am Krokodil, das bei uns immer mal wieder auf dem Teller landet. Oder „Dechi!", ein Ausspruch im Zusammenhang mit Spielplätzen. Und, mein persönlicher Favorit: Figipigg. Nicht einfach, gau?

Verkehrshaus und Glasi Hergiswil lassen sich noch erkennen, Ann-Phiphi ist eigentlich Anne-Sophie, Sauto das Auto, und das Krokodil schlicht und einfach Brokkoli. „Dechi" heisst: Gib mir auf der Schaukel so lange Schwung, bis ich am Himmel anstosse. Gau = gäu = gäll.

Und der Figipigg? Die Entstehungsweise dieses Wortes wird das Geheimnis des Sohnes bleiben. Ausgangspunkt war der téléphérique, die Seilbahn also, die wir in den Ferien vom Walensee in die Berge hoch brauchten. Auch nach zwei Runden hatten die Kinder nicht genug. „No meh Figipigg!" In der Zwischenzeit hat sich der Ausdruck mit „Teferic inegoo" dem Original angenähert und an Präzision gewonnen. Was ich trotz der besseren Verständlichkeit auch etwas bedauerlich finde. Denn was mit Figipigg gemeint war, wussten nur wir vier allein. Unser Familien-Geheimwort, sozusagen. Manchmal, denke ich, ist es auch ein Nachteil, wenn die Kleinen besser reden können. Immerhin haben sich die Häppiböösdeis noch erhalten, Kerzen also, die man mit pochendem Chärzli – Härzli – am Geburtstag ausblasen kann, bevors den Gschänkli an den Kragen geht.

So, nach all dieser Schreiberei brauche ich doch glatt – nein, keine Iuch, sondern ein Glas Lölisaft, gau. Oder wie heisst dieses gelbe, säuerlich-süsse Fruchtgetränk nur schon wieder? Meine Üüte!

16.Oktober 2014

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist ab September 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Verwaltung im Bereich Bildung und Kultur. 2001 schloss sie ihr erstes Studium der Geschichte und Soziologie mit dem Lizentiat ab. Danach war sie bis 2012 Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton bei der Neuen Luzerner Zeitung (Schwerpunkte Politik, Hochschulbildung, Gesundheit/Spitäler, Strommarkt, Gemeinden). 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern den Master of public opinion and survey methodology. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Lebenspartner und ihren zwei kleinen Kindern in der Stadt Luzern.